Nr. 38/2019 vom 19.09.2019

Das Land mit der vertrauten Sprache, die ich nicht verstehe Wo kommen die Löcher im Käse her? Und wer versteckte die Joints im goldenen Tischglobus?

Von Max Czollek

Max Czollek Foto: Peter Hassiepen

Die Schweiz ist ein merkwürdiger Ort. Ich mag merkwürdige Orte. Und darum soll es in diesem Text gehen: meinen persönlichen Blick auf die Schweiz. Denn dieses Land begleitet mich ziemlich exakt, seit ich ernsthaft Gedichte schreibe. Mein erster Besuch in der Schweiz war im selben Jahr, in dem ich die Mitglieder des späteren Lyrikkollektivs G13 bei einem Workshop in Südtirol traf. Zum Treffen war ich vom Tessin über Italien bis Bozen angereist. Ich hatte vorher noch nie Palmen in den Alpen gesehen. Was kein Wunder ist, ich wurde Ende der Achtziger im abgetrennten Ostteil einer Stadt geboren, die heute Hauptstadt ist, und kannte daher weder Palmen noch Alpen.

Dieser Text ist eine Aneinanderreihung von Szenen. Damit möchte ich verhindern, dass Sie denken, ich könnte etwas Systematisches über die Schweiz sagen. Das kann ich nicht. Im Gegenteil: Ich glaube sogar, es ist uns nur sehr begrenzt möglich, die eigene Wahrnehmung zu verlassen. Die Löcher, die dieser Text offen lässt, sind grösser als die des beeindruckendsten Schweizer Käses. Was nicht schlimm sein muss. Denn die Löcher, das weiss doch jeder, gehören zum Käse dazu. Wer etwas ohne Löcher möchte, holt sich eine Currywurst. Die gibts bei mir oben in Berlin, wo ich aufgewachsen bin und immer noch wohne.

Ach ja, ich esse keine Currywurst.


Die frühste literarische Berührung mit der Schweiz hatte ich als kleiner Junge. Mein Vater konnte eine Menge Texte auswendig, darunter die satirische Kurzgeschichte «Wo kommen die Löcher im Käse her?» unseres Familienheiligen Kurt Tucholsky. Der Text gehörte zu meinen liebsten väterlichen Kurzauftritten. Die Schweiz taucht prominent auf, als der Papa in der Geschichte versucht, seinem Sohn zu erklären, wo die Löcher im Käse herkommen:

Papa: «Also, die Löcher im Käse, das ist bei der Fabrikation; Käse macht man aus Butter und aus Milch, da wird er gegoren, und da wird er feucht; in der Schweiz machen sie das sehr schön – wenn du gross bist, darfst du auch mal mit in die Schweiz, da sind so hohe Berge, da liegt ewiger Schnee darauf – das ist schön, was?»

Selbstverständlich eskaliert die Geschichte und demonstriert die Brüchigkeit bürgerlicher Contenance und Bildung. Aber schon der Papa aus Tucholskys Geschichte weiss, dass die Schweiz mehr ist als ihr Käse. Und natürlich ist das völlig richtig, selbst wenn ich den Gruyère mit am liebsten aus der Kühltheke meines Edeka ziehe. Der Papa kommt also vom Käse auf die hohen Berge und den ewigen Schnee. Womit er das Problem mit den Klischees nicht besser macht. Als würde man sagen: Deutschland, das ist nicht nur Autobahn. Das ist auch Oktoberfest und Rammstein. Und Klischees sind zwar unterhaltsam, aber man muss sie gut dosiert einsetzen, sonst verschwimmt der Gegenstand dahinter bis zur Unkenntlichkeit.

Die Schweiz ist für mich mehr als hohe Berge mit ewigem Schnee. Zumal das mit der Ewigkeit und dem Schnee jeden Sommer unwahrscheinlicher wird. Tolle Musik, Bücher und wichtige Verlage, das Theater am Neumarkt in Zürich, das jetzt von drei Frauen geführt wird. Oder auch neue Akteure in der Medienlandschaft wie die «Republik», die meinen Buchagenten aus Berlin abgeworben hat, der nun in der Schweiz dabei hilft, die Berichterstattung nicht den Rechten zu überlassen.

