Nr. 37/2012 vom 13.09.2012

Die Alkoholstatistik

Yusuf Yesilöz über das Sparen für den Schweizer Staat

Wenn die einen für die Fehler der anderen aufkommen müssen, pflegt man in meiner Muttersprache Kurdisch den folgenden Spruch zu sagen: «Ein Irrer warf einen Stein in den Brunnen, vierzig Kluge waren damit beschäftigt, diesen herauszuholen.»

Dieser Spruch passt meiner Meinung nach sehr gut zu den Machenschaften des Neoliberalismus, der in den letzten drei Jahrzehnten die Gesellschaft total umzukrempeln versuchte, hier in der Schweiz und auch in der weiten Welt. Das Ziel war bekanntlich nur eines: mehr Gewinn. Das alles führte schon zu mehr Gewinn, aber für nur wenige: die in den oberen Etagen.

Ein Beispiel, das uns heute im Alltag begegnet, sind die längeren Ladenöffnungszeiten, vor allem die Shops, die 24 Stunden am Tag offen sind. Das Motto hier lautet: Der Kunde ist König. Er darf rund um die Uhr einkaufen, ständig alles verfügbar haben, vergessene Besorgungen auch noch spät am Abend – sogar um Mitternacht – nachholen können. Ein Stück mehr Lebensqualität für alle. Wie schön klingt das!

Geschäfte, die bis in die Morgenstunden offen sind, machen den grössten Teil ihres Umsatzes mit dem Verkauf von alkoholischen Getränken. In ihrem Schaufenster haben sie verschiedenste alkoholische Getränke ausgestellt, eine Flasche Bier ist viel billiger als ein Kaffee. Hin und wieder begegnet man in diesen Geschäften dem diskret angebrachten Satz: «Kein Alkohol an Menschen unter 18 Jahren!» Aber wer wüsste nicht, dass der Geldbeutel die Türen leicht öffnet?

Gemäss Studien mit Befragungen von SchülerInnen ist der Alkoholkonsum bereits im Jugendalter verbreitet, getrunken wird schon im Alter zwischen elf und fünfzehn Jahren. Bedenklich stimme die Zunahme beim Spirituosenkonsum, dieser habe sich seit 2006 in der Altersgruppe der Fünfzehnjährigen sowohl bei den Jungen als auch bei den Mädchen verdoppelt.

Die Verkaufsstellen sollen mehr Gewinn machen und einen Teil davon als Steuern an den Staat liefern. Das Geld soll schliesslich den BürgerInnen zugutekommen. Dieser Staat kassiert heute, wenn überhaupt, mit der einen Hand das Geld, um es mit der anderen wieder auszugeben, sei es für die verstärkte Polizeipräsenz oder für Studien über den Alkoholkonsum von Jugendlichen, deren Eltern sich dann über den reichlichen Alkoholkonsum ihrer Nachkommen beklagen. Wer kann sein Kind noch davor schützen, wenn in der Schweiz der Gesamtverbrauch bei den Spirituosen auf jährlich 123 704 Hektoliter reinen Alkohol angestiegen ist?

Mein Landsmann macht es ganz anders, viel humaner, wie er mir kürzlich in seinem Geschäft in der Nähe des Bahnhofs erzählte: In Eigeninitiative verkauft er ab 21 Uhr keinen Alkohol mehr. Wenn KundInnen in seinen Laden kommen und Alkohol verlangen, sagt er, dass das Getränk, das sie verlangten, ausgegangen sei.

Er macht aber für jeden Kunden, der Alkoholisches verlangt hat, einen Strich auf einen Zettel. Dann, am nächsten Mittag, wenn Polizist Roger, ein regelmässiger Kunde, vorbeikommt, um seinen Döner zu essen, rechnet er dem Ordnungshüter vor, wie gross sein Umsatzverlust am Vorabend war, weil er keinen Alkohol verkauft hat.

Als Kompensation muss der Polizist seine Teamkollegen zum Mittagessen mitbringen, weil mein Landsmann mit dem Verzicht auf den späten Alkoholverkauf möglicherweise viele Streitereien und Raufereien verhindert, den Polizisten eine ruhige Nacht beschert und auch noch dem Staat hohe Gerichts- und Spitalkosten erspart hat.

Yusuf Yesilöz ist Schriftsteller und Dokumentarfilmer in Winterthur.

Sein jüngstes Buch «Kebab zum Bankgeheimnis», eine Sammlung seiner Kolumnen, ist in dieser Woche im Limmat-Verlag erschienen.

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