Nr. 41/2012 vom 11.10.2012

Prominenz des Monats

Yusuf Yesilöz rät Staranwalt Valentin Landmann, Gottes Vergebung zu suchen.

Von Yusuf Yesilöz

Ich ging trotz des Dauerregens aus dem Haus und besuchte meinen Landsmann Ferhad in seinem Kebab House. Der machte aber ein düsteres Gesicht, genau wie die Regenwolken. Meinen Gruss erwiderte er kaum, als ob ich vier Fünftel eines Apfels bekommen hätte und er nur einen. Den Grund seines Trübsinns erfuhr ich sogleich: Weil es regnete, kamen keine KundInnen in sein Geschäft, und weil Schulferien waren, blieben die Jungs zur Mittagszeit lieber im warmen Bett, statt einen Döner essen zu gehen. Ich fühlte mich gezwungen, Ferhad zu sagen, dass er mich nicht so vorwurfsvoll anschauen solle, schliesslich hätte nicht ich den Wolken befohlen, Wasser zu spenden. Der üblicherweise positiv eingestellte Mann beruhigte sich dann und schaute Zeitungen an.

Mit Ferhad kann ich über alles diskutieren. Er hat immer eine glasklare Meinung, handle es sich nun um eine grosse Persönlichkeit oder um eine kleine Eidechse. An jenem Tag war unser spontanes Thema die Prominenz, weil alle Medien über einen Prominenten zu berichten pflegten. Der Prominente des Monats war Valentin Landmann, ein Rechtsanwalt aus Zürich, der als «Milieuanwalt» bekannt ist. Er war omnipräsent, weil er einen von der Universität entlassenen Politiker vertrat, der angeblich seine Arbeit verlauert hatte, aber trotzdem einen hohen Lohn bekam.

Landmanns fülliger Körper füllte also ganze Zeitungsseiten. Der Dauergast der Schweizer Medien schaute mit grossem Stolz in die Kamera, sein Blick verriet uns klipp und klar: «Weg mit Wilhelm Tells Denkmal, an diesen Platz gehört meine bronzene Statue! Und anstelle einer Biene gehört mein Schädel auf die Tausendernote!»

Der Mann verdiente es, dass man mehr über ihn in Erfahrung brachte. Da der Begriff «Milieu» ja laut Wikipedia neben Zuhälterei auch viele andere Bedeutungen hat – beispielsweise kann in der Medizin ein feuchter oder trockener Verbandsstoff «Wundmilieu» heissen –, mussten wir unwissenschaftliche Begriffsforschung betreiben und das Wort «Milieu» ins Deutsche übersetzen. Uns blieb leider kein anderer Weg übrig, als uns auf den Begriff «Anwalt der Zuhälter» zu einigen. Wo aber die Rede von Zuhälterei ist, dort hört der Spass auf. Zuhälterei bedeutet, Frauen für sich arbeiten zu lassen und von deren Einnahmen zu leben.

Sehr ehrlich und nett von dem couragierten Anwalt fanden wir beide, dass der Mann seine Arbeit im Dienste der Zuhälterei nicht verheimlichte. Nach langer Diskussion beschlossen Ferhad und ich einstimmig, Valentin Landmann zum interessantesten Prominenten des Landes zu küren.

Sein Weg vom Zuhälteranwalt zum Staranwalt war ein globales Phänomen. Wir erinnerten uns an die Türkei: Dort bauten die Zuhälter und ihre gut verdienenden Helfer auf ihre alten Tage hin beispielsweise eine Schule, ein Krankenhaus, auch eine Moschee, diese natürlich über Tarnmänner. Sie reisten nach Mekka und warfen dort Steine auf den Satan. Damit wollten sie erreichen, dass Gott all ihre Taten als Jugendsünde einstufen und ihnen vergeben würde.

Von der Schweiz aus ist es ziemlich weit bis nach Mekka. Meine Empfehlung, falls der Herr Staranwalt doch noch ein Bedürfnis hätte, für alle Fälle mit einer weissen Weste in die ewige Welt einzutreten: Er geht ja bekanntlich öfter mit Christoph und Silvia Blocher im Albisgüetli essen. Er soll lieber mit dem Theologen Gerhard verkehren. Dieser könnte für Valentins begangene Sünden eine theologische Begründung für eine nachsichtige Beurteilung vor dem Jüngsten Gericht liefern, wie Gerhard es für seinen jüngeren Bruder ja auch öfter gemacht hat.

Yusuf Yesilöz ist Schriftsteller und Dokumentarfilmer in Winterthur. Sein jüngstes Buch «Kebab zum Bankgeheimnis», eine Sammlung seiner Kolumnen, ist im Zürcher Limmat-Verlag erschienen.

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