Literatur: Walverwandtschaften
In ihrem Debütroman erzählt Iris Keller von Schwangerschaft in intensiven Bildern von Meeressäugern – und kritisiert damit auch gängige Darstellungen.
Da liegt ein glitschiger, salzig riechender Wal im Wohnzimmer und versperrt der jungen Mutter den Weg zu ihrem schreienden Neugeborenen. Die Protagonistin begegnet in dieser traumhaft anmutenden Anfangsszene ihrer Schwangerschaft in der Gestalt eines Wals. In Iris Kellers Roman «Walwerdung» erzählt die Ich-Erzählerin von ihren Erfahrungen. Im «Aquarium» der wie alle Figuren namenlosen Protagonistin wächst ein «Meerestier» heran. Dieses wird, analog zu nichts Geringerem als dem Leben auf der Erde selbst, aus dem Wasser ans Land gehen.
Durch die vielen Dokumentationen, die die werdende Mutter «morgens, mittags, abends» schaut, findet sie in den Walen Verbündete: «Ich habe Flossen und bin an Land.» Ständig will sie ins Wasser, bald mutet die Gynäkologin mit ihrem Ultraschall wie ein Delfin an. Die Protagonistin turnt mit anderen Schwangeren im «Walballett» oder versucht, den scheinbar niemals nachlassenden Hunger zu stillen – wie ein Wal, der nur sein Maul aufzusperren braucht, damit das Plankton hineingleitet. Diese Bilder sind mehr Träumerei, die Protagonistin verwandelt sich nicht tatsächlich in ein Meerestier. Sie findet durch ihre Schwangerschaft vielmehr eine Wa(h)lverwandtschaft im Geiste. Die Wale sind überall; darin klingt auch das Absolute einer Schwangerschaft an, die alles vereinnahmt, was die Protagonistin davor war.
Vom Roman zur Performance
Es ist ein Roman, die Figuren sind erfunden, doch «aufgrund von Begebenheiten aus dem echten Leben» entstanden. Die 1988 geborene Iris Keller lebt im Baselbiet und arbeitet als freischaffende Künstlerin unter anderem im Theater und in der Literaturvermittlung. «Walwerdung» ist ihr Prosadebüt. Eine darauf basierende Performance soll im kommenden Frühling uraufgeführt werden.
Im Roman ist die Assoziation mit den Meerestieren rasch etabliert, und Keller tobt sich darin aus. Die Walfakten muten teils etwas schulbuchhaft an, sind aber nichtsdestotrotz spannend. Viele Vergleiche zum Erleben der Protagonistin sind einleuchtend, andere bleiben rätselhafter und verlangen mehr Interpretationswillen. Sie sind nicht nur Spielerei, sondern Mittel zur kritischen Auseinandersetzung mit der Wahrnehmung und Darstellung von Schwangerschaft, Geburt und Elternschaft. Die Protagonistin erkennt sich wieder, wenn sie von abwesenden Walvätern liest, die Mutter und Neugeborenes einzig in die Polarmeere eskortieren. Und reflektiert, dass «Mütterkörper», wenn es um finanzielle Überlegungen eines Kaiserschnitts gehe, «nicht viel mehr wert als Walkörper» in der industriellen Verwertung seien.
Insbesondere dienen die Walvergleiche auch zur Diskussion der Lücken in der Darstellung von Mutterschaft. Dies zeigt sich, wenn die Protagonistin versucht, etwas über die Grösse einer Blauwalplazenta herauszufinden, und nur Angaben zu Penis und Sperma findet. Aber auch, wenn sie vergeblich nach Geburtsvideos sucht, die auch die «Eröffnungsphase» zeigen. Die Geburt ihres eigenen Kindes dauert dann ganze drei Tage und endet für sie auf der Intensivstation – was Keller ausführlich erzählt, ohne aber voyeuristisch zu werden. Genau darum geht es ihr. Das «Plädoyer für ein Story-Telling mit Plazenta», das die Protagonistin gedanklich hält, ist Programm von «Walwerdung». Damit prangert Keller Lücken im Erzählen der unmittelbaren körperlichen Erfahrung einer Geburt an. Und drückt gleichzeitig den Wunsch nach einer nichtstereotypen Perspektive auf Elternschaft aus.
Zurück zum Landlebewesen
Nicht zu kurz kommt die Kritik an den unterschiedlichen gesellschaftlichen Erwartungen an Mütter und Väter und der (mangelnden) Wertschätzung der Care-Arbeit, was einen immer wieder frustriert weiterlesen, auf Besserung hoffen lässt. Doch «die Milch steht zwischen uns, sein Arbeitstag, mein Arbeitstag, der keiner ist, das Bier», stellt die Protagonistin einmal lakonisch fest und nimmt damit kurzerhand die Illusion einer gerechten Arbeitsaufteilung auseinander, die am Umgang mit biologischen Unterschieden scheitert.
Im Zentrum des Romans stehen die Gefühlswelt und die Entwicklung der Protagonistin. Keller erzählt nicht nur von ihrer Wal-, sondern sozusagen auch von ihrer Menschwerdung: dem Übergang von der Schwangeren zur Mutter, der Phase nach der Geburt, wenn sie «vom grossleibigen Bartenwal zu einem wenig beeindruckenden, schrumpeligen Säugetier» wird. Sie kann den Wal, sinnbildlich für ihre Schwangerschaft, noch nicht hinter sich lassen, weil sie sich erst wieder zu einem Landlebewesen entwickeln muss. Es ist eine Zeit, in der die Protagonistin kaum schläft, mit suizidalen Gedanken kämpft, das Neugeborene noch nicht an der Brust trinken kann, während der Vater arbeiten geht und nachts tief schläft.
Doch Keller lässt uns nicht hoffnungslos zurück, im Gegenteil. Sie endet mit Aussicht auf Entwicklung. Sowohl auf gesellschaftlicher Ebene als auch im Kleinen: Der Vater wiegt das Neugeborene in den Schlaf, und die Mutter gewöhnt sich wieder an das Leben an Land; «der Wal ist verschwunden».