Nr. 34/2012 vom 23.08.2012

«Offness» in den Alpen

Esther Banz glaubt an die Sommerferien (und den Schweizer Tourismus)

Ein altes Postauto fuhr uns alle in die Rosenlaui hoch, gut zwei Dutzend Schweizer TouristInnen, kurz vor dem 1. August. Die Rosenlaui ist ein Tal, eine Schlucht und ein Belle-Époque-Hotel an nicht ganz einfach erreichbarer Lage im Berner Oberland. Man isst dort richtig gut. Und die Zimmer sind gemütlich.

Wir hatten schon vor einem halben Jahr reserviert. Und es trotzdem nicht geschafft, eines der Gemächer mit Balkon zu bekommen. Das fuchste uns.

Vielleicht hatten die Glücklichen, die an «unseren» Tagen die Wandersocken zum Auslüften nach draussen hängen konnten, während wir sie und auch die Schuhe eben im Hotelflur duften liessen, einfach sehr bestimmt «ein Zimmer, aber nur eins mit Balkon!» reserviert. Möglicherweise, weil sie zu Hause über keinen verfügen und deshalb ihre Ferien nur in Hotels verbringen, wo sie auch garantiert diesen Aussenbereich dazubekommen. Das sind dann immerhin die spannenderen «Ferien auf Balkonien» als die der NachbarInnen, die 200 Franken mehr Miete im Monat bezahlen für den Balkon, den sie ja fast nur in den Sommerferien benutzen.

Wie auch immer. Wir waren nur ein ganz klein wenig neidisch auf diese Paare, die von da oben die im Abendlicht glimmernden Gipfel bestaunen und sehr zufrieden zu uns herunterlächeln konnten. Wir waren aber sehr neugierig, wie es in ihren Zimmern aussieht. Und so fragten wir eben die Hausherrin, ganz arglos: «Dürften wir morgen früh mal eins dieser Zimmer da oben anschauen?» Ui, Mist, die Gastgeberin gefror bereits beim «dürften» zum Eiszapfen. Wir erstarrten ebenfalls – wie kleine, unartige Mädchen standen wir da und reagierten auf ihr «Selbstverständlich geht das nicht! Das Hotel ist voll besetzt! Sind Sie denn etwa nicht zufrieden mit Ihren Zimmern?» mit einem beschwichtigenden «Doch, doch! Absolut! Wir waren ja nur …» – Sie: «Alle unsere Zimmer bieten denselben Komfort. In welchen sind Sie noch mal?» – «… neugierig.»

Nun gut (Autorität ist unfair verteilt). Julia nannte die frostige Gastgeberin fortan «Beeri» und Denise «Madame». Die beiden Tage da oben auf der Rosenlaui waren trotzdem schön. Schön unspektakulär, wie man es sich für die Sommerferien wünscht. In der Bibliothek hatten sie das Goalie-Buch von Pedro Lenz und weitere Trouvaillen. Wir sammelten Steinpilze, sorgten uns um humpelnde Holländer in der steilen Wand, tranken fleissig Apéro und dachten nicht allzu viel über die Weltlage nach.

Es gab fast keinen Handyempfang, das half. Sehr, vor allem, wenn man (eigentlich) ein Smartphone hat. Kein Empfang und weiterer aufgezwungener Verzicht auf zivilisatorische Errungenschaften – das wird nach Wellness der nächste Megatrend sein im Tourismus. «Offness» also. Schon jetzt bewerben die SBB das Bahnfahren als genussvolles Abschalten. Offness ist das, was Wellness in ihrem eigentlichen Sinn bedeutet: nicht die hundertmillionste Ölmassage oder die Badelandschaft, die noch ein bisschen hässlicher ist als alle anderen, sondern einfach eine kleine Pause vom ganzen Scheiss.

War es nicht ohnehin ein bisschen seltsam, dass hässliche oder einfach biedere Hotels und Anlagen den Begriff «Wellness» besetzen konnten, zumindest in unseren Breitengraden, wo «Wellness» doch nichts anderes als einfach «Wohlbefinden» bedeutet? In diesem Sinn ein autoritäres und ganz und gar unharmonisches Wort zum Ende der Sommerferien: Fuck Spa, fuck Autoschlangen am Gotthard, fuck frischer Fisch am italienischen Strand (der eh aus Thailand stammt), fuck billige US-Rundreisen (bei vierzig Grad Celsius), fuck das Ferienhaus auf den Kanaren (das einem Waldbrand zum Opfer fällt).

Hallo, Sandstrand am Walensee, juhu, Baden im Süsswasser, yehaa! Offness in den Alpen – und keine Sorge, Schweizer Hotellerie: Auch die «Ich bin doch nicht blöd»-Fraktion wird noch auf den Geschmack kommen.

Esther Banz ist freie Journalistin in Zürich.

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