Nr. 37/2012 vom 13.09.2012

Arbeitslosigkeit (da hilft nur Wachstum)

Von rechts bis links wird Wirtschaftswachstum als Patentrezept gegen Arbeitslosigkeit propagiert. Aber Vollbeschäftigung ist längst Utopie.

Von Manuel Frick

So läuft ein Leben in der westlichen Gesellschaft normalerweise ab: Der Mensch kommt auf die Welt und wird so früh wie möglich darauf konditioniert, einer Arbeit nachzugehen. Berufstätigkeit sichert seine Existenz und sorgt für gesellschaftliche Anerkennung. Die Gesellschaft funktioniert dann am besten, wenn jeder Mensch bis zum Ruhestand arbeitet und danach möglichst bald stirbt.

In diesem Sinne habe ich mein Leben bisher musterhaft geführt. Immer wenn ich Arbeit gebraucht habe, um meine Existenz zu sichern, habe ich diese auch gefunden. Zuletzt war ich als Entwickler bei einem Softwareproduzenten tätig. Die Dienstleistung dieser Firma besteht darin, Arbeitsabläufe in Unternehmen durch Computerprogramme effizienter zu gestalten. Effizienz bedeutet in diesem Fall, dass die Angestellten ein gleichbleibendes Arbeitsvolumen in weniger Zeit bewältigen können. Eine typische Errungenschaft der digitalen Revolution. Grundsätzlich ist das eine gute Sache; denn niemand arbeitet gerne länger als unbedingt nötig. Das heisst aber auch: Je effizienter gearbeitet wird, desto mehr Leute verlieren ihren Arbeitsplatz.

Diese Art der Arbeitslosigkeit ist an sich nichts Neues. Sie begann schon mit der Industrialisierung, als die ersten Arbeitskräfte durch Maschinen ersetzt wurden. Und was kann man dagegen tun? Die klassische Antwort: Man steigert die Produktion und erhöht damit die Nachfrage nach Arbeitskräften. Das Problem ist allerdings, dass die Produkte auch abgesetzt werden müssen und irgendwann jeder Markt gesättigt ist. Wozu braucht man zwanzig Fernsehgeräte? Selbst wenn man sich die Wände damit tapezieren wollte, gäbe es noch ein zweites Problem. Jede Güterproduktion braucht Ressourcen, und diese sind auf der Erde nicht unbeschränkt verfügbar.

Dass die Lösung mit dem Wirtschaftswachstum nicht funktioniert, belegen Zahlen aus der Industrienation Deutschland. Zwischen 1960 und 2008 hat sich dort die Produktivität pro Arbeitsstunde auf das Vierfache erhöht, während das reale Bruttoinlandsprodukt pro EinwohnerIn nur auf das Dreifache angestiegen ist. Schweizer Statistiken weisen, wenn auch nicht so drastisch, in dieselbe Richtung. Die Folge ist eine kontinuierliche Abnahme des Arbeitsvolumens je EinwohnerIn. Ein Grossteil der heutigen PolitikerInnen strebt aber nach wie vor die Vollbeschäftigung an. Sowohl für die wirtschaftsliberale Angela Merkel als auch für den sozialdemokratischen François Hollande heisst der Weg zum Ziel dabei Wirtschaftswachstum.

Es sieht so aus, als würde die westliche Welt nicht nur in einer Wirtschaftskrise, sondern auch in einer Krise der Arbeit stecken. Es gibt nicht genug Arbeitsplätze für alle, und es wird sie auch in Zukunft nicht geben. Jedenfalls nicht, solange stur an den gängigen Arbeitszeiten festgehalten wird. Eine Arbeitszeitverkürzung würde Abhilfe schaffen. Lohnkürzungen sind deshalb nicht nötig. Solange die Produktivität steigt, wächst auch der gesellschaftliche Reichtum. Er muss nur gerecht verteilt werden. Das zweite Problem aber bleibt: der übermässige Konsum auf Kosten der endlichen Ressourcen. Doch wieso muss man das Fernsehgerät ständig durch ein neues ersetzen? Produzenten und Politik begrüssen die Wegwerfmentalität der westlichen Gesellschaft, denn dadurch wird das Wirtschaftswachstum angekurbelt. Eine geringere Abhängigkeit vom Wirtschaftswachstum würde dieses Argument entkräften.

Schon heute betreibt der Staat mit den Sozialsystemen einen grossen Aufwand, um die Existenz seiner BürgerInnen ohne Erwerbstätigkeit zu sichern. Statt so zu tun, als sei die Arbeitslosigkeit nur eine vorübergehende Erscheinung und alles würde sich dann schon wieder einrenken, sollte sich die Politik von der Erwerbstätigkeit als Normalmodell der Existenzsicherung verabschieden und neue Ideen willkommen heissen. Das bedingungslose Grundeinkommen ist ein Ansatz in diese Richtung. Mit der Forderung nach der Entkoppelung von Arbeit und Einkommen wird der Logik des sinkenden Arbeitsvolumens Rechnung getragen.

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