Nr. 05/2013 vom 31.01.2013

Ehre und Familie

Pedro Lenz über Kopfstösse und Tätowierungen.

Von Pedro Lenz

Vermutlich erinnern sich manche LeserInnen noch an den Sommer 2006. Im Final der Fussballweltmeisterschaft in Berlin standen sich Italien und Frankreich gegenüber. Das Spiel war ausgeglichen. In der Verlängerung stand es 1:1. Da stiess auf einmal Frankreichs Superstar Zinedine Zidane dem Italiener Marco Materazzi den Kopf gegen die Brust. Der Kopfstoss war hässlich anzusehen. Materazzi lag am Boden und schnappte nach Luft, während Zidane vom Platz gestellt wurde. Mit seiner brutalen Attacke hatte Zinedine Zidane seinen Mannschaftskollegen einen Bärendienst erwiesen; er fehlte im anschliessenden Penaltyschiessen, das Italien gewann und ihm so den Weltmeistertitel einbrachte.

In den ersten Tagen und Wochen nach jenem WM-Final war das Unverständnis über die Unbeherrschtheit des Franzosen gross. Die Leute fragten sich, wie ein so überragender Fussballer wie Zidane seine Karriere mit einem derart schmutzigen Körperangriff hatte beenden können. Erst als Zidane irgendwann öffentlich erklärte, Marco Materazzi habe während des Spiels seine Schwester beleidigt, begann die Allgemeinheit Verständnis aufzubringen. «Aha, wenn es so ist», sagten auf einmal viele Fans und Kommentatoren, «dann muss man Zidane verstehen, dann hat Materazzi den Kopfstoss verdient.»

Wer die Schwester des Gegenspielers beleidigt, darf sich nicht beklagen, wenn er brutal niedergestreckt wird. So lautet eine bis heute unter Fussballfans weitverbreitete These. Schwesternbeleidigung, egal ob echte oder vermeintliche, scheint körperliche Angriffe zu rechtfertigen, denn bei der Schwester hört jeder Spass auf.

Diese falsche Vorstellung eines Ehrbegriffs, der nur auf Worten und Zeichen beruht, nimmt im Fussball wie in der ganzen Gesellschaft immer mehr zu. So gibt es beispielsweise immer mehr Fussballer, die sich die Namen ihrer Kinder auf die Arme tätowieren lassen. Fragt sie dann jemand, wieso sie das tun und ob es ihnen nur möglich sei, die Namen der eigenen Kinder im Kopf zu behalten, wenn sie auf dem Unterarm eingestochen sind, reagieren sie beleidigt. Pathetische Aussagen wie «Meine Kinder sind alles, was ich habe!» gehören zur Tagesordnung von Fussballmillionären. Aber das ganze Gerede über Familienehre bleibt meist auf einer verbalen, oberflächlichen Ebene.

Es ist eben einfacher, sich den Namen des Neugeborenen eintätowieren zu lassen, als ihm die Windeln zu wechseln. Genau so, wie es einfacher ist, die Ehre der Mutter oder der Schwester auf dem Sportplatz mit Worten und Fäusten zu verteidigen, als dieser Schwester oder Mutter die Hausarbeit abzunehmen.

In einer Woche beginnt in der Schweiz die Rückrunde der Fussballmeisterschaft. Der FC Basel hat sich im Winter durch den ehemaligen YB-Stürmer Raúl Bobadilla verstärkt. Bobadilla ist ein Fussballer, der auf dem Rasen vieles kann. Er ist schnell, stark am Ball, kräftig und torgefährlich. Trotzdem ist es keine Freude, ihm beim Spielen zuzusehen. Er hat die Tendenz, seine eigenen Mitspieler mit Gesten und Worten schlechtzumachen. Oft verliert er auf dem Platz die Beherrschung. Zuweilen schlägt er auch zu. Und nach dem Spiel kann es vorkommen, dass er Schiedsrichter oder Funktionäre übel beschimpft. Der Argentinier ist der Inbegriff eines selbstbezogenen, cholerischen Machos, der den Fussball nicht als Teamsport, sondern als Bühne zur Befriedigung der persönlichen Eitelkeit betrachtet.

Um dennoch klarzustellen, dass er ein fantastischer Sohn und Enkel ist, hat sich Bobadilla die Porträts seiner Eltern auf die Brust tätowieren lassen. An seinem Hals lassen sich die Anfangsbuchstaben der Vornamen seiner Grossväter erkennen. Am Unterarm trägt er den Namen einer Nichte. Alles für die Familienehre.

Wer das lächerlich findet, hat keinen Sinn für Ehre, ist kein Familienmensch und soll sich bitte vor Kopfstössen in Acht nehmen.

Pedro Lenz ist Schriftsteller und lebt in Olten. Auf verbale Beleidigungen seiner Angehörigen reagiert er mit sportlicher Gelassenheit.

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