Nr. 37/2012 vom 13.09.2012

Citizen Ai

Zumindest im Westen ist Ai Weiwei mittlerweile ein bekannter Name: Der 1957 geborene chinesische Künstler und Aktivist wird sowohl für seine Kunst wie auch für sein politisches Engagement geschätzt. Die US-Amerikanerin Alison Klayman, die auch Mandarin spricht, porträtiert ihn in ihrem Dokumentarfilm als vielschichtigen Menschen, der die Katzen ebenso schätzt wie seine Mitmenschen. Im Verlauf des Films werden seine Wurzeln in Andy Warhols New York aufgezeigt; seine Ehefrau Lu Qing, sein Bruder Ai Dan, der Galerist Ethan Cohen und viele andere kommen zu Wort. Sein unehelicher Sohn Ai Lao ist zu Gast bei den Grosseltern; Ai Weiwei kümmert sich liebevoll um ihn, ist sich aber bewusst, dass er seine Ehefrau zweifellos enttäuscht hat durch seine Beziehung zur Freundin Wang Fen.

Ai Weiwei wird in «Ai Weiwei. Never Sorry» als Mensch fassbar. Klayman glorifiziert ihn nicht einfach, sondern zeigt ihn als ebenso fehlbares Wesen wie die Vertreter des Regimes. Anders als Letztere verheimlicht Ai Weiwei aber nichts. Seit das Regime seinen Blog gesperrt hat, ist Twitter sein wichtigstes Kommunikationsmittel. Wahrscheinlich hat noch kein Film dem neuen Microblogging-Instrument so viel Platz eingeräumt wie «Ai Weiwei. Never Sorry», der am Sundance Film Festival mit einem Spezialpreis der Jury ausgezeichnet wurde. Klaymans Film ist eine überzeugende Einführung in das Leben und Werk eines grossen zeitgenössischen Künstlers, das zudem die Möglichkeiten der Social Media aufzeigt. Die Mischung aus Interviews und Szenen aus Alltag und Kunst ist zudem sehr gut ausgewogen.

Ai Weiwei war vor ein paar Jahren übrigens bereits in einem Schweizer Dokumentarfilm zu sehen: in «Bird’s Nest. Herzog & de Meuron in China» von Christoph Schaub und Michael Schindhelm. Alison Klaymans Film zeigt, was seither passiert ist.

Von Niklaus Schäfer

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