Nr. 22/2005 vom 02.06.2005

Krise im Kopf

Rund 150000 Arbeitslose sind in der Schweiz registriert, davon sind zwanzig Prozent Langzeitarbeitslose. Doch über eine Umverteilung der Arbeit mag niemand nachdenken.

Von Elvira Wiegers

Aufschwung ist ein schönes Wort. Es erinnert an einen frischen Wind, an Aufbruch, an Bewegung. Seit Jahren wird er herbeigeredet – kommen tut er trotzdem nicht. Die Organisation für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit OECD hat vor einer Woche zum zweiten Mal in Folge die Wachstumsprognosen für fast alle Weltregionen nach unten angepasst. Insbesondere im Euroraum fehle es an Wachstum. Als Sorgenkinder gelten vor allem Deutschland und Italien. Die wirtschaftliche Entwicklung der Schweiz, die sechzig Prozent ihrer Exporte in die EU schickt, hängt also stark von derjenigen ihrer Nachbarländer ab.

Diese Perspektivenlosigkeit spiegelt sich auch im Arbeitsmarkt und im Konsum. Beide stagnieren, wie auch die Ausgaben des Bundes, der bis 2008 fünf Milliarden Franken einsparen soll (vgl. Seite 3 der Printausgabe). Das hat unter anderem zur Folge, dass etwa 5000 Stellen in der Bundesverwaltung abgebaut werden. Im Banken- und Versicherungssektor dürften in den nächsten Jahren ebenfalls tausende von Stellen verloren gehen. Aber auch weniger gut bezahlte Jobs sind gefährdet: Migros-Chef Anton Scherrer äusserte vergangene Woche die Prognose, der Schweizer Detailhandel werde bis 2010 etwa 10000 Arbeitsplätze verlieren. In den letzten zwölf Monaten wurden laut Bundesamt für Statistik (BFS) schon einmal so viele Stellen abgebaut. Eine ähnliche Entwicklung wird im Gastgewerbe vorausgesagt, und in der Industrie werden absehbar kaum neue Arbeitsplätze geschaffen.

Ein Aufschwung soll es also richten – doch erfahrungsgemäss hat ein solcher nicht automatisch neue Arbeitsplätze zur Folge. Hingegen fanden österreichische Ökonomen in einer im April veröffentlichten Untersuchung heraus, dass in einer Rezession geschaffene Arbeitsplätze viel langlebiger sind als die in einem Aufschwung entstandenen. Doch von einer antizyklischen Wirtschaftspolitik ist die Schweiz etwa so weit entfernt wie vom Mond.

Was also ist zu tun, wenn die Arbeit knapp wird? Wer macht sich Gedanken dazu, und wo sind die Konzepte? PolitikerInnen, ExpertInnen und auch das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) fordern Überbrückungs- und Integrationsstrategien für Arbeitslose, doch was ist, wenn der zu überbrückende Zustand zu einem Dauerzustand wird?

Denkverweigerung

«Wir glauben ganz klar, dass die Arbeit nicht ausgeht. Wir müssen dafür sorgen, dass der Kuchen grösser wird», sagt Jean-Luc Nordmann, Direktor für Arbeit beim Seco. Dies soll etwa durch das bereits eingeleitete Wachstumsprogramm – mehr Wettbewerb, mehr Liberalisierung – geschehen und durch die Annahme der Abstimmung über die Personenfreizügigkeit im kommenden Herbst («ein Nein würde die Verlagerung von Arbeitsplätzen ins Ausland und eine deutlich höhere Arbeitslosigkeit bedeuten», so Nordmann).

Dass allein bis zu 10000 Arbeitsplätze im Detailhandel gefährdet sind, sieht der Direktor für Arbeit als vorübergehendes Problem, das es mit entsprechenden Massnahmen abzufedern gilt. Den Optimismus des Seco in Ehren, aber gehört es nicht zur Aufgabe einer auf den Arbeitsmarkt ausgerichteten Bundesstelle, sich mit verschiedenen Szenarien auseinander zu setzen? Nordmanns Antwort ist erstaunlich: «Wir sind lösungs- und nicht problemorientiert. Wir befassen uns nicht damit – und schon gar nicht öffentlich in einer Zeitung –, ob wir beispielsweise künftig nur noch eine Auslastung von achtzig Prozent oder neunzig Prozent des heutigen Arbeitsvolumens haben werden.» Der eigentliche Grund für die Denkverweigerung: «Was wir nicht wollen, ist eine staatliche Verteilung der Arbeit.»

