Nr. 10/2012 vom 08.03.2012

Unsere warmen Betten gib uns heute

Schluss mit «kalten Betten»: Das Wuchern der Zweitwohnungen in den Alpen soll gebremst werden. Baubranche und Politik setzen deshalb auf Resorts. Doch diese könnten das Problem sogar noch verschärfen.

Von Esther Banz (Text) und Ursula Häne (Fotos)

In der Lenzerheide herrscht Hochbetrieb. Im beliebten Skiort in der Bündner Albularegion ist es zwar bitterkalt an diesem Februartag, aber die Sonne scheint, der meterhohe Schnee glitzert, die Gäste aus dem Unterland schlendern von Schaufenster zu Schaufenster oder flitzen die kilometerlangen Pisten hinunter. Die Hauptstrasse ist stark befahren – die Lenzerheide ist nicht an das Netz der Rhätischen Bahn angebunden, also kommen die Gäste mit dem Postauto oder – die meisten – mit dem Auto. «Jetzt ist es noch harmlos», sagt Martin Bläsi. «Zwischen Weihnachten und Neujahr stehen Sie hier aber im Stau. Dafür können Sie sich im Mai auf die Strasse legen, da werden Sie kaum überfahren.»

Martin Bläsi, 44 Jahre alt, ist Bauer. Schon seine VorfahrInnen haben hier Land bewirtschaftet. Aufgewachsen ist er mitten im Dorf. «Dort stand der Bauernhof meiner Eltern», sagt Bläsi. «Irgendwann störten sich andere Bewohner und Touristen an den Emissionen, die so ein Hof mit sich bringt; also sind wir ausgesiedelt.» Wir stehen vor einem freundlichen Holzbau mit Wohnhaus und Stall, Bläsi sagt: «Nur vier Jahre nachdem wir gebaut hatten, machte es auch hier wusch! – seither stehen rundherum Ferienhäuser.» Nun soll etwas oberhalb auch noch ein riesiges Resort gebaut werden. Auf Land, das er und ein weiterer Bauer zur Bewirtschaftung gepachtet haben. Bläsi fährt mit seinem Offroader einen schmalen, verschneiten Weg hoch, hält mitten auf dem Winterwanderweg abrupt an, steigt aus und zeigt auf den Hang, der sich hinter einem Holzzaun erst sanft wölbt und dann steiler nach unten abfällt. Eine unverbaute Kulturlandschaft mit Aussicht auf die gegenüberliegenden Berge.

Von der Hoffnung zur Tatsache

Die Lenzerheide, 1450 Meter über Meer, war bis Ende des 19. Jahrhunderts ein Maiensäss. Heute bildet der Ort zusammen mit umliegenden Dörfern und Weilern den Gemeindeverbund Vaz/Obervaz. 2610 Menschen leben fest hier, der Zweitwohnungsanteil beträgt 72 Prozent. Entstanden sind die Ferienwohnungen mehrheitlich in den letzten zwanzig Jahren. Vaz/Obervaz ist eine der Bündner Tourismusgemeinden, die bereits eine Kontingentierung für Zweitwohnungen eingeführt haben – sie soll verhindern, dass es mit der Zersiedelung weitergeht wie bisher. Die Lenzerheide hat – wie andere Tourismusorte in Graubünden auch – aber auch Regelungen zur Förderung von Beherbergungsbetrieben und bewirtschafteten Zweitwohnungen. Sie ermöglichen, dass neue Hotels und Resorts gebaut und durch den Verkauf unbewirtschafteter Zweitwohnungen quersubventioniert werden dürfen.

Die Volksinitiative von Umweltschützer Franz Weber, über die am Wochenende abgestimmt wird, will den Zweitwohnungsbestand in jeder Gemeinde bei 20 Prozent einfrieren – in einem Ort wie der Lenzerheide, der schon weit darüber liegt, dürften keine weiteren Chalets und andere Zweitwohnungen, sogenannte «kalte Betten», mehr gebaut werden. Mit den Resorts gibt es aber ein Schlupfloch. Zwar geht Kampagnenleiterin Vera Weber davon aus, dass auch Zweitwohnungen, die zur Quersubventionierung von Resorts gebaut werden, von der Quotenregelung tangiert wären, laut Martin Vinzens vom Bundesamt für Raumentwicklung ist aber nicht abschliessend geklärt, «welche Wohnungen unter die Initiative fallen». Die sogenannt bewirtschafteten Ferienwohnungen könnten ziemlich sicher ohnehin auch künftig gebaut werden. Doch was heisst bewirtschaftet?