Ist dieser letzte Halbsatz jetzt schon eine zu krasse Zuspitzung der politischen Situation in Ihrem Land? – Vielleicht. Aber ist es ein Zufall, dass die NZZ von deutschen Figuren wie dem geschassten und sich sarrazinisierenden Chef des Verfassungsschutzes, Hans-Georg Maassen, als Quelle der Wahrheit zitiert wird? Applaus aus der falschen Ecke? Aus der Entfernung meines Schreibtischs, der ja wie gesagt im Norddeutschen Tiefland steht, muss diese Frage offenbleiben. Aber stellen möchte ich sie doch, in der Hoffnung, dass es ein bisschen knallt. Tucholsky:

«Ja. Aber Papa, wo kommen denn die Löcher im Käse her?» – «Ich habs dir doch eben erklärt: die kommen, wenn man ihn herstellt, wenn man ihn macht.» – «Ja, aber … wie kommen denn die da rein, die Löcher?» – «Junge, jetzt löcher mich nicht mit deinen Löchern und geh zu Bett! Marsch! Es ist spät!» – «Nein! Papa! Noch nicht! Erklär mir doch erst, wie die Löcher im Käse …» Bumm. Katzenkopf. Ungeheuerliches Gebrüll. Klingel.


Ich erinnere mich an meinen ersten Besuch in Zürich. Ich begleitete damals meinen Freund und G13-Kollegen Tristan, der in Zürich aufgewachsen ist. Zwei Bekannte hatten für den Abend zur Verlobungs- oder Hochzeitsparty geladen. Die sehr wohlhabenden und stolzen Eltern billigten diese Verbindung und hatten ihren Sprösslingen einen luxuriösen Neubau in der Zürcher Innenstadt gekauft. Und die Wohnung bedeutete für mich den Blick in eine Welt, mit der ich sonst wenig Berührungspunkte habe. Der Balkon war als Traufe 180 Grad um das Apartment gezogen, das sich über die halbe Etage erstreckte. Die offene Wohnküche war wie eine komplexe Curlingbahn mit spiegelblanken Oberflächen ausgestattet, in der Kochstelle wölbten sich zwei Vertiefungen für Woks, in denen Gemüse und Glasnudelsuppe köchelten. Davor erstreckte sich eine ausgedehnte Wohnsteppe mit vollverglaster Front, vor der ein DJ erst in den Sonnenuntergang, dann -aufgang spielte.

In einem der vielen Zimmer der dämmrigen Wohnung lagen Menschen auf Kissen und unterhielten sich, in einem anderen sassen sie auf Betten und in Sesseln oder rauchten an einem der offenen dreifachverglasten Fenster. Von einem Beistelltisch funkelte mich ein goldener Globus an. Als eine Besucherin meinen geblendeten Blick bemerkte, legte sie ihre Hand auf den Nordpol und liess die Kugel mit leichtem Druck aufschnappen. Von einer Hydraulik angetrieben, schob sich die Nordhalbkugel daraufhin nach oben, und aus dem Äquator klappten gut zwei Dutzend fertig gedrehte Joints. Ich kann seitdem nicht mehr an Zürich denken, ohne einen dampfenden Äquator vor mir zu sehen. Kann man das unter Umweltbewusstsein verbuchen?


Ich möchte nicht über die Schweiz schreiben, ohne der Sprache einen Abschnitt zu widmen. Denn Schweizerdeutsch ist eine ganz hervorragende Sprache. Eine merkwürdige Sprache auch. Schweizerdeutsch ist, unabhängig von der regionalen Färbung, eine Fremdsprache für mich, von der ich dennoch das Gefühl habe, dass ich sie verstehen sollte. Ich könnte auch schreiben: Schweizerdeutsch ist eine vertraute Sprache, die ich nicht verstehe.

