Nr. 04/2019 vom 24.01.2019

Die Wände aufreissen

Von Hannes Nüsseler

Das Praktische an der Unendlichkeit ist ja: Es gibt genug davon. Sie nimmt nicht ab, wenn sich ein Raum von ihr abgrenzt, sie wird im Gegenteil dadurch überhaupt erst spirituell erfahrbar. So geht es auch dem Architekten Peter Zumthor, wenn er im Baselbieter Barockkirchlein Mariastein sitzt und von Kindheitserinnerungen überwältigt wird. Das Versprechen vom Aufgehobensein im christlichen Glauben hallt im Kirchenraum nach, selbst wenn Zumthor wehmütig relativiert: «Schön wärs.»

Der Filmemacher Christoph Schaub («Bird’s Nest») hat früh seinen Vater verloren. Statt ihm das letzte Geleit zu geben, ging der Bub damals lieber zur Schule, um den toten Vater mit Fleiss zu beeindrucken. Seither habe ihm ein Ort des Abschieds gefehlt, erzählt Schaub in seinem feinen Filmessay «Architektur der Unendlichkeit». Schaub spürt darin seiner Faszination für Kirchen nach und befragt Architekten und KünstlerInnen zu ihrem Umgang mit dem Rohstoff Unendlichkeit.

Zumthor ist mit seiner Bruder-Klaus-Feldkapelle vertreten, deren Grundriss an einen Sarg erinnert. Drinnen reisst der Architekt den beengend wirkenden Bau für ein dramatisches Stückchen Himmel auf. Der Portugiese Álvaro Siza Vieira übermalt die Warnhinweise auf seinen Zigarettenschachteln und hält die Angst vor dem Tod für sinnlos. Von ihm ist ein schwebend weisser Kirchenraum zu sehen, der seine Wände zu vergessen scheint.

Doch nicht jeder Bau, der nach Transzendenz strebt, ist ein Haus Gottes. Der Zürcher Peter Märkli liess sich zwar ebenfalls von romanischen Kirchen inspirieren, doch sein Bau in der Valle Leventina ist – wenn schon – ein Tempel der Kunst. Auch Cristina Iglesias trägt  die Kirche nur in ihrem spanischen Familiennamen. Ihre «Submerged Rooms» werden nicht von Gläubigen, sondern von Fischen auf dem Meeresgrund besucht. Vielleicht habe die Kunst eben doch  einen grösseren Anspruch auf Spiritualität als die Religion, die sie für ihre Architektur verwende, sagt der Lichtkünstler James Turrell, von dem der «Skyspace» in Zuoz stammt.

Christoph Schaub verwebt diese Aussagen mit Impressionen von Profan- und Sakralbauten zu einer inspirierenden Meditation über die Grenzen der Gewissheit und die Grenzenlosigkeit unserer Vorstellung. Auch der Hauptbahnhof Zürich hat übrigens einen Auftritt, als Kathedrale der Moderne. Mit dem tröstlichen Ausblick auf die Unendlichkeit liesse sich dort wohl so manche Verspätung verschmerzen.

In: Solothurn, Reithalle, Fr, 25. Januar 2019, 15.15 Uhr, und Landhaus, So, 27. Januar 2019, 20.30 Uhr. Ab 31. Januar 2019 im Kino.

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