Wenn die ResortvertreterInnen von bewirtschafteten und also «warmen» Betten sprechen, meinen sie Ferienwohnungen, die einem Vermietungszwang unterstehen. Die ResortbetreiberInnen arbeiten hierfür mit Vermarktern zusammen – oft international agierenden Reiseveranstaltern. Das soll eine gute Auslastung übers ganze Jahr garantieren. Es wird nicht von «potenziell gut ausgelasteten Betten» gesprochen, von einer Hoffnung oder einem Ziel – nein, «warme Betten» werden als Tatsache präsentiert, auch bei Projekten, die noch gar nicht finanziert sind. Das Mantra der Tourismusvermarkter, Bauherren und Immobilienspekulantinnen wirkt: Auch Medien und Öffentlichkeit übernehmen den zur Tatsache erhobenen Wunsch dankbar. Resorts würden der Abwanderung entgegenwirken, für Wertschöpfung und bessere Auslastung der Infrastruktur sorgen.

Doch dem Dorf mehr Wertschöpfung zu bescheren, interessiert die PlanerInnen gar nicht, wie die Konzeptstudie für das Resort Clavadoiras in der Lenzerheide zeigt. Die mit der Studie beauftragte deutsche Firma zieht das Angebot im Dorf gar nicht in Betracht: Damit der Gast «für kulinarische Abwechslung nicht darauf angewiesen ist, zum Beispiel nach Chur zu fahren», solle das Angebot innerhalb des Resorts diversifiziert sein. «Das Hotel wird als eigenständige Destination vermarktet, also mit einem grossen Anteil Unabhängigkeit von der Destination Lenzerheide. Die Philosophie des geplanten Hotels sollte dem Leitbild eines introvertierten Resorts folgen, welches seine Gäste vornehmlich im Hotel mit den für den Aufenthalt nötigen und genehmen Leistungen bedient.» Auch ein Angebot an Lebensmitteln soll im Resort erhältlich sein.

Abschottung ist in der Definition von «Resort» bereits enthalten. Aber das ist nur eines der Probleme. Ein weiteres ist der grosse Bedarf an Boden. Dieser ist in der Bauzone teuer. Deshalb bevorzugen Resort-InitiantInnen das viel günstigere Landwirtschaftsland, wofür es aber einer vom Volk abgesegneten Bauzonenänderung bedarf. Um den Entscheid zu erleichtern, wird immer wieder betont, ein Resort sei gleichbedeutend mit warmen Betten. Die Schweiz machte bereits in den sechziger und siebziger Jahren Erfahrungen mit Resorts. Die meisten dieser Grossprojekte, die an verschiedenen Orten im Unterwallis errichtet wurden, seien wirtschaftlich nicht nachhaltig, kommt eine Studie, die im Auftrag des Bundesamts für Raumentwicklung erstellt wurde, zum Schluss. Denn «die Promotoren waren nur am Verkauf und nicht an der Bewirtschaftung der Immobilien interessiert».

Neue kalte Betten entstehen

2010 haben die Wirtschaftsdepartemente der Kantone Graubünden, Wallis und Bern einen Leitfaden zuhanden von Gemeindebehörden in den Alpenregionen publiziert. Mitherausgeberin war die deutsch-niederländische Resortvermarkterin Landal Green Parks. Die AutorInnen des Leitfadens, bei dem auch BergbahnvertreterInnen mitreden durften, nehmen eines gleich vorweg: Wenn die Tourismusinfrastruktur immer mehr schwächelt, komme es zur «Implosion der Destination – und zur Abwanderung».