Das Vertraute im Schweizerdeutschen liegt für mich weniger in der zweifelbaren Nähe zum Hochdeutschen, sondern in der Verbindung von Schweizerdeutsch und Jiddisch, das mein Vater zwar nicht mehr sprechen, aber noch singen konnte. Und ich kann es nicht mehr singen, aber noch verstehen. Und das ist doch eine spannende Weitergabe von Tradition: sprechen, singen, verstehen. Dazu fällt mir ganz und gar nicht zufällig eine chassidische Geschichte über den Legendenrabbi Baal Schem Tov ein, die der jüdische Autor Schmuel Josef Agnon überliefert:

Wenn der Baal-schem etwas Schwieriges zu erledigen hatte …, dann ging er an eine bestimmte Stelle im Wald, zündete ein Feuer an und sprach, in mystischer Meditation versunken, Gebete – und alles geschah, wie er es sich vorgenommen hatte. Wenn eine Generation später Rabbi Dow-Bär, der Maggid von Mesritsch, dasselbe zu tun hatte, ging er an jene Stelle im Wald und sagte: «Das Feuer können wir nicht mehr machen, aber die Gebete können wir sprechen» – und alles ging nach seinem Willen. Wieder eine Generation später sollte Rabbi Mosche Leib aus Sassow jene Tat vollbringen. Auch er ging in den Wald und sagte: «Wir können kein Feuer mehr anzünden, und wir kennen auch die geheimen Meditationen nicht mehr, die das Gebet beleben; aber wir kennen den Ort im Wald, wo all das hingehört, und das muss genügen.» Und es genügte.

Wie für Rabbi Mosche Leib aus Sassow der Ort genügt, damit sich die Kette der Generation erhält und auch durch ihn fliessen kann, so wirkt das Schweizerdeutsche auf mich wie ein Baum in jenem Wald, von dem bei Agnon die Rede ist. Wahrnehmbar wird für mich diese Verwandtschaft in der Diminutivendung «li», die im Schweizerdeutschen vielfach an die Wortenden gehängt wird, sodass der Eindruck eines rhythmischen Singsangs entsteht. Im Jiddischen lautet das Diminutiv «el» oder in zweiter Steigerung «ele»: «shnirele perele, gildene fon».


Vor einigen Jahren lebte ich für zehn Tage in Bern. Nicht besonders viel, aber für mehr hat es bislang noch nicht gereicht. Anlass war ein Lyriktreffen, das mein Berner Kollege Michael Fehr gemeinsam mit dem österreichischen Autor Robert Prosser und mir organisiert hatte. Fünfzehn Schreibende setzten sich zusammen, um gemeinsam über Lyrik zu diskutieren, zu schreiben und Möglichkeiten ihrer Präsentation auszuloten. Tags sassen wir im Robert-Walser-Zentrum, abends lasen wir als lyrische Late Night beim Aprillen-Festival.

Es waren leuchtende Tage. In meiner Erinnerung blühten die Kirschbäume am Berner Bärengraben. Damals entstand mein Bild von der Schweiz als Frühlingsland. Das ist Grund dafür, dass ich mir die dunklen Romane des in der Nähe von Bern geborenen Christian Kracht immer wie vor einem Fenster und mit Blick auf blühende Kirschbäume geschrieben vorstelle. Es raunt sich besser im Frühling.

Direkt im Anschluss an das Lyriktreffen zogen Robert und ich in Michaels Wohnung ein, um uns dem nächsten Projekt zu widmen: einer Anthologie junger deutschsprachiger Gegenwartslyrik. Dafür mussten knapp 3000 eingesandte Texte gesichtet und erst einzeln bewertet, dann gemeinsam diskutiert werden. Das war harte Arbeit. Aber an ihrem Ende standen jeweils wunderbare Whiskyabende in Michaels Küche. Das motivierte. Das Ergebnis erschien ein halbes Jahr später als «Lyrik von Jetzt 3. Babelsprech». Es war Herbst geworden.