Der Wirtschaftsdachverband Economiesuisse hätte es nicht schöner sagen können, nur kümmert sich dieser nicht um Fragen des Arbeitsmarktes. Dieses Feld überlässt er dem Arbeitgeberverband. «Natürlich beobachten wir den Arbeitsmarkt», sagt Direktor Peter Hasler, «aber ein Crashszenarium planen wir nicht.» Kein Land auf dieser Welt könne die Arbeitslosigkeit vollständig beseitigen. «Arbeit kann man nicht beliebig und künstlich kreieren», so Hasler. Eben! Wie also könnte die verbleibende Arbeit sinnvoll verteilt werden? «Wenn wir die Arbeitslosigkeit beispielsweise mit Staatsinterventionen auf unter ein Prozent drücken, entstehen andere Probleme, etwa eine höhere Inflation», sagt Hasler.

Für den Arbeitgeberverband heisst das Universalrezept Wachstum. Irrtum ausgeschlossen. Das Rezept der Gewerkschaft – die Arbeit auf mehr Hände zu verteilen – funktioniere nicht: «Wie das Beispiel Deutschland zeigt, hat dies zu einer Abnahme der Produktivität und schliesslich zu noch mehr Arbeitslosigkeit geführt.» Aber ist es nicht stossend, dass in der Schweiz Überstunden in dreistelliger Millionenhöhe geleistet werden und gleichzeitig immer mehr Leute arbeitslos sind? Hasler: «Das hat mit der kleingewerblichen Struktur zu tun.» In kleinen Betrieben könne man nicht einfach nach Belieben aufstocken. Laut BFS fallen diese Überstunden jedoch nicht bei den KMU an, sondern vor allem im Banken- und Versicherungswesen.

Umdenken unerwünscht

Auf Wachstum eingeschworen hat sich auch die Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich (KOF). «Der Kapitalismus muss und will wachsen», sagt Mitarbeiter Daniel Lampart, der auch die Wirtschaftskommission der Grünen leitet. Die gegenwärtige Arbeitslosigkeit sei zu einem grossen Teil konjunkturell bedingt und werde beim nächsten Aufschwung wieder sinken. «Die Produktivitätsentwicklung hat sich nicht so fundamental verändert, dass man von den Erfahrungen der Vergangenheit Abstand nehmen müsste», so Lampart. Knapper werdende Arbeit ist zwar für die KOF kein Thema, dafür will sie im Herbst eine Untersuchung über den so genannten Qualifikationsdrift beginnen. Damit ist die Entwicklung hin zu immer höheren Qualifikationsanforderungen gemeint, während die Tätigkeiten mit niedrigeren Anforderungen ins Ausland abwandern.

Auch der Thinktank Avenir Suisse verfolgt hartnäckig die Wachstumsthese, die gleichzeitig von einem ab 2015 durch Überalterung verursachten Arbeitskräftemangel ausgeht. Mit dem Szenario der knapper werdenden Arbeit will man sich deshalb nicht befassen: «Genau so haben wir uns die Frage noch nicht gestellt», sagt Avenir-Suisse-Mitarbeiter Alex Beck.

