Nr. 05/2013 vom 31.01.2013

Mit Augen wie Fenster ins Innere

Zum Tod von Jörg Steiner: Die Schriftstellerin Ruth Schweikert an einen Dichter, der nach aussen und nach innen schaute – und sich nie der scheinbaren Macht des Faktischen gebeugt hat.

Von Ruth Schweikert

«Sein Gedächtnis funktionierte wie eine Kamera. Einmal, nach einem Zusammensein mit ihr, war er aus dem Geschäft weggelaufen. Er sah sich vor dem mit Schnee bedeckten Rondell in der Allee stehen. Die Schneedecke war schwarzbraun, und unter dem Schnee blühten Stiefmütterchen.» (Einmal, nach dem Tod deiner Frau Silvia, klingelte ich vergeblich an deiner Tür. Später stand ich in deinem Garten und schrieb dir eine Karte, während ein Arbeiter schwarzbraune Erde in eine Schubkarre schaufelte, um sie an anderer Stelle wieder abzuladen. Es war ein kühler, sonniger Vorsommertag, und es dauerte eine Weile, bis ich ihn wahrnahm: Ein Blütenduft, zart und bestimmend; war es ein Apfelbaum, der blühte, oder ein Kirschbaum gar; dass ich es nicht sicher wusste, beschämte mich.) «Das konnte man nicht denken nennen. So vergingen die Jahre. Es blieb eine Sammlung von Bildern.»


So empfinde ich es, wenn ich an dich und unsere verpassten und geglückten Begegnungen denke, so empfindet es im Roman «Das Netz zerreissen», erschienen 1981, der ungefähr 35-jährige Peter Tripolet, Drogist im nicht genannten, aber stets gegenwärtigen Biel; eine von mehr als zehn Figuren, deren innere und äussere Lebensstationen du darin nachzeichnest, von 1950 bis Ende der sechziger Jahre: eine Chronik der Gefühle und des Älterwerdens, von politischen und gesellschaftlichen Verschiebungen in den USA, wohin Martin Knecht auswandert, nachdem er von seinem Vater Robert, dem Wirt der «Schönegg», mit siebzehn in die Jugenderziehungsanstalt Brandmoos gesteckt wurde, und vom Niedergang ebenjener «Schönegg», dem Treffpunkt der zurückgebliebenen Jugendfreunde Peter und Christoph, von ihren Freundinnen Anna und Beatrice, den Arbeitern des nahen Schlachthofs; beiläufig und mit Vehemenz zugleich entspinnen sich die Netze, die die Figuren verbinden und in denen sie sich verfangen – die Netze der Konventionen und der eigenen Bedingtheiten, der erfahrenen Beschädigungen auch und des Aufbegehrens dagegen; denn in diesem Ent- und Verwicklungsroman lässt sich niemand widerstandslos zurichten vom Leben und den Umständen, in die hinein er oder sie geboren wurde und die sie alle später als Erwachsene mit verantworten, sich selbst und den Mitmenschen gegenüber; sie versuchen und geben ihr Bestes, das Menschenmögliche also; die Lektionen, des Lebens sind allerdings brutal, und ihre Konsequenzen daraus brutal ernüchternd, wie Christoph es formuliert: «Er, als Lehrer, hatte mit Leuten zu tun, die aus Fehlern etwas lernen wollten. Was die meisten tatsächlich gelernt hatten, war traurig und entmutigend: Das Kuschen hatten sie gelernt.»



Wer schreibt, versucht, unter anderem, die Dämonen zu bannen, indem er sie benennt: Das Kuschen hast du eben nicht gelernt, lieber Jörg; ein Leben lang hast du dich gegen diese Lektion empört, eher leise und insistierend; der scheinbaren Macht des Faktischen hast du dich nicht gebeugt, sondern ihr, mit den Mitteln der Literatur (Lebens-)Möglichkeiten entwerfend, Spiel- und Freiräume entgegengesetzt, die uns Leserinnen und Leser daran erinnern, dass wir sie haben – und davon Gebrauch machen können, sollen, müssen, dürfen. Auf dass nicht geschehe, was du eine deiner Romanfiguren denken lässt: «Die verkümmerte Freiheit: Das war man selbst.»



