Nr. 07/2012 vom 16.02.2012

Für eine humanere Arbeitswelt

Der Travail-Suisse-Präsident plädiert für die «6 Wochen Ferien für alle»-Initiative.

Die Globalisierung und die Machtübernahme durch die Finanzindustrie mit ihren überrissenen Renditevorstellungen haben die Wirtschaft schnell und hart gemacht. Die Unternehmen geben den höheren Wettbewerbsdruck direkt an die Arbeitnehmenden weiter. Die Auswirkungen zeigen sich in den offiziellen Statistiken: Gemäss einer Studie des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) steht ein Drittel der Arbeitnehmenden andauernd unter Stress. Sogar achtzig Prozent arbeiten ständig unter hohem Termindruck. Dieser Anteil ist allein in den letzten zehn Jahren um zehn Prozent gestiegen. Dabei gibt es keine Unterschiede nach Wirtschaftszweig, Berufsgruppe oder Einkommen. Alle sind vom Stress gleich betroffen.

So macht die Arbeit heute immer mehr Menschen krank. Verschleisserscheinungen wie chronische Schmerzen, Schlaflosigkeit, Herz-Kreislauf-Probleme, Burn-outs und so weiter werden zu Volkskrankheiten. Allein die Gesundheitskosten der zu hohen Arbeitsbelastung schätzt das Seco auf zehn Milliarden Franken pro Jahr. Das ist aber noch nicht alles. Aufgrund der hohen Arbeitsbelastung können auch immer weniger Menschen bis zur ordentlichen Pensionierung arbeiten. Mit 63 Jahren ist in der Schweiz noch gerade die Hälfte der Menschen erwerbstätig. Zwanzig Prozent der Männer beziehen kurz vor der Pensionierung eine IV-Rente. Vierzig Prozent der unfreiwilligen vorzeitigen Pensionierungen erfolgen aus gesundheitlichen Gründen.

Gesellschaftlicher Unsinn

Das sind erschreckende Zahlen. Einerseits deshalb, weil hinter diesen Zahlen Tausende von individuellen Schicksalen stecken. Anders als von gewissen politischen Kreisen gerne kolportiert, ist nämlich eine IV-Rente oder eine vorzeitige Pensionierung äusserst selten das Ziel der betroffenen Arbeitnehmenden. Sehr viel häufiger ist es schlicht die einzige Möglichkeit, einen mindestens finanziell tragbaren Ausstieg aus dem Arbeitsleben zu finden. Andererseits ist dieser «Verschleiss» an Arbeitskräften auch ein grosser gesellschaftlicher Unsinn. Allein die demografische Entwicklung führt bis ins Jahr 2030 zu einem Mangel von rund 400 000  Arbeitskräften.

Dr. Martin Flügel (43) ist Präsident des Arbeitnehmerverbands Travail Suisse.

In den nächsten Jahrzehnten wächst ausserdem nur noch die Gruppe der über 55-jährigen Arbeitnehmenden. Damit diese kommende Generation von älteren Arbeitnehmenden nicht vorzeitig aus dem Arbeitsmarkt herausfällt, brauchen wir heute gute Arbeitsbedingungen. Und nicht erst, wenn es zu spät ist.

Ein erster Schritt

Selbstverständlich ist es wichtig, dass in der Invalidenversicherung und der Altersvorsorge gute Lösungen für alle Arbeitnehmenden bereitstehen, die gesundheitliche Probleme haben. Mindestens ebenso wichtig ist aber, dass wir die Arbeitswelt humaner gestalten. Und zwar so, dass die Menschen möglichst nicht krank werden. Dass sie unabhängig vom Alter leistungsfähig und motiviert bleiben. Und dass sie letztlich autonom entscheiden können, wann und wie sie aus dem Erwerbsleben ausscheiden wollen. Die Erhöhung des Ferienanspruchs auf sechs Wochen ist kein Allheilmittel. Aber es ist ein Schritt, um den hohen Belastungen am Arbeitsplatz von heute genügend Auszeiten entgegenzuhalten, einen Ausgleich zu schaffen, die Gesundheit der Arbeitnehmenden besser zu schützen und auch die Motivation für gute und hohe Leistungen zu erhalten. Sechs Wochen Ferien sind ein erster Schritt zu einer humaneren Arbeitswelt. Zu einer Arbeitswelt, die für die Menschen da ist und nicht umgekehrt.

www.sechswochenferien.ch

Dr. Martin Flügel (43) ist Präsident des Arbeitnehmerverbands Travail Suisse.

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