Nr. 05/2013 vom 31.01.2013

Wie man einen Krieg plant und eine Falle stellt

Mochtar Belmochtar ist das neue Gesicht von al-Kaida, das nach der blutigen Geiselnahme im algerischen In Amenas um die Welt ging. Der Westen ist daran, sein tödliches Spiel mitzuspielen.

Von Robert Fisk

Usama Bin Laden prahlte gern mit seinen Narben von drei russischen Gewehrkugeln, die er sich in Afghanistan eingefangen hatte. Talibanchef Mullah Omar zeigte sich immer stolz darüber, dass er im Kampf ein Auge verloren hatte. Ihre Kampfverletzungen sind Teil ihrer Persönlichkeit geworden. Und jetzt kommt auch noch Mochtar Belmochtar, das neue Gesicht der al-Kaida in Nordafrika: Auch ihm fehlt ein Auge, das er angeblich an die Feinde Gottes verloren hat.

Belmochtar wurde vor vierzig Jahren in der algerischen Stadt Ghardaia geboren. Er reiste mit neunzehn nach Afghanistan und galt bei vielen im Westen als einer der heldenhaften Kämpfer gegen das kommunistische Regime. Als er im algerischen Bürgerkrieg gegen die ebenso ruchlosen regierungstreuen Paramilitärs kämpfte, wusste er aus Afghanistan, dass ein Krieg nicht nur durch Eroberungen gewonnen werden kann, sondern auch durch die Demütigung des Gegners.

Der Mann ist ein faszinierendes Symbol dafür, wie es mit Usama Bin Ladens Werk bergab geht: Belmochtars Afghanistan-Akte wird überschattet von seinem späteren grausamen Verhalten im Heimatland Algerien, aber auch von Schmuggel, Menschenhandel und Korruption.

Der Wandel der al-Kaida

Die Kalaschnikow bei Fuss, demonstrativ den Koran lesend, so präsentierte sich Belmochtar den wenigen Westlern, die ihn – meist als seine Gefangenen – trafen. Er gab das Spiegelbild von Bin Laden, stilisierte sich als Führer der al-Kaida im islamischen Maghreb. Später, als er seine Truppe nach der Niederlage im algerischen Bürgerkrieg verlor, machte er sich zum Chef von al-Muwaqiu bil-Dima, was so viel wie «die mit Blut unterschreiben» bedeutet. Die Gräuel auf der Gasförderanlage von In Amenas, die Belmochtars Truppe am 16. Januar besetzte, verdeutlichen, was damit gemeint ist.

Al-Kaida hat sich gewandelt. Der Arabische Frühling – die Massenrevolten gegen die Diktaturen – verwandelte Bin Laden in einen Mann von gestern. Auf seinem TV-Bildschirm in Abbottabad, in den Tagen bevor er durch die US-Spezialeinheit hingerichtet wurde, war von Kairo über Damaskus bis zum Jemen nicht ein einziger Protestierender zu sehen, der eine Al-Kaida-Fahne oder Bin Ladens Foto mittrug. Eine Neuausrichtung von al-Kaida war dringend nötig.

Bin Laden soll immer sehnsüchtig vom Atlasgebirge im Maghreb gesprochen haben – dem Tora Bora von Nordafrika. Viele seiner Legionäre sind von Afghanistan nach Algerien, Mali, Mauretanien, in den Tschad, nach Niger und sogar nach Nigeria aufgebrochen. Die USA importieren inzwischen mehr Öl aus Nigeria als aus Saudi-Arabien, dem Land, dessen Bürger Bin Laden war. Wie Gaddafi – der Bin Laden hasste – wusste al-Kaida um die ökonomische Bedeutung Afrikas. Bin Laden hatte schliesslich auch selber fünf Jahre im sudanesischen Exil verbracht.

Grausame Allianzen

Eigenartigerweise kam das Ergebnis des Bürgerkriegs in Algerien Belmochtar zugute. Präsident Bouteflika, der beste Freund Frankreichs im neuen Nordafrika, liess 2004 erfolgreich ein Referendum abhalten, das faktisch die islamistischen Kämpfer begnadigte, während es die von der Regierung angeordneten Massenfolterungen und Hinrichtungskommandos rechtfertigte. In der Folge gingen die schwächeren Brüder der islamistischen Revolte nach Hause, während die harten, unversöhnlichen Männer in die Wüste und über die Grenze emigrierten. Belmochtar erbte so eine gesäuberte Al-Kaida-Brigade – und eine neue Version von Bin Ladens Kampf.

