Nr. 22/2012 vom 31.05.2012

Präzise erinnern, wie es damals war

Von Anna Wegelin

Der Band «Eine Andere» der in Zürich lebenden Autorin Maja Peter (geboren 1969) kommt als «Roman» daher. Doch epische Breite ist Sache dieser Aufzeichnungen nicht, die von den Brüchen einer weiblichen Biografie handeln und auch vom befreienden Prozess des literarischen Schreibens.

Am Anfang, im ersten Kapitel «Erste Schritte», steht der Versuch, der Wahrnehmung eines Neugeborenen eine Sprache zu verleihen. Am Ende, im letzten Kapitel «Gestalten», protokolliert das schreibende Ich, wie Familienmitglieder es «heimsuchen»: wie sie präzise erinnern, wie es damals war. Damit der Sinn erkennbar wird – und die Geschichte ruhen kann.

Das Textmosaik «Eine Andere» handelt: vom depressiven Vater der Erzählerin, der zuviel trank und «seinen Körper ausdorren» liess, «körperlos anwesend» war; vom «Gefühl von Freiheit», das sich einstellt, wenn sie beim Balletttanzen die Kontrolle über ihren Körper gewinnt; von der Mutter, von der sie nichts mehr wissen will. Aber auch die schöne neue Werbewelt wird seziert, in der sie die meiste Zeit verbringt, obwohl sie sich eigentlich zum Schreiben, zum richtigen, berufen fühlt.

Wo ist sie zugehörig, diese «Aussenstehende» ohne Kind? Und falls sie einen Mann haben sollte: Wie platonisch ist sie – und wie weit weg? Beim Steineordnen, Zeichnen und Ballonfetzenarchivieren sammelt sie sich wieder innerlich. Und sucht weiter.

«Sie will keine neue Identität, nur eine Pause von den Einzelheiten ihres Lebens, die kein Ganzes ergeben.» Im Kapitel «Einen Namen haben», in der sie eine Podiumsdiskussion zum Thema «Wie beginnt man mit Schreiben?» besucht, finden wir den Schlüssel zum Ganzen. «Ich will den Gedanken folgen, sie Form annehmen lassen. Ich will das Wesentliche» lesen wir.

«Eine Andere» ist aus einer inneren Notwendigkeit entstanden. Maja Peter, die 2010 den Studer/Ganz-Preis für das beste Prosadebüt erhalten hat, ist eine Stimme, die wir uns merken sollten.

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