Nr. 28/2012 vom 12.07.2012

Das zuversichtliche Lächeln des Lords im spiegelglatten Teich

Einst ein Weltrekordläufer, jetzt konservativer Politiker und Geschäftsmann: Sebastian Coe – Lord Coe – weiss, wie man die Olympischen Spiele und sich vermarktet. Und alle kritischen Fragen ausblendet.

Von Andrew Jennings

«Hier kommt er», flüstern die Kinder, «er hat zwei olympische Goldmedaillen gewonnen.» Die Lokalzeitung hat ihnen erzählt, dass sie sich glücklich schätzen dürfen, von diesem grossen Mann besucht zu werden. Während die Coca-Cola-Samsung-Lloyds-Bank-Fackel sich London nähert, beendet der Vorsitzende des Organisationskomitees, Seb Coe, langsam seine monatelange Tour durchs Land, bei der er sich auf Schulkinder konzentriert und ihnen versichert hat, dass Britannien eine nicht genauer bestimmte «Erbschaft» von den Olympischen Spielen erhalten werde. Seine Behauptungen werden von LokalreporterInnen nie bezweifelt, und sie schreiben nur ehrerbietig über diese Ikone.

Und welch erstaunliches Leben er geführt hat. Im Sommer 1979 stellte Sebastian Coe drei Weltrekorde über die Mittelstrecken auf, von 800 Metern bis einer Meile. In Moskau 1980 gewann er die 1500 Meter – und wiederholte den Sieg 1984 in Los Angeles. 1979 und 1981 wurde er zum Weltsportler des Jahres gewählt, er gilt als einer der besten Mittelstreckenläufer aller Zeiten. Coe rannte mit Grazie und Eleganz, und nicht wenige Experten meinen, er besässe den perfekten Körper für einen Läufer.

Nachdem er die Laufschuhe an den Nagel gehängt hatte, vertrat der instinktive Rechtsausleger ab 1993 für die Konservativen im britischen Parlament den Wahlkreis Cornwall, wurde aber beim Erdrutschsieg von Labour 1997 von den WählerInnen abgewählt. 2000 wurde er in das nicht durch Wahlen legitimierte Oberhaus befördert und gewann einen weiteren Titel: Baron Ranmore of Surrey. Man darf ihn aber einfacher Lord Coe nennen.

Ein gewinnendes Gesicht

Während er noch als Athlet kämpfte, wurde der attraktive junge Mann 1981 von Juan Antonio Samaranch, seit 1980 Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOK), zum Vorsitzenden der neu gegründeten Leichtathletikkommission des IOK ernannt, um seinem Unternehmen ein Gesicht zu verleihen, die Olympischen Spiele in eine Geldmaschine zu verwandeln.

Delegierte aus der sogenannten Olympischen Bewegung trafen sich im luxuriösen Brenner’s Park Hotel in Baden-Baden. Coe diente als Verzierung, während Samaranch Änderungen durchsetzte, sodass auch Profis an den Spielen teilnehmen durften. Sponsoren und die Fernsehnetze wollten das und versprachen traumhafte Gewinne. Coe erklärte später, die Abschaffung des Amateurstatuts bedeute, «Athleten in den Mittelpunkt jener Entscheidungen zu stellen, die in ihren Namen von Sportorganisationen getroffen wurden». Andere meinten, dass Coca-Cola und andere Sponsoren – die bald «Partner» genannt wurden – diesen Ort besetzten.

Coe lernte dabei einiges über die Schnittstelle von Sport und Geld und wurde Millionär, indem er Fitnessklubs seinen Namen lieh sowie als gut bezahlter «Berater» von Nike, dem Fussballklub Chelsea und Telefongesellschaften amtete. Für seine Vorträge über «erfolgreiche Motivierung» kassiert er viel Geld. Und dann ist da seine private Firma, The Complete Leisure Group. Einer ihrer Direktoren, der in Monaco lebende Peter Abbey, wird mit verschiedenen Firmenkonkursen in Verbindung gebracht. Schon 1985 wurde er für bankrott erklärt – und dann 2009 erneut.

Coe verdient im Jahr 357 000 Pfund (530 000 Franken) als Verwaltungsratsvorsitzender der Privatfirma London Organising Committee for the Olympic Games (LOCOG), die die Olympischen Spiele in London organisiert. 2006 ernannte er Paul Deighton zum geschäftsführenden Direktor. Das war zwei Jahre, bevor Lehman Brothers uns lehrte, Banken zu misstrauen. 2006 aber wurde der Tatsache, dass Deighton Chef von Goldman Sachs in Europa gewesen war, heftig applaudiert. Berichte, wonach sich sein Vermögen auf hundert Millionen Pfund belaufe, werteten sein Image weiter auf. Doch in letzter Zeit ist Deighton unter Druck geraten – wegen der Steuerdeals, die die Bosse von Goldman Sachs, Deighton inbegriffen, in den neunziger Jahren abgeschlossen hatten.

