Nr. 43/2012 vom 25.10.2012

Mord im Morgengrauen

Im südphilippinischen Konzessionsgebiet der schweizerischen Bergbaufirma Xstrata nimmt die Repression zu, um den Widerstand gegen den offenen Tagebau zum Verstummen zu bringen.

Von Michael Reckordt und Rainer Werning

Juvy Capion und ihre beiden acht und dreizehn Jahre alten Söhne sassen in ihrer Hütte in der Stadtgemeinde Kiblawan, als in den frühen Morgenstunden des 18. Oktobers Soldaten des 27. Infanteriebataillons die Behausung zehn Minuten lang unter Beschuss nahmen. Die Leichen konnten kaum mehr identifiziert werden.

Juvys Ehemann, Daguil Capion, dem eigentlichen Ziel dieser militärischen Aktion, gelang die Flucht. Er ist Vorsitzender der lokalen Gemeinschaft der B’laan. Diese indigene Volksgruppe lebt seit Generationen in den abgelegenen südphilippinischen Provinzen Südcotabato und Davao del Sur, wo das Massaker von Kiblawan geschah. Dort, auf dem Grund und Boden der B’laan, möchte der schweizerische Bergbaukonzern Xstrata zusammen mit seiner philippinischen Tochter Sagittarius Mines, Inc. (SMI) das in Südcotabato gelegene Tampakan-Kupfer-Gold-Projekt im offenen Tagebau betreiben. In ihrem offiziellen Geschäftslogo empfiehlt sich SMI als «Partner für eine glanzvollere Zukunft».

Vor Ort wird der Widerstand gegen das Projekt immer massiver. Erbittert befehden sich die GegnerInnen und Befürworter des Projekts. Im Juni 2010 hatten die AnwohnerInnen mit Unterstützung der katholischen Kirche der Diözese Marbel die Provinzregierung dazu gebracht, ein Verbot gegen den offenen Tagebau in ihrer Region zu beschliessen. Ein lokaler Erlass mit weitreichenden Folgen. Xstrata wurde im Januar 2012 eine Umweltverträglichkeitsbescheinigung verweigert, da der Konzern die Methode des offenen Tagebaus als alternativlos eingeschätzt hatte. Gleichzeitig wurde Xstrata aufgefordert, sämtliche Arbeiten am Projekt einzustellen. Dieser Aufforderung widersetzen sich allerdings einige Subunternehmen, die weiterhin Strassen bauen und eine Umsiedlung von in der Region lebenden Familien vorantreiben.

Es ist nicht nur die Missachtung der Anweisungen der Lokalbehörden, was die Menschen erzürnt. Der beabsichtigte Abbau soll ausgerechnet in einem Erdbebengebiet stattfinden, wodurch Rückhaltebecken mit giftigem Schlamm bersten könnten. Neben dieser realen Gefahr regt sich auch Protest gegen geplante Umsiedlungen: Für viele Indigene ist das Land nicht nur ihr Geburtsort und Lebensmittelpunkt, sondern auch ein Hort ihrer Ahnen mitsamt religiösen Kultstätten.

Im Visier des Militärs

Sobald sich Konzerne wie Xstrata in einer bestimmten Region niederlassen, dauert es nicht lange, bis der Staat Sicherheitskräfte zu ihrem Schutz dorthin sendet. Im Zuge zunehmender Militarisierung kommt es immer wieder zu Vertreibungen, Schikanen und anderen Menschenrechtsverletzungen. Selbst Angestellte des Bergbaukonzerns sowie Indigene, die den Bergbau befürworten, wurden schon getötet.

Die Indigenen, unter ihnen Daguil Capion, liessen sich trotz Einschüchterungen nicht von ihrem Protest abhalten. Sie weigerten sich wiederholt, ihr Land gegen eine Entschädigung zu verlassen. Zudem warfen sie dem Unternehmen vor, das Bergbaugesetz ignoriert zu haben. Dieses sieht eine «freie, vorherige und in Kenntnis der Sachlage erteilte Zustimmung aller Beteiligten» vor, die weder in der fraglichen Region noch andernorts erteilt wurde.