Gemeinden werden in dieser Logik auf «Destinationen» reduziert, Wirtschaft mit Tourismus gleichgesetzt. Möglichkeiten, sich aus dem Klumpenrisiko Tourismuswirtschaft zu befreien, werden nicht angedacht. Tatsächlich klagen die betroffenen Kantone über die Zahlen der letzten fünfzehn Jahre: Die Zahl der Hotelbetten und Übernachtungen nimmt ab, Ferienwohnungen stehen leer, was weniger Einnahmen für die Bergbahnen bedeutet. Die Schlussfolgerung klingt dann so: «Da das Bau- und Immobiliengeschäft direkt von der Attraktivität der Destinationen und somit von der Funktionsfähigkeit des Tourismus abhängt, besteht die Gefahr, dass ein Teil dieser Arbeitsplätze ebenfalls verloren geht, wenn es nicht gelingt, das eigentliche Tourismusgeschäft zu reaktivieren.» Die frohe Botschaft folgt sogleich: «Der Tourismus bleibt ein potenziell attraktiver Wachstumsmarkt.» Man müsse als Destination einfach den Zugang zu internationalen Märkten finden. Dafür müssten die «Produkte» marktfähig sein, qualitativ und preislich. Obwohl eine der Erkenntnisse des Nationalen Forschungsprojekts zur Raumnutzung und Wertschöpfung in den Alpenlandschaften war, dass es für kleinere Orte nicht sinnvoll ist, mit den Rezepten grosser Destinationen wie Zermatt oder St. Moritz zu liebäugeln, propagieren die Kantone nun genau dies: Resorts und internationale Gäste – auch in kleineren Skiorten und Berggemeinden.

Die Wirtschaftsförderer ermuntern die Gemeinden nicht nur moralisch, auf ihrem Boden Resorts anzusiedeln – sie liefern die praktischen Tipps gleich mit: Eine Möglichkeit seien A-fonds-perdu-Beiträge. Oder eine «aktive Bodenpolitik», konkret: Umzonungen von attraktiven Landparzellen. Denn die touristisch attraktiven Standorte würden «in den meisten Fällen ausserhalb der Bauzone liegen», man müsse sie also durch Einzonungen bebaubar machen.

Tatsächlich ist die Liste der geplanten oder schon errichteten Zauberschlösser lang. Vor einem Jahr rechnete die «Südostschweiz» vor, dass alleine in der Region Surselva an dreizehn Standorten Resorts geplant sind mit insgesamt über 6000 «warmen» Betten. Wer wird sie wärmen, wenn nicht gerade Sportferien sind? Und was passiert angesichts des riesigen neuen Angebots mit den ohnehin schon angeschlagenen Hotels? Das interessiert die Bauindustrie nicht – für sie ist wichtig, dass sie weiter bauen kann. Und das ist angesichts der drohenden Annahme der Zweitwohnungsinitiative für viele Unternehmen in den Bergregionen, die seit Jahrzehnten von laschen Gesetzen profitieren, plötzlich nicht mehr selbstverständlich. Die BewohnerInnen der betroffenen Gemeinden sagen aber Gott sei Dank Ja und Amen zu den Resortprojekten: «Erfahrungsgemäss kommen mehr als achtzig Prozent der angestrebten Beherbergungsprojekte ausserhalb der Bauzone zu stehen», heisst es im Leitfaden der Wirtschaftsdepartemente.

Die Lenzerheide wird darin als Vorzeigebeispiel aufgeführt. Mittels eines Sieben-Punkte-Plans habe sich der Tourismusort 2007 zum Ziel gesetzt, seine Position als Ganzjahresdestination auszubauen; unter anderem durch die Ausweitung der beschneiten Pistenfläche, mehr Parkplätze und – der Einzonung von über 100 000 Quadratmetern Land zur Ansiedlung von Hotels und Resorts.

In der Lenzerheide gibt es aktuell drei Resortprojekte. Eines ist bereits in Bau: 456 Betten sind im «Dieschen Sot» geplant, das im Herbst 2013 eröffnen soll. 80 Luxusbetten soll es im «Fadail Hotel und Resort» geben. Und im siebenstöckigen «Hotel Resort Clavadoiras» sollen 140 Zimmer, 12 Suiten, Tagungs- und Konferenzräumlichkeiten, ein grosser Spabereich, Restaurants und Bars und separate Personalwohnungen entstehen – sowie die das Ganze quersubventionierenden privaten Residenzen. Bis dreissig Prozent der Bruttogeschossfläche sind für solche privaten Appartements zugelassen. Um vermeintlich warme Betten zu ermöglichen, entsteht so eine ganze Reihe neuer kalter Betten.

