Nr. 43/2012 vom 25.10.2012

Zurück zu den Anfängen

Neues von und über Yoko Ono: Mit ihrem aktuellen Album «YokoKimThurston» knüpft die Künstlerin an ihre frühe Radikalität an. Derweil geht eine Biografie recht unkritisch mit der Diva der Avantgarde um.

Von Christoph Wagner

Yoko Ono bellt Urlaute. Ihre Stimme überschlägt sich, klingt so, exaltiert und durchdringend wie der Gesang im japanischen Nô-Theater. Stöhnen, Heulen, Seufzen kommen dazu. Dissonante Akkorde und Rückkopplungen verdichten sich. Gitarrensaiten werden gedehnt. Die US-amerikanische Vokalistin ist in ihrem Element und schöpft die Bandbreite ihrer Stimmkunst aus.

«YokoKimThurston» heisst das neue Album von Yoko Ono, das die New Yorker Multimediakünstlerin mit zwei «guten Freunden» eingespielt hat. Damit sind die Rockavantgardisten und Exeheleute Kim Gordon und Thurston Moore von Sonic Youth gemeint, der Band, die lange Zeit im alternativen Rock den Ton angegeben hat und erst kürzlich das Handtuch warf. Mit der Einspielung kehrt Ono zu ihren Anfängen zurück: den radikalen Experimenten in der Untergrundszene von Downtown Manhattan, als sie sich mit konzeptionellen «Word Pieces» und Schreiperformances einen Namen machte. Yoko Ono ruft damit Erinnerungen an Ereignisse wach, die Anfang der sechziger Jahre unter dem Stichwort «Fluxus» begannen.

«Die Irren sind los!»

September 1962. Im städtischen Museum in Wiesbaden findet unter der Überschrift «Fluxus – Internationales Festival Neuster Musik» ein grosses Tohuwabohu statt. Das Ereignis bringt zum ersten Mal die extremsten Avantgardistinnen und Kunstrebellen aus der ganzen Welt zusammen. In vierzehn Konzerten werden alle Register der Antikunst gezogen und die Vorstellungen konventioneller Ästhetik auf den Kopf gestellt. Es geht um Schock, Provokation und Skandal. Als Höhepunkt wird ein Klavier zertrümmert, was einen Reporter zu der Schlagzeile veranlasst: «Die Irren sind los!»

Frauen sind in der Fluxusszene eine winzige Minderheit. Yoko Ono liefert einen der wenigen weiblichen Beiträge zum Wiesbadener Festivalprogramm. Drei ihrer Werke werden aufgeführt, darunter «Ein Stück, um den Himmel zu sehen». Ono hatte sich mit radikalen Kunstaktivitäten für das Ereignis empfohlen. In ihrem New Yorker Loftstudio hatte sie seit 1960 die «Chambers Street Concerts» veranstaltet, wo etwa die «Smoke Paintings» zu sehen waren, brennende Gemälde, die sich in Rauch auflösten. «Ich spielte eine Reihe von Konzerten mit La Monte Young», erinnert sich Ono. «John Cage überredete all diese tollen Leute, zu unseren Konzerten zu kommen: Peggy Guggenheim, Duchamp, Max Ernst.»

Bei einer anderen Aktion namens «Painting to Be Stepped On» wurde eine Leinwand auf dem Fussboden ausgebreitet, wobei sich durch die Schuhabdrücke der Besuchenden allmählich ein abstraktes Bild ergab. Und dazwischen immer wieder die «Cry Pieces»-Schreistücke: «Mit solchen Geräuschen und Gefühlen wollte ich arbeiten: dem Klang der Angst und der Dunkelheit», kommentierte Ono später ihre Aktionen.

Die 1933 geborene Yoko Ono stammt aus einer vermögenden Tokioter Bankerfamilie. Mit dem Reichtum ging eine profunde musikalische Ausbildung einher. Ono erhielt privaten Musikunterricht, nahm Gesangsstunden und übte «German Lieder». Als Onos Vater zum Leiter der Bank of Tokyo in New York befördert wird, kommt sie in den fünfziger Jahren in die USA, um an einer Eliteuniversität Philosophie und Komposition zu studieren. Einer ihrer Mitstudenten ist George Maciunas, der später zum Initiator und Namensgeber der Fluxusbewegung wird und Onos Kunst in seiner New Yorker Galerie ausstellt.

Die Geschäfte mit avantgardistischer Kunst gehen schlecht. Gläubiger sind Maciunas auf den Fersen. 1961 setzt er sich nach Deutschland ab, um für die US-Armee in Wiesbaden als Grafikdesigner zu arbeiten. Hier knüpft er Kontakte zu Künstlern wie Joseph Beuys und Avantgardekomponisten wie Karlheinz Stockhausen. Maciunas sorgt wohl auch dafür, dass Onos Konzeptstücke beim Fluxusevent in Wiesbaden zur Aufführung kommen.