So gründeten sie zum Beispiel eine Goldman-Firma in der Steueroase der British Virgin Islands, über die ihre dicken Gehälter und fetten Boni ausbezahlt wurden. Damit kamen sie ein Jahrzehnt lang durch. Aber als die britischen Steuerbehörden das Arrangement entdeckten, forderten sie vierzig Millionen Pfund Nachsteuern. Schliesslich einigte man sich auf einen faulen Kompromiss von dreissig Millionen Pfund (45 Millionen Franken). Doch die AktivistInnen von Uncut UK, welche die Sparmassnahmen und Stellenstreichungen der konservativen Regierung bekämpfen, deckten den Deal auf und überzeugten einen Richter, eine Untersuchung einzuleiten, wie die Goldman-Bosse zehn Millionen zurückbehalten konnten. Jedenfalls schmeckt die Geschichte nicht nach olympischem Idealismus.

Lord Coe will nicht

Ich habe Lord Coe einmal getroffen. Ende 2007 drehte ich für das BBC-Politprogramm «Panorama» einen Film über die Korruption bei der Fifa (bislang habe ich vier davon gemacht). 2006 hatte Coe eine Einladung von Sepp Blatter angenommen, das Ethikkomitee der Fifa zu präsidieren. Ein Jahr später hatte er immer noch keinen einzigen der verschiedenen grösseren Skandale untersucht. Also luden wir ihn ein, diese Frage zu diskutieren. Er sagte, er könne nicht. Wir dachten, er könne.

Wir entdeckten, dass er ein Fitnesszentrum in einer kleinen Stadt im schottischen Hochland eröffnen würde. Wir fuhren die ganze Nacht hindurch, und am nächsten Morgen war ich mit meinem Kamerateam bereit, als Coe ankam. Die BBC-Regeln für solche unangekündigten Konfrontationen sind streng. Die betroffene Person darf weder behindert noch berührt werden. Der Reporter muss sich tadellos benehmen.

Als Lord Coe aus seinem Wagen stieg, wurde er von einer ganzen Reihe lokaler Grössen und Dudelsackbläser begrüsst. Ich trat vor: «Lord Coe, nur einen Augenblick bitte, könnten Sie Ihre Weigerung, uns ein Interview zu gewähren, überdenken?» Coe ignorierte die Frage, drehte sich um und begrüsste die Offiziellen. Dann beschleunigte er seinen Schritt und ging auf den Eingang zu. Ich folgte ihm. «Lord Coe, was soll ein unabhängiges Ethikkomitee, wenn Sie nicht über Fifa-Skandale sprechen wollen?» Ich bahnte mir einen Weg zwischen den Kiltträgern hindurch, aber Coe war schneller, und ich konnte ihm nicht ins Gebäude hinein folgen.

Im Februar 2008 trat Lord Coe aus dem Ethikkomitee der Fifa zurück und schloss sich dem – erfolglosen – Bewerbungsteam Englands für die Ausrichtung der Fussballweltmeisterschaft 2018 an. Er erklärte: «Ich möchte Fifa-Präsident Sepp Blatter danken, dass er dieses Arrangement ermöglicht hat.» In seiner ganzen Komiteezeit hat Coe keinen einzigen Fifa-Skandal untersucht.

Spülbeckentests

Ich hätte mit Coe noch gerne über etwas anderes diskutiert. Er klopfte immer grosse Sprüche über den Kampf gegen Doping, und am IOK-Kongress 1981 in Baden-Baden hatte er «lebenslängliche Sperren für Trainer und sogenannte Doktoren, die dieses Übel befördern», gefordert. Ein Jahr zuvor hatte er in Moskau seine erste Goldmedaille gewonnen. Coe ist ein intelligenter Mensch und hatte sicherlich mitbekommen, dass positive Dopingbefunde in den siebziger Jahren zugenommen hatten. An den vorangegangenen Olympischen Spielen 1976 in Montreal gab es acht positive Befunde und schwere Verdächtigungen gegenüber den DDR-AthletInnen. In den folgenden vier Jahren wurden an jeder wichtigen Leichtathletikmeisterschaft mehr Dopingfälle bekannt.