Seither geht es al-Kaida nicht mehr um das hoffnungslose Unterfangen, ein Weltkalifat zu errichten, sondern darum, die ungläubigen Feinde des Islam zu demütigen. Bin Ladens Kampftaktik bleibt; nur von seiner Philosophie wird sachte abgerückt. Die Kämpfer – jetzt in der Hand Belmochtars oder seines letzten Rivalen, des angeblich asketischen Abdelhamid Abu Zeid – müssen nur die westlichen Armeen demütigen, um sie dazu zu bringen, in der muslimischen Welt zu intervenieren. Genau wie jeder westliche Soldat in Afghanistan und im Irak, so muss jetzt jeder französische Soldat, der in Mali eintrifft, ein Ziel sein.

Demütige die mächtigen westlichen Armeen und bringe sie mit blutrünstigen Alliierten zusammen: Das ist der Schlachtplan von al-Kaida. Je mehr Frankreich – und die USA und Britannien – dazu provoziert werden kann, sich mit der grausamen algerischen Regierung zu verbünden oder auch mit der revanchistischen malischen Armee, desto grösser ist der Sieg der al-Kaida. Die für Geiseln wie Geiselnehmer tödliche Art und Weise, wie die algerischen Truppen die Besetzung der Gasförderanlagen in In Amenas beendeten, scheint bereits wieder vergessen. Der britische Premierminister David Cameron, naiv und mit einem Manuskript, das von Belmochtar hätte geschrieben sein können, proklamierte: «Unsere Entschlossenheit, mit Verbündeten in der ganzen Welt zusammenzuarbeiten, ist grösser denn je, um diese terroristische Geissel auszurotten.» Abgesehen von Camerons schrecklichen Sprachbildern («ausrotten», «Geisel») – die auf seltsame Weise eine Parallelität mit der langweiligen Rhetorik von al-Kaida aufweisen – macht sich Britannien damit faktisch zum Alliierten des Mörderregimes in Algerien.

Spaghetti aus Algerien

In den letzten Tagen haben Menschenrechtsgruppen von Rachemorden der malischen Armee gegen Tuareg-ZivilistInnen in den «befreiten» Städten berichtet. Die «westlichen Diplomaten» behaupten nun, sie hätten schon lange davor gewarnt, dass sich die malische Armee an Rachemorden beteiligen könnte. Dummerweise sagten sie uns das nicht einen Monat zuvor. Und der französische Verteidigungsminister Jean-Yves Le Drian macht uns weis, dass Belmochtars Aufständische «ihre Taktik diversifiziert» hätten. «Die können eine Stadt zu jeder Zeit verlassen oder sich unter die Bevölkerung mischen … Das ist die Kriegsführung einer Stadtguerilla, das ist sehr schwierig zu bewältigen.» Und wieso sagte er uns das nicht einen Monat zuvor?

Ein Bericht der Nachrichtenagentur AP beschreibt, wie Belmochtars Dschihadistenkamerad Abdelhamid Abu Zeid in der malischen Stadt Diabali ankam, zivile Häuser mithilfe von Veteranen aus dem Irak und aus Afghanistan übernahm, sich vor französischen Fliegerbomben versteckte, Kindern Geschenke verteilte, anbot, für Miete und Wassergebühren zu zahlen, und, geschützt von fünf bewaffneten Männern, importierte Nahrungsmittel aus Algerien ass: «Er ass Spaghetti, las den Koran und plante einen Krieg.»

Hier haben wir es: Ignoriere al-Kaida, und der «Krieg gegen den Terror» ist verloren. Bekämpfe sie, und du wirst gedemütigt. Der Algerier Belmochtar versteht das. Der französische Minister spricht derweil von diversifizierter Taktik.

Robert Fisk ist Nahostkorrespondent 
der britischen Zeitung «The Independent». 
Aus dem Englischen von Daniel Stern.

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