Sagen die Stimmberechtigten der Gemeinde Vaz/Obervaz am 11. März Ja zum Clavadoiras-Resort, gehen rund 23 000 Quadratmeter Landwirtschaftsland verloren – auch der Boden, den Martin Bläsi bewirtschaftet. Was bedeutet das für eine lokal verwurzelte Bauernfamilie? «Für uns heisst es: zwei Kühe weniger. Das wird irgendwie verkraftbar sein, wir haben heute schon verschiedene Standbeine, räumen Schnee, fällen Bäume in Gärten, erledigen Arbeiten für andere Bauern – aber politisch gesehen ist es der Anfang vom Ende, wenn nun für neue Grossanlagen auf Landwirtschaftsland ausgewichen wird.»

Auch in Andermatt im Kanton Uri konnte eine Bauernfamilie dem Druck der das Resort befürwortenden Dorfbevölkerung nicht standhalten: Sie gab Land auf und zog weg. In den Jura, wo sie fernab von Resortversprechungen eine neue Existenz aufzubauen hofft. Samih Sawiris konnte das bisherige Landwirtschaftsland für zwanzig Franken pro Quadratmeter kaufen.

«Wir tun nur Gutes»

Auch in Splügen im Kanton Graubünden ist ein Resort geplant, die Stimmberechtigten sagten vor längerer Zeit Ja zu einem zinslosen Darlehen von drei Millionen Franken sowie einer Aktienkapitalbeteiligung von einer halben Million. Auch hier sollten die ursprünglich geplanten Maiensässhäuschen durch Zweitwohnungen quersubventioniert werden. Die kantonale Raumplanung und die Umweltverbände mischten sich ein. Nun stehe das Projekt an einem komplett anderen Punkt, sagt Walter Mengelt, Präsident der 1995 für ihren «beispielhaften Ortsbildschutz» mit dem Wakkerpreis geehrten Gemeinde. Er sitzt auch im Verwaltungsrat der Bergbahnen. Mengelt betont: «Das Resort soll auf Splügen zugeschnitten sein. Wir lassen grösste Sorgfalt walten und wollen nichts überstürzen, auch der Heimatschutz ist involviert.» Geplant sind jetzt drei Häuser im Palazzostil. Der Umzonung des Landes (auch hier soll in der Landwirtschaftszone gebaut werden) muss die Gemeindeversammlung noch zustimmen. Man glaubt Mengelt, wenn er sagt, es sei ihm ein persönliches Anliegen, dass für Splügen etwas wirklich Gutes, Nachhaltiges entstehe.

Das geplante Resort in Splügen ist ein Projekt von Grischalpin. Die drei Beteiligten heissen Claudio Baracchi, Beat Hug und Marco Hartmann. Letzterer ist eine in Tourismuskreisen bestens bekannte Persönlichkeit: Hartmann war früher Direktor von Schweiz Tourismus, seit kurzem leitet er den Fachbereich Tourismus an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Chur. Daneben betreibt er eine Consultingfirma, die gemäss Eigendefinition «‹warme› Betten-Resorts auf Alpen und in Städten entwickelt». Hartmann will aber zum jetzigen Zeitpunkt ganz grundsätzlich nicht über seine Resorts sprechen. In seiner neuen Funktion an der Hochschule Chur müsse er eine Hundert-Tage-Klausel einhalten. Auch wenn nur Informationen zu den Resorts gewünscht sind – Hartmann sagt ab: Es sei «etwas schwierig, dies abzugrenzen».

Mit Baracchi und Hug, die ihrerseits das Architekturunternehmen BVH Partner in Bonaduz betreiben, ist Hartmann schon länger im Geschäft: Gemeinsam initiierte man unter dem Label Grischalpin Resorts in Tschappina («Aclas Heinzenberg»), Flims («Vitget Alpin») und Savognin («Surses Alpin»). Ein weiteres Projekt in Lantsch/Lenz («Aclas Ela») scheiterte am Stimmvolk – das Maiensässresort hätte nach Einschätzung der Umweltverbände eine Landschaft von regionaler Bedeutung zerstört – also genau das, wofür die Gäste in die Berge reisen.