1964 kam es zum Eklat. Als Stockhausens experimentelles Musiktheaterstück «Originale» in New York von unter anderen Mary Bauermeister, Allen Ginsberg und Nam June Paik aufgeführt wurde, protestierten die Fluxusmitglieder George Maciunas, Tony Conrad und Henry Flynt vor dem Konzerthaus gegen die Veranstaltung, wobei Flynt in einem Pamphlet Stockhausens Ablehnung von aussereuropäischer und populärer Musik als «kulturellen Imperialismus» brandmarkte. Damit war der Split vollzogen. Links gerichtete Fluxusmitglieder attackierten ihre eher politisch indifferenten KollegInnen, die wiederum die stramme politische Ausrichtung als «Agitprop» ablehnten. Das Schisma ging als der «erste Tod» von Fluxus in die Annalen der Kunsthistorie ein. «Verräter, du hast Fluxus verlassen!» stand auf einer Postkarte, die Maciunas an Paik schickte.

1966 stellte Ono ihre Installationen in einer kleinen Galerie in London aus, wo sie John Lennon von den Beatles traf. Bald galt das Paar als unzertrennlich und sorgte mit Aktionen wie dem Amsterdamer «Bed In»-Happening gegen den Vietnamkrieg für Schlagzeilen. Beatles-Fans waren auf Yoko Ono nicht gut zu sprechen: Ihr wurde die Trennung der Fab Four angelastet. Ono inspirierte Lennon dazu, in eine mehr experimentelle Richtung zu gehen. Mit Ono nahm er einige radikale Schallplatten auf, die eine Verbindung zwischen Fluxus und Rock ’n’ Roll anstrebten, was dem Beatle den Fluxusritterschlag von Meister Maciunas höchstpersönlich einbrachte, aber auch viel Spott und Hohn.

Nach dem Mord an Lennon 1980 führte Ono die musikalischen Aktivitäten fort, oft im Gespann mit ihrem Sohn Sean Lennon, wobei sie von Funk über experimentellen Rock bis zu Electronica und Remixes immer wieder musikalisches Neuland betrat.

Die Fluxusära bildet neben den Jahren mit Lennon das Kernstück einer Biografie, die der Journalist Nicola Bardola über Yoko Ono verfasst hat. Bienenfleissig hat er die ganze Ono- und Lennon-Literatur durchforstet, dabei viele Fakten zusammengetragen, die er nun flüssig referiert. Allerdings fehlt ihm neben der nötigen Detailkenntnis und dem erforderlichen Fachvokabular auch das theoretische Handwerkszeug, um Ono im Kontext der Fluxusbewegung kunsthistorisch kompetent einzuordnen.

Weil Bardola mit Ono selbst kein Interview führen konnte, hat er alle Fakten aus der umfänglichen Sekundärliteratur und diversen Onlinequellen destilliert. Ebenso wenig hat der Autor alte WeggefährtInnen konsultiert, wie etwa den Minimalisten La Monte Young, der immerhin einmal Onos Lover und Fluxuskompagnon war, oder den politischen Fluxusaktivisten Henry Flynt.

Die Stimme im Vordergrund

Der Mangel an «First-Hand-Information» erweist sich auch bei der Behandlung des Albums «Unfinished Music No. 2 – Life With the Lions» als Handicap. Wie Bardola schreibt, spielten auf der Liveaufnahme «Cambridge 1969» mit Lennon und Ono «noch ein Saxofonist und ein Schlagzeuger». Hätte er den soeben verstorbenen Saxofonisten John Tchicai, immerhin ein massgeblicher Neuerer im Jazz seit den Sechzigern, befragt, wäre ihm wenig Schmeichelhaftes über Ono zu Gehör gekommen: «Auf Tantiemen warteten wir vergeblich. Ich schrieb Briefe an Yoko Ono, um meinen Anteil zu reklamieren, bekam aber keine Antwort», erzählte Tchicai über die Multimillionärin. «Das ist Diebstahl und eine Schande, dass Leute so tief sinken, Musiker, die sowieso wenig verdienen, um ihre Ansprüche zu prellen.» In Bardolas Hagiografie hätten solche Fakten das Heiligenbild nur gestört.

Da ist Onos Album «YokoKimThurston», das auf Onos eigenem Chimera-Label erschienen ist, von grösserer Qualität. Die Bandbreite der weitgehend improvisierten Titel reicht von entrückten Gesangsstücken mit verzerrten Gitarren über Gedichtrezitationen in verteilten Rollen bis zur Nummer «Mirror Mirror», die das grimmsche Märchen «Schneewittchen» variiert. Gegenüber den jüngeren BegleitmusikerInnen fällt die Fluxusoma nicht ab – im Gegenteil: Selbstbewusst gibt sie die Richtung vor. Immer steht Onos Stimme im Vordergrund. Wie zu Beginn ihrer Karriere lotet sie die Möglichkeiten ihres Gesangsorgans in allen Schattierungen aus. «Ich habe meine ganze Energie in dieses Album gesteckt, um die Welt damit aufzuwecken», sagt Ono. Im Februar wird sie achtzig Jahre alt – ihrer Musik ist das nicht anzuhören.

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