Die Lage eskalierte in den vergangenen zwei Jahren. Daguil Capion wusste sich offenbar nicht mehr anders als mit Gewalt zu wehren. In seinem Dorf waren zuvor Gräber durch Baumassnahmen geschändet worden. Mehrfach wurde seine Familie von Soldaten und dem privaten Sicherheitsdienst des Bergbauunternehmens schikaniert und eingeschüchtert. Als Sicherheitskräfte seine Familie erneut bedrohten, soll er zur Waffe gegriffen und drei von ihnen erschossen haben. Das Militär jagte ihn, doch der Flüchtige konnte im unwegsamen Terrain untertauchen.

Oberstleutnant Alexis Noel Bravo, Kommandant des 27. Infanteriebataillons, sagte laut philippinischen Medienberichten in einem Radiointerview am 18. Oktober, dass sie Hinweise von einem Informanten erhalten hätten, wo Capion sich versteckt halte. «Unsere Truppen wurden beschossen, als wir uns seinem Aufenthaltsort näherten. Also übten wir Vergeltung», wird Bravo in der südphilippinischen Zeitung «MindaNews» vom 18. Oktober zitiert.

Kritik unerwünscht

Dem Militär wird vorgeworfen, stets Partei für die vor Ort tätigen Konzerne zu ergreifen. Der ehemalige Uno-Sonderbeauftragte für aussergerichtliche Hinrichtungen, Philip Alston, brachte schon 2008 Angehörige der Armee in Verbindung mit politisch motivierten Morden an Umwelt- und MenschenrechtsaktivistInnen sowie Priestern und anderen KritikerInnen. Kritische Organisationen bezeichnen die in Manila protegierte Politik internationaler Konzerne als «Entwicklungsaggression». Während der Amtszeit von Expräsidentin Gloria Macapagal Arroyo (2001 bis 2010) sind laut der philippinischen Menschenrechtsorganisation Karapatan nahezu 1200 AktivistInnen ermordet worden. In letzter Zeit häufen sich vor allem Morde an BergbaugegnerInnen.

Das deutsche Aktionsbündnis Menschenrechte Philippinen hatte bereits im März 2012 auf die Gewalt in Tampakan um das Projekt von Xstrata reagiert und die philippinische Regierung aufgefordert, die Menschenrechtsverletzungen seitens des Militärs zu untersuchen. «Einer der Gründe für die fortlaufende Gewalt liegt darin», so das Netzwerk, «dass SMI/Xstrata und ihre Vertragspartner trotz einer Anordnung des Umweltministeriums vom 9. Januar 2012, alle Vorbereitungen zu stoppen, solange die Umweltverträglichkeitsgenehmigung aussteht, ihre Aktivitäten in der Region nicht eingestellt haben.»

Jaybee Garganera, Koordinator des philippinischen Netzwerks Alyansa Tigil Mina (Allianz gegen Bergbau), verurteilte die Erschiessung der drei Capion-Familienmitglieder: «Dies ist ein barbarischer, heimtückischer Akt des Militärs.» Daguil Capion und seine Familie hätten nie einer Rebellenbewegung angehört. Ihr Engagement gelte einzig und allein «dem Schutz des Landes ihrer Vorfahren. In diesem Fall geht die grösste Bedrohung gegen das Recht von Indigenen auf ihren Grund und Boden einzig vom Tampakan-Bergbauprojekt der SMI aus.»

Derweil rechnen die Bürgermeister von Kiblawan und Tampakan mit dem Schlimmsten. Sie setzten ein Kopfgeld auf Daguil Capion aus, da sie mit Vergeltung oder gar einem Stammeskrieg gegen ihre Gemeinden rechnen. 300 000  Peso, umgerechnet etwa 6750 Franken, haben sie auf seine Ergreifung ausgesetzt – tot oder lebendig.

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