Ich sehe uns drei zur Frühstückszeit in Michaels sonnendurchspülter Berner Küche sitzen und Kaffee trinken, im Hintergrund läuft das Radio, erst mit dem Zeitzeichen drängt die Stimme des Sprechers zurück in unsere Wahrnehmung. Unter den Meldungen wird verlautbart, dass es sich bei dem Alarm im Berner Umland am gestrigen Tage um einen Fehlalarm gehandelt habe. Robert und ich schauen uns grinsend an. Ein Land, in dem ein Fehlalarm eine Meldung wert ist. Ein Frühlingsland.


Anfang dieses Jahres war ich zur Langen Nacht der Museen nach Basel eingeladen. Mit meinem Kollegen Tobias Herzberg sollte ich eine temporäre Werkschau der Radikalen Jüdischen Kulturtage und des Desintegrationskongresses in den Räumen des Jüdischen Museums der Schweiz einrichten. Beide Veranstaltungen hatten wir gemeinsam mit KollegInnen im Studio R am Maxim-Gorki-Theater in Berlin organisiert. Das Jüdische Museum der Schweiz befand sich gerade im Umbau. Auch darum hatten wir uns im Vorfeld Baustellenklebeband besorgt, mit dem wir nun Flächen auf dem Boden und an der Wand markierten, um einen Rahmen für die Texte, Videos und Monologe zu ziehen, die wir zeigen wollten. Wir waren bereit für die erste jüdische Desintegrations-Bombenwerkstatt der Schweiz.

Ich hatte es im Vorfeld von gut meinenden, mit der Schweiz vertrauten Freundinnen raunen gehört, was ich dann direkt erlebte: Beim Adjektiv «radikal» und den an Zuspitzungen nicht ganz armen Performances fing das Publikum immer wieder an, unruhig auf seinen Plätzen rumzurutschen und sich im Raum umzuschauen, als müsste es noch eine weitere Veranstaltung geben, irgendetwas anderes als diese Aufführungen zwischen Baustellenklebeband. Selbstverständlich galt das nicht für alle. Unvergessen jener ältere Herr, der nach einer meiner Lesungen zu mir kam und sich als Mitglied der jüdischen Gemeinde zu erkennen gab. Nachdem er sich bedankt hatte, fing er an, mir eine nicht jugendfreie Geschichte aus seiner Jugend zu erzählen, und schlug mir dann mit heiserem Lachen auf den Rücken. Aber ansonsten fühlte man sich in der Mehrheit offensichtlich eher unwohl mit den Zuspitzungen, die uns in Berlin so zwingend vorgekommen waren.


Zu Recht und ganz schweizerisch könnten Sie jetzt denken: Ja, aber was gibt es denn schon zu gewinnen mit dieser Radikalität politischer Kritik, selbst wenn sie im Gewand der Kunst daherkommt? Die Antwort ist nicht nur eine Frage der Ideologie, sondern auch eine Stilfrage, die sich vielleicht besser durch die Musik erklären lässt, die man hört, als durch die jeweilige politische Einstellung. Ich habe die letzten Jahre gerne die New Yorker Rapperin Angel Haze oder das Berliner Aggro-Tic-Tac-Toe-Remake SXTN gehört. Und da war ich in einer anderen Stimmung als die Jahre, in denen ich ein ständig Hans-Eckardt Wenzel oder Joan Baez auf dem Walkman hatte.

Zugleich regte sich bei mir aber der Verdacht, hinter dem Zurückschrecken unseres Publikums in Basel stünde eine Art Sättigung, die mir fremd ist. Musik hin oder her. Und ist dieses Gefühl der Fremdheit so überraschend? Nordostdeutschland ist eben nicht Alpen, sondern kontinentales Klima über dem von Gletschern planierten Flachland. Darüber hinaus komme ich mir seit der Anpassung des Wechselkurses von Euro zu Franken vor wie ein Luftmensch auf Durchreise mit Löchern in den Taschen (da sind sie wieder, die Löcher). Ich denke aber auch an die sichtbaren MigrantInnen, die mir hier begegnen. Im Gang der Hotels, in denen ich für Auftritte untergebracht werde, wo sie als Putzkräfte arbeiten. Im Strassenverkehr, wo sie in den wenigen klapprigen Autos, die es hier überhaupt gibt, an mir vorbeifahren.