Das Haus mit dem schmucken Namen Casa Ventira in Bonaduz sieht aus, als wäre es durch einen gläsernen Pfahl zweigeteilt worden. Hier befinden sich die Büros der BVH Partner. Der Sitz von Grischalpin befindet sich ebenfalls hier. Claudio Baracchi drängt es nicht, über die Gefahren von Resorts zu sprechen, aber die Chancen preist er gerne an. «Wir tun nur Gutes», sagt der Geschäftsführer und Ingenieur. An einem Espresso nippend erklärt er das Konzept: «Unsere Projekte sind immer grössere Geschichten, bei denen es Umzonungen braucht. Weshalb? Wir sagen: Der Tourismus ist unser Hauptwirtschaftsmotor im Kanton. Also braucht es für den Tourismus gute Rahmenbedingungen. Das passiert am ehesten auf dem Land, das man einzonen kann. Denn das bereits bestehende Bauland ist zu teuer und nicht mehr wirtschaftlich. Die Allgemeinheit lässt zu, dass etwas eingezont wird, im Gegenzug erhält sie Wertschöpfung. Wir bauen warme Betten.» Auf der Website von Grischalpin heissen die Resortprojekte denn auch gönnerhaft «Förderprojekte» – sich selber geben die drei Beteiligten als «Trägerschaft» aus.

Mitfinanziert werden Resortprojekte aber von den Gemeinden und den SteuerzahlerInnen: Sie treten nicht nur billig oder gar gratis Land ab (wie in Brigels GR) und lassen zu, dass ihr wichtigstes Kapital – die schöne Landschaft – verbaut wird, sie tragen bei Public-Private-Partnerships auch das Risiko mit, wenn es mit der Auslastung nicht so rund läuft, wie das Warme-Betten-Mantra die BürgerInnen am Tag der Abstimmung glauben lässt.

Zurück in der Lenzerheide. Die Büros des Gemeindeverbunds Vaz/Obervaz sind in einem alten Bau am Dorfrand untergebracht, bald wird umgezogen in einen Neubau, in den alten Büros gebe es dann Erstwohnungen. Gemeindepräsident Urs Häusermann hört es nicht gerne, wenn man von kalten Betten spricht. «Die sind gar nicht so kalt», sagt er, «jedenfalls nicht hier bei uns, wir sind von Zürich aus schnell erreichbar, die Zweitwohnungsbesitzer kommen öfter als jene, die im Engadin ein Ferienhaus haben.» Dass auch in der Lenzerheide der Druck zunimmt, es für die Einheimischen schwieriger wird, bezahlbaren Wohnraum zu finden, bestätigt er: «Natürlich ist der Bodenpreis hochgegangen – das ist so bei Angebot und Nachfrage!» Er erzählt, dass die Gemeinde bereits vor über zwanzig Jahren den Zweitwohnungsbau kontingentiert und eine Erstwohnungsverpflichtung eingeführt habe. Wann denn die 72 Prozent Zweitwohnungen entstanden seien? «Mit dem Einzug des Tourismus in der Lenzerheide. Aber welche Alternativen gibt es denn zum Tourismus? Keine!» Das geplante Resort Clavadoiras garantiere warme Betten, schaffe Arbeitsplätze, bringe Wertschöpfung. Dass es in der ohnehin schon nicht kompakten Lenzerheide weiter zur Zersiedelung beiträgt, als überdimensioniert und architektonisch unpassend kritisiert wird, dass Landwirtschaftsland geopfert werde, obwohl es noch Baulandreserven gibt – all das lässt Häusermann nicht gelten. Die Anbindung ans Dorf sei gegeben, «und das Projekt könnte innerhalb der nur noch aus kleinen Restparzellen bestehenden Bauzone nicht realisiert werden». Andersherum gefragt also: Wenn die schöne Landschaft das ist, was Gäste in die Lenzerheide lockt – wie viel davon will man noch überbauen? Urs Häusermann: «Das ist Ansichtssache. Bei uns ist die Natur noch so gut erhalten, dass die Leute kommen.»

Auch Resortbauer Claudio Baracchi sagt: «Es ist doch erst fünf Prozent verbaut in den Bergen. Schauen Sie sich um, da hat es noch ganz viel Natur!» Auf fünfzig Jahre seien seine Bauprojekte ausgerichtet, heute wisse man ohnehin nicht, was danach sei, «aber sicher wäre es schön, die Resorts gäbe es in 500 Jahren noch».

