Nr. 15/2012 vom 12.04.2012

Tausendundein Gesicht

Yusuf Yesilöz über späte Einsichten beim Tschutten.

Das Thema «Migration» hatte letzte Woche die Schweiz voll und ganz eingenommen. Während der Bundesrat für das aus Deutschland in die Schweiz illegal immigrierte Geld eifrig eine Lösung suchte, veröffentlichte die Sozialdemokratische Partei mit einem Auftritt zu sechst ein Migrationspapier. Die Parteileitung schien mit dieser hochrangigen Präsenz die Wichtigkeit des Themas zu markieren. Das Interesse der Medien war gross, die an sich nicht neuen Positionen der SP füllten ganze Zeitungsseiten. Die SozialdemokratInnen bemühten sich zwar um eine zeitgenössische, humanistische Haltung, doch mit Überschriften wie «Die SP will Zuwanderung eindämmen» oder «Wir stehen zu Zwangsausschaffungen» tendieren sie auch zu einer harten Linie, die an der Urne belohnt werden soll.

Dann druckte die «Weltwoche» auf ihrem Titelblatt das Foto eines Romakindes, das eine Pistole auf die LeserInnen richtet. Unter dem Bild stand: «Die Roma kommen: Raubzüge in die Schweiz.» Der differenzierte Auftritt der SP wurde von der klar rassistischen Provokation der «Weltwoche» in den Schatten gestellt.

Die Migration bleibt eines der meistdiskutierten Themen in den westlichen Ländern, deren Wirtschaft auf die Zuwanderung angewiesen ist. Nach Angaben der Vereinten Nationen leben zurzeit 215 Millionen Menschen als eingetragene ImmigrantInnen. Die Hälfte davon lebt und arbeitet in Industrieländern. Und ein Viertel der weltweiten MigrantInnen sind Vertriebene und politische Flüchtlinge. Die Zahl der nicht registrierten Menschen, die fernab ihrer Heimat irgendwo und ohne irgendwelche Rechte leben, kann niemand genau eruieren. In der Schweiz sprechen Fachkreise von etwa hunderttausend Statuslosen. Sich der Problematik dieser Rechtlosen zu stellen, ist eben nicht populistisch und braucht Mut.

Auch die Roma sind Zeugen der globalisierten Welt. In den verschiedenen Ländern, in denen sie leben, sind ihre Hauptprobleme dieselben: andauernde physische Bedrohung, mangelnde Rechtssicherheit, systematische Diskriminierung, Marginalisierung und Ghettoisierung. Nachdem der Eiserne Vorhang in Mittel- und Osteuropa fiel, zwangen die schwierige wirtschaftliche Situation, der zunehmende Rassismus und die gezielten Aktionen gegen Roma diese zur Flucht in den Westen. Die Roma kommen noch immer nach Deutschland, nach Frankreich oder in die Schweiz. Sie suchen eine Möglichkeit, irgendeinen Erwerb zu erhalten. Für viele verbessert sich dadurch an ihrer sozioökonomischen Situation jedoch nichts Wesentliches.

Ich kenne in der Schweiz Angehörige der Roma, die weder musizieren noch auf Hochzeiten tanzen, weder betteln noch stehlen, sondern eine Kinderkrippe leiten oder als Übersetzerin arbeiten. Sie müssen aber hier – in einer entwickelten Demokratie – gegen massive Vorurteile kämpfen.

Wer die Schweiz mit ihren verschiedensten Menschen, die aus rund 160 Nationen stammen, wirklich wahrnimmt, wird erfahren, dass die Migration im Alpenland tausendundein Gesicht erhalten hat. Eine neue Facette wird dazukommen, wenn wir ein Romakind mit dem Kind von Roger Köppel, dem «Weltwoche»-Chef, auf dem Fussballplatz tschutten sehen.

Und wenn die Kinder sich fragen, wie die Väter ihr Geld verdient haben, wird man sich erinnern, dass der eine vielleicht mit Alteisenwarenhandel seinen Lebensunterhalt bestritten hat und der andere, der stets aufmerksamkeitssüchtige Köppel, die Auflage seiner Zeitschrift – zu der er gekommen ist wie Mutter Maria zu ihrem Kind – mit Menschenverachtung und üblen Nachreden zu steigern versuchte.

Yusuf Yesilöz ist Schriftsteller und lebt in Winterthur. Sein letzter Roman, «Hochzeitsflug», ist im Limmat-Verlag erschienen.

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