Doch an den Olympischen Spielen 1980 in Moskau gab es keinerlei positive Befunde! Der Wunsch des neuen IOK-Präsidenten Samaranch nach sauberen Spielen, um die Spiele den grossen Markenfirmen verkaufen zu können, entsprach dem Wunsch von Genosse Breschnew, das sowjetische Image nicht zu beflecken. Die beiden kollaborierten und machten, was im US-Amerikanischen anschaulich «Spülbeckentest» genannt wird: Wirf die positiven Proben ins Spülbecken, und jedermann ist sauber.

Aber der Dopingexperte Manfred Donike nahm die ursprünglichen Proben mit in sein Labor nach Köln und testete sie erneut. Seine Resultate? Zwanzig Prozent der AthletInnen in Moskau waren gedopt – darunter sechzehn GoldmedaillengewinnerInnen. Ich suggeriere nicht, dass Coe je gedopt hat. Aber er hat nie gegen diese Hintergehung von AthletInnen und Fans durch das IOK protestiert.

Vier Jahre später in Los Angeles verhandelte das IOK weiter um millionenschwere Verträge, und deshalb brauchten auch diese Spiele ein sauberes Image. In Moskau hatte Samaranch darauf vertrauen können, dass der sowjetische Geheimdienst KGB die Dreckarbeit erledigen würde. In den USA würde es nicht so einfach sein. Deshalb musste es das IOK selbst erledigen. Elf positive Proben wurden gemeldet. Genug! Doch dann meldete das Untersuchungslabor weitere positive Befunde – und hörte nie mehr etwas davon.

Craig Kammerer, stellvertretender Direktor des Labors, erinnert sich: «Am Ende der Spiele hatten wir eine ganze Reihe positiver Proben, aber keineR der AthletInnen erschien je für eine B-Probe. Einige Befunde betrafen Testosteron, einige Steroide und einige Ephedrine. Wir bekamen nie eine Erklärung, warum nichts unternommen wurde.» Zwei andere Doktoren bestätigten, dass das IOK diese zusätzlichen positiven Befunde unterschlagen hatte.

Coe, der seine zweite Goldmedaille in Los Angeles gewann, hat das IOK wegen dieser skandalösen Spülbeckentests nie kritisiert.

Schwarzmarkt für Billette

Normalerweise gibt es drei Phasen in der Medienberichterstattung über Olympische Spiele. Coe führte das Team an, das 2005 die Olympischen Spiele für London gewann, und die Medien waren begeistert. 2009 verflog der Enthusiasmus, als sich das Budget auf beinahe zehn Milliarden Pfund verdreifachte. Aber vor ein paar Monaten begannen die Medien sich wieder für das kommende Ereignis zu erwärmen. Das nicht zu tun, wäre ja unpatriotisch – obwohl Meinungsumfragen manche negativen Stimmen vermelden.

Dann, Mitte Juni, warf die «Sunday Times» einen Stein in den spiegelglatten Teich, der Coes zuversichtliches Lächeln reflektierte. Sie entlarvte einen «riesigen Schwarzmarkt für Olympiabillette» – ein Schlag ins Gesicht für jene BritInnen, die Milliarden für die Spiele lockermachen und jetzt entdecken müssen, dass sie keine Billette bekommen, während Offizielle grosse Gewinne einstreichen.

Wir merken zudem, dass die konservative Regierung, die Coe unterstützt, bis zu fünfzehn Prozent der jährlichen Subventionen für den Sport streicht: Was grosse Zweifel weckt, wie eine «Erbschaft» der Olympischen Spiele im Profi- wie im Breitensport nachhaltig gesichert werden soll. Es gibt bis jetzt noch keinen Pächter für das teure neue Stadium, und wenn die Rechnung bei den SteuerzahlerInnen eintreffen wird, mitten im Stellenabbau und der Finanzkrise, werden sich viele BritInnen fragen, wer sie denn in dieses Schlamassel geführt hat.

Aber Lord Coe wird seinen Freunden beim Olympischen Komitee in Lausanne Olympische Spiele geliefert haben und verdient es sicherlich, in ihren erlauchten Kreis gewählt zu werden.

Aus dem Englischen von Stefan Howald.

Der englische Journalist Andrew Jennings 
ist bekannt geworden durch seine Recherchen 
zu Korruptionsfällen der Fifa und anderen Sportorganisationen. Seine kurze Begegnung 
mit Sebastian Coe ist zu sehen auf: www.tinyurl.com/wozcoe

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