Ohne Unterschied zum Eigenen

Einer, der das anders sieht, ist der renommierte Bündner Architekt und ETH-Professor Gion A. Caminada. Zuhinterst im Val Lumnezia, in der Gemeinde Vrin, wo er aufgewachsen ist und heute noch lebt, schuf er mit und für die lokale Gemeinschaft Bauten von bleibendem Wert. Es gibt in Vrin nur ein Hotel, kaum Ferienwohnungen, kein Resort. Vrin liegt nahe der Greina-Hochebene; vor allem WanderInnen besuchen den Ort und Leute, die sich für Caminadas Schaffen interessieren. Das Bauerndorf hat sich nie vom Tourismus abhängig gemacht, trotzdem denken auch die dortigen BewohnerInnen schon länger über eine Weiterentwicklung nach – bloss mit anderen Konzepten. Es sei gefährlich, nur auf den Tourismus zu setzen, sagt Caminada: «So entstehen keine Orte von hoher Lebensqualität.» Darum ist er nicht gut zu sprechen auf die vielen Resortprojekte. Er denkt langfristig und aus der Perspektive der Gemeinschaft. Etwa entlang der berühmten Devise von Immanuel Kant: «Handle nur nach derjenigen Maxime, von der du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.» Beim Bauen von gigantischen Resorts geschehe das Gegenteil. Selbstverständlich gebe es auch einige Profiteure vor Ort. Reduziert man den Begriff Profit nicht nur aufs Geld, so gebe es mehr Verlierer als Gewinner. Beim Bauen etwa entstehe durch den Import von Arbeitskräften, in vielen Fällen auch durch den Import von Fertighäusern, ein Verlust an handwerklicher Qualität. Das Handwerk ist laut Caminada eines der grössten Potenziale im Berggebiet. Innerhalb dieses industriell anmutenden Systems sei es jedoch nicht gefragt. Die erzielte Wertschöpfung in der Region stehe in einem schlechten Verhältnis zum gebauten Volumen. Dies wegen des immer höheren Grades der Vorfertigung. Wolle man den Regionen langfristig einen Nutzen bringen, müsse man das Bauen entschieden anders steuern. Die Materialien müssten aus der Region kommen. Ohne solche Forderungen und den Entschluss, sie umzusetzen, verschwänden die lokalen Differenzen. Und damit auch die Spannung, die der Lebensnerv des Tourismus ist. «Wer besucht schon eine Landschaft und eine Kultur, bei der kein Unterschied zum Eigenen erkennbar ist?», fragt der Architekt.

Der Druck von aussen auf die Bergdörfer, ihre Identität, ihre Kultur, auch auf ihre Böden, macht ihm mehr Bauchweh als die vielerorts prophezeite Abwanderung. Während auf der einen Seite global orientierte StädterInnen die Entvölkerung ganzer peripherer Alpentäler propagieren und sich auf der anderen Seite Tourismus- und Baugewerbe sowie PolitikerInnen in den Bergen über die RomantikerInnen aus dem Unterland ärgern, die ihnen möglicherweise die Zweitwohnungsquote aufzwingen, sagt der umsichtig denkende Architekt: «Die Kulturlandschaft ist das grösste ökonomische Kapital der Alpen. Und einer der wichtigsten Speicher der geistigen Errungenschaft der Menschheit. Sie besitzt einen hohen ideellen Nutzen, nicht nur für die lokale Bevölkerung. Die Peripherie wie das Zentrum können auf dieses Kapital nicht verzichten. Für die Zukunft gilt es einen Umgang mit der Kulturlandschaft zu finden, der zwischen diesen Extrempositionen liegt. Wir müssen uns im Klaren sein, wie diese grossartigen Kulturlandschaften entstanden sind: Achtsamkeit gegenüber der Natur und Aneignung der Natur waren ein Paar.» Gion A. Caminada wünscht sich einen Diskurs darüber, wie eine solche Deckungsgleichheit von Achtsamkeit und Aneignung erreichbar sein könnte, und zwar im Rahmen dieser neuen Ausgangslage und angesichts der gegenseitigen Erwartungen jener, die in die Berge fahren, und jener, die dort leben.

Ihre Identität muss jede Gemeinde selber finden; ein Diskurs nach Caminadas Vorstellungen könnte ihnen dabei helfen, autonomer zu werden. Ein autonomer Mensch ist für ihn selbstbewusst, selbstkritisch und verzichtet dennoch nicht auf Solidarität. Und er erkennt die Zusammenhänge. Um Fragen zu stellen wie: Wie warm muss ein Bett sein, damit es die Fläche Kulturland wert ist, die dafür geopfert wird?

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