Nr. 15/2012 vom 12.04.2012

Ballett, Kokain und Kickboxen

Etrit Hasler über alternde Kampfsportler und Actionfilme.

Nichts altert so schlecht wie abgehalfterte Actionstars. Diese unumstössliche Wahrheit hat uns nicht zuletzt die All-Star-Produktion «The Expendables» unter der Regie von Silvester Stallone vor Augen geführt, die vorletztes Jahr im Kino zu sehen war. Da waren sie für einmal alle versammelt: Ex-«Gouvernator» Arnold Schwarzenegger, der ehemalige Profiwrestler «Stone Cold» Steve Austin, der ewig böse Dolph Lundgren, ein massiv aufgedunsener Mickey Rourke, die Asia-Filmlegende Jet Li, Bruce «Schweinebacke» Willis und natürlich Stallone selbst, dessen altersverformten Körper wir schon kurz davor beim sechsten Teil seines Boxerepos «Rocky» mit perverser Freude hatten bestaunen dürfen.

Kurzum, es waren all jene Hauptfiguren der testosteronschwangeren Träume pubertierender Jugendlicher in den achtziger Jahren im selben Film versammelt – und ja, ein bisschen homoerotisch war das damals schon, aber das ist eine andere Geschichte.

Dass ausgerechnet der einzige Europäer in diesem Ensemble fehlte, der Belgier Jean-Claude Van Damme nämlich, mag damit zu tun gehabt haben, dass dieser kurz davor selbst in einem Film mitgespielt hatte, der das Altern von Actionstars zum Thema gemacht hatte: dem famosen «JCVD» (Van Dammes Initialen), in dem Van Damme eine heruntergekommene Version seiner selbst spielt, die bei einem Besuch in Belgien in einen Banküberfall gerät. Im Unterschied zu «The Expendables» handelt es sich dabei jedoch weder um einen Actionstreifen noch um eine Komödie – im zentralen Element des Films, einem fast sechsminütigen Monolog in die Kamera, spricht Van Damme offen über die dunklen Seiten seines Lebens, seinen Drogenkonsum, darüber, dass seine Kinder darunter leiden, dass sich andere Menschen über ihren Vater lustig machen – Van Damme wurde in der Heimat häufig wegen seines «Franglais», der komischen Mischung aus Französisch und Englisch, hochgenommen.

Tatsächlich hatte Van Damme immer wieder mit seinem Image zu kämpfen. Als der gelernte Karatekämpfer mit dem Kickboxfilm «Bloodsport» (1988) seinen Durchbruch schaffte, tauchten schnell Gerüchte auf, seine Karatetitel, mit denen er sich schmückte, seien alle erfunden – dabei hatte er diese Amateurtitel unter seinem Geburtsnamen «Jean-Claude Camille François Van Varenberg» gewonnen. Was umgehend neuen Stoff lieferte, da Van Damme nicht nur Karate und Kickboxen betrieb, sondern mit sechzehn Jahren auch noch eine fünfjährige Ballettausbildung absolviert hatte – was, wie es ein Komiker festhielt, zu einem Mann, der in Wirklichkeit Camille hiess, auch ganz gut passte. Dass Van Damme sein Markenzeichen – den Spagat – gerade wegen des Balletts so gut beherrschte, passte natürlich nicht ins Bild des hartgesottenen Actionfilmhelden. Genauso wenig wie die Tatsache, dass sich Van Damme 1998, auf dem Höhepunkt seiner Kokainsucht, dazu bekannte, manisch-depressiv 
zu sein.

Kein Wunder, hat sich Van Damme auch heute noch etwas zu beweisen: Derzeit bereitet sich der bald 52-Jährige auf seinen ersten Profikickboxkampf vor – gegen den thailändischen Olympiasieger im Boxen, Somluck Kamsing, einen Mann, der dreizehn Jahre jünger ist als er. Sollte der Kampf tatsächlich stattfinden (geplant ist er für diesen Sommer, wird aber seit letztem November immer wieder verschoben), wäre Van Damme der erste Mensch über fünfzig, der einen Profikampf im Kickboxen absolviert. Zuvor hat er aber noch die Arbeiten an einem Film abgeschlossen, der ihn endlich wieder einmal in die Mainstreamkinos bringen wird: die Fortsetzung zu Silvester Stallones «The Expendables», in dem Van Damme den Bösewicht spielen darf. Übrigens an der Seite des noch viel abgehalfterteren Ex-Taekwondokämpfers und prominenten US-Republikaners Chuck Norris. Damit wäre das Ensemble hoffentlich komplett.

Etrit Hasler verspürt grosse Sympathie für alte Männer, die nicht merken, wann sie zu alt für etwas sind. Wahrscheinlich, weil ihm das selbst manchmal so geht.

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