Lieber Jörg, es fällt mir schwer. Es fällt mir furchtbar schwer, mir vorzustellen, dass du nicht eines Tages wieder im «Bel Air» sitzt oder in der «Rotonde» in Biel; nicht immer auf meinem Weg ins Literaturinstitut habe ich dich dort aufgesucht; es genügte mir, dich dort zu wissen. Und es fällt mir schwer, dein Werk zu würdigen, auszuloten und abzuwägen, Kostbarkeiten ins Licht zu rücken, deinen Sprachschatz für die Nachwelt zu bergen, um ihn auszustellen, hier, sehen Sie, lesen Sie!, «Ein Kirschbaum am Pazifischen Ozean», welch seltene Perle! (ja, der «Kirschbaum» ist neben «Das Netz zerreissen» mein Herzensbuch, geschrieben mit der Hellsichtigkeit und dem Erfahrungsreichtum, dem Lebenswissen des Alters); muss ich so tun, als vermöchte ich es: eine Übersicht zu schaffen über Themen, Figuren, Schauplätze, Gestus, Sprache, Rhythmen – als vermöchte das irgendwer, mehr als 82 Lebensjahre und ungefähr dreissig Bücher in 8000 Zeichen zu komprimieren, ein Destillat, ein Kondensat, ausgerechnet, wo deine Sätze und Bücher doch Raum geben, nicht alles wissen wollen von ihren Figuren und auch nicht vorgeben, alles zu wissen? Wo mir doch allzu vieles aus deinem Leben und Werk unbekannt ist, wo ich Sätze, ja ganze Bücher, die ich geliebt habe, als ich sie las, und von denen ich glaubte, ich könnte sie niemals vergessen, wüsste sie ein Leben lang auswendig – par cœur, wie du mir einst geschrieben hast, du wüsstest einige meiner Sätze par cœur (und mein Herz stand für Momente still) –, eben doch vergessen habe! «Nein, das musst du nicht», höre ich dich sagen, obwohl ich mich nicht daran erinnern kann, dass du je Nein gesagt hättest, viel eher habe ich dich abwartend in Erinnerung, die Dinge auf dich zukommen lassend, «mir wei luege», und luege, schauen, konntest du, mit deinen tiefdunklen Augen wie Fenster ins Innere, auf bichselsche Weise; Peter Bichsel, dein Freund seit Jahrzehnten, der zu sagen pflegt, «ich beobachte nicht, ich schaue», und schauen heisst, sowohl nach aussen wie nach innen zu schauen, das Gesehene in Beziehung zu bringen mit demjenigen, der schaut. So hast du auch geschrieben; dazu brauchte es keinen Ich-Erzähler, du warst (und bist) anwesend in deinen Texten.


«Er wusste nicht, wie er beginnen sollte. Satzfetzen ohne Zusammenhang gingen ihm durch den Kopf; es war doch alles falsch, was hier gesagt worden war (…)»

Der Lehrer, der sich vom Kollegium angegriffen fühlt, stürzt sich in eine Rede; und ich müsste meine Rede, meinen «Nachruf» damit beginnen, dass ich dich geliebt habe, dass ich dich und das, was du zur Sprache gebracht hast, nicht voneinander trennen kann, und bin doch längst mitten in der Behauptung, aus der Not geboren und dem Wunsch, das Nachgerufene gelange dir dennoch zu Ohren –

Der junge Lehrer sieht sich auf fatale Weise gerettet; die aus der Not geborene Ankündigung, dass er heiraten will, stösst auf erleichterte Zustimmung, jetzt wird alles gut, kann er an Land gezogen werden mit dem Netz, das man für ihn ausgeworfen hat.

Nein, ich möchte dich nicht einfangen, Jörg, das würdest du dir auch nicht gefallen lassen, von niemandem, «Das Netz zerreissen», es gelingt dem Wirt in extremis, indem er seine «Schönegg» abbrennt, nachdem er sie den Spekulanten verkauft hat; der Preis, den er dafür zahlt, ist hoch, aber was er dafür gewinnt, ist unbezahlbar, auch wenn der Roman es offen lässt, was er aus der errungenen Freiheit macht; seinen Freund Sugus zumindest hat er aus der Anstalt freigekauft.

«Wie oft war er den Weg zur Klinik gegangen. Wer über Treppen und Waldwege das Spital erreichte, (…) blieb vorn an der Mauer stehen, sah auf die Stadt hinunter, dann zu den Rebgärten hinüber, die sich in Terrassen dem nach Westen abfallenden Jurakamm entgegenschwangen und an ihrer Grundlinie vom See aufgefangen wurden.

Irgendeinmal in seinem Leben stand fast jeder hier. Es war die Aussicht, die auch die Sterbenden hatten, die Genesenden, die Unheilbaren.»

Es war auch deine letzte Aussicht, die du schreibend vorweggenommen hast für uns, die wir zurückbleiben.


Lieber Jörg, dein Herz, ton cœur, hat, was es auswendig wusste, mitgenommen. Was uns bleibt, ist vielleicht das: Als wir uns Wochen nach meinem vergeblichen Anklopfen an deiner Tür doch noch trafen, hast du mir erzählt, was dir ein Jugendfreund zum Tod deiner Frau Silvia geschrieben hatte: «Ich reiche dir die Hand», während so viele andere dir Kraft gewünscht hätten, bis du es nicht mehr hören konntest. Und so rufe ich dir nach: Was du nicht mehr vermagst, vermögen deine Bücher; sie reichen uns die Hand.

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