Nr. 19/2012 vom 10.05.2012

Ein bisschen Mensch

Das Gesicht ist schon recht menschlich. Auch das Becken ist schlanker geworden. Aber er geht noch ziemlich gebückt, schleift die Arme beinahe am Boden entlang und ist nur 130 Zentimeter gross. So kann er als Zwischenform zwischen der Gattung Australopithecus und der Gattung Homo gelten: der Australopithecus sediba. 2010 wurden seine Knochen in Südafrika entdeckt und auf zwei Millionen Jahre geschätzt. Die Universität Zürich hat den Vormenschen jetzt aus dem Schädel, ein paar Hüft-, Oberarm-, Schienbein- und Brustkörperknochen erstmals als vollständiges Skelett rekonstruiert.

Zu sehen ist die Rekonstruktion in der neuen Dauerausstellung «Spuren unserer Ahnen» im Anthropologischen Museum der Universität Zürich. Sie zeigt, neu aufbereitet, die Meilensteine der Menschheitsgeschichte. Unter anderem wird dabei eine Ehrenrettung des Neandertalers versucht, der durchaus nicht dümmer war als der Homo sapiens, sondern wegen seiner schlechteren sozialen Organisation vom Menschen verdrängt wurde (was WOZ-LeserInnen natürlich schon wissen).

Das Anthropologische Museum in Zürich ist das zweite Institut nach dem Naturhistorischen Museum Basel, das aufrüstet. Die Basler Ausstellung «Knochenarbeit. Wenn Skelette erzählen», die im Oktober 2011 eröffnet wurde, ist des grossen Interesses wegen bis zum 2. September 2012 verlängert worden. Wie die Basler rühmt sich auch die Zürcher Ausstellung, Paläontologie-DetektivInnen bei der Arbeit zu zeigen. Der Erfolg befriedigt offenbar zwei Interessen: einerseits das an der Forensik, der Gerichtsmedizin, das mit zahlreichen Krimiserien im Fernsehen gefüttert worden ist, wobei «bones» sich gerade auf historische Kriminalfälle und entsprechende Knochen konzentriert. Andererseits das Interesse am Ursprung der Menschheit. Wenn wir schon nicht wissen, wohin wir gehen, wollen wir zumindest wissen, woher wir kommen. Wenn vielleicht auch nur symbolisch. Da kann ein 1,3 Meter hohes Menschlein, das sich allmählich zur heutigen Grösse erhebt, durchaus gelegen kommen.

Stefan Howald

Nachtrag zum Artikel «Eine schöne Menschheitsgeschichte: Der Mensch ist dem anderen kein Tier» in WOZ Nr. 12/12.

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