Ähnlich – wenn auch aus anderen Gründen – tönt es beim Forschungsinstitut Bass, das seit 1992 arbeits- und sozialpolitische Studien erstellt. Bass erforscht fünf Themenfelder, eines davon ist der Bereich «Mensch und Arbeit». Da dürfte es eigentlich auf der Hand liegen, dass sich die MitarbeiterInnen mit Arbeitsknappheit befasst haben. Doch: «Leider haben wir uns noch in keiner Studie mit dem erwähnten Thema befasst», sagt Geschäftsleitungsmitglied Killian Künzi. Der Grund ist einfach:

Einer der Hauptauftraggeber des Büros Bass ist das Seco. Seit letztem Jahr gibt es den gewerkschaftsnahen Think-thank Denknetz. Andreas Rieger gehört zu den Mitgliedern und sitzt gleichzeitig im Zentralvorstand der Gewerkschaft Unia. «Wir haben uns bisher mit der Umverteilung von Einkommen und Reichtum befasst, nicht aber mit der Umverteilung von Arbeit.» Diese sei vor allem in den neunziger Jahren ein Thema gewesen. Nach dem Ende der Krise gingen die Arbeitslosenzahlen wieder zurück, das Thema brannte nicht mehr auf den Nägeln. «Und seit die Gewerkschaftsinitiative für die 36-Stunden-Woche vor drei Jahren verworfen wurde, lahmt die Diskussion vollständig», sagt Rieger. Allerdings glaubt er, dass das Thema der Arbeitsverknappung wieder aufgegriffen wird. Das Zauberwort heisst Produktivitätssteigerung. «Ein Teil des Produktivitätswachstums sollte in Form von Arbeitszeitverkürzung weitergegeben werden, sonst könnte die Arbeit knapp werden», sagt das Denknetz-Mitglied.

Strategiewechsel

Die SP Schweiz arbeitet zurzeit an einem neuen Wirtschaftskonzept (siehe WOZ Nr. 8/05). Ende Juni soll es vorliegen. Der Chefökonom des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes, Serge Gaillard, gehört zur Arbeitsgruppe des Kapitels «Arbeitsmarkt und Arbeitsmarktpolitik», das drei bis acht Seiten umfassen soll. «Ein zentraler Punkt wird sicher die Forderung nach Vollbeschäftigung mit menschenwürdigen Löhnen sein», sagt Gaillard, «das ist das wichtigste wirtschaftspolitische Ziel überhaupt.» Auch die SP will die Arbeitslosigkeit vor allem über das Wachstum bekämpfen, dafür trat sie schon im letzten Wirtschaftskonzept ein. Denken die SozialdemokratInnen in ihrem Konzept konkret über knapper werdende Arbeit nach? Nein. «In den neunziger Jahren haben wir uns mit der Verteilung von Arbeit befasst», sagt Matthias Manz, einer der Projektleiter des Wirtschaftskonzepts. Damals war die Schweiz vor allem von struktureller Arbeitslosigkeit betroffen, heute hat sie laut dem SP-Mann ein konjunkturelles Problem. Die SozialdemokratInnen legen ihren derzeitigen Schwerpunkt auf die Jugendarbeitslosigkeit. Diese ist auch Thema in der laufenden Sommersession und an der letzten Dienstag begonnenen Jahreskonferenz der Internationalen Arbeitsorganisation.

Seit der Abstimmungsniederlage bei der 36-Stunden-Woche vor drei Jahren scheint also das Thema der Arbeitsumverteilung auf Eis zu liegen. «Eigentlich schon länger», korrigiert Gewerkschafter Gaillard. Die Schweiz werde immer produktiver. Das könne man entweder über die Arbeitszeitverkürzung abgelten oder über höhere Löhne. «Wir haben 1997 einen Strategiewechsel vorgenommen – weg von der Arbeitszeitverkürzung hin zu höheren Löhnen.» Die Initiative sei quasi noch ein später Nachzug gewesen.

Auch der SGB hat auf die Konjunkturerholung in der EU – zusammen mit tiefen Zinsen – als Heilmittel gegen die Arbeitslosigkeit gesetzt. «Doch eine Erholung in den Nachbarländern scheint unsicherer denn je», sagt Gaillard. Immerhin habe die Schweiz etwas, was die EU-Länder nicht mehr haben: eine autonome Geldpolitik. «Das müssen wir nutzen», so der Gewerkschafter. Doch auch damit bleibt die Frage weiterhin unbeantwortet, was zu tun ist, wenn irgendwann die Arbeit ausgeht.

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