Dann erscheint mir die Schweiz wie die paradiesische Dystopie einer modernen kapitalistischen Gesellschaft auf der Siegerseite, die alle wesentlichen Klassenkonflikte externalisiert hat. Ein Frühlingsland, wie es ja auch Deutschland ist, dessen Bevölkerung der Rapper Dendemann in seinem Song «Keine Parolen» in den Mund legt: «Alles was ich will, is’ endlich nix mehr wollen / Ich bin satt geboren, mein Glas war extra voll.» Das stimmt natürlich auch in der Schweiz nicht für alle. Ganz und gar nicht. Zwar war die Schweiz auch Ende 2018 das reichste Land der Welt, aber der Reichtum ist zugleich, wenn auch auf relativ hohem Niveau, sehr ungleich verteilt. Vielen Schreibenden fällt es nicht leicht, über die Runden zu kommen. Aber hey, is eben Lyrik, hättet ja auch was Ordentliches studieren können!

Mein Freund Björn Kuhligk schreibt in einem seiner Gedichte: «und Deutschland da, wo man nichts sieht / wo ich mir den Zahnstein entfernen lasse». Und das gilt doch auch für die Schweiz. Denn das ist nicht nur das Land der Bärengehege, Fehlalarme und goldenen Marihuanaglobusse, sondern auch das Land, wo man unter Umständen radikale Veränderungen ablehnt, weils einem unbehaglich wird dabei. Von wo aus man die deutschen politischen Debatten kopfschüttelnd und etwas jovial betrachtet, provokative Kunst lieber einlädt und die zugespitzten Bücher eher pikiert diskutiert. Ein Land der Besitzstandswahrung also, denn wer viel hat, kann auch viel verlieren. Macht einen, und das finde ich logisch, vorsichtig, was die Veränderung von Gesellschaft angeht.


Die Spannung zwischen Sehnsuchtsort und Fremdheit wird für mich am deutlichsten sichtbar in der Stadt, mit der ich diesen Text auch begonnen habe: Zürich. Zürich ist für mich ein Ort mit bisweilen surrealer Lebensqualität. Ich kann so etwas nicht sehen, ohne zu fragen, auf wessen Rücken diese Uferpromenade, diese Universität, diese wunderbar restaurierten Gebäude errichtet wurden. Während ich das denke, erinnere ich mich daran, dass die Schweiz kräftig vom Zweiten Weltkrieg profitierte und auch selber mittat. Und obwohl ich das weiss, denke ich mir die Schweiz gelegentlich als eine Zukunft, die Deutschland hätte realisieren können. Und nicht realisiert hat.

Zürich sieht an vielen Stellen nicht so aus wie Deutschland. Und sage ich Deutschland, meine ich Berlin. Was in Berlin noch lebt, noch umkämpft ist oder historisch nachgebildet wird, ist in Zürich bereits erledigt oder nie weg gewesen. Das gilt im Guten wie im Schlechten. Noch bis in die Neunziger soll Zürich eine der härtesten Drogenszenen Europas gehabt haben, vor allem um den Hauptbahnhof. Und wenn ich mich richtig erinnere, dann ist Zürich in Jörg Fausers Roman «Rohstoff» tatsächlich ein Mekka der Heroinjunkies. Diese Karawane der Drogensüchtigen muss schon vor einer ganzen Weile weitergezogen sein, denn davon ist nichts mehr zu sehen.

An einigen Ecken ist mir die Stadt dann aber auch wieder überraschend nah, gerade in diesem Bahnhofsviertel um die Langstrasse, das zu denjenigen Bezirken der Innenstadt zählt, die gerade heftig gentrifiziert werden. In dieser einen, möglicherweise letzten Strasse ihrer Art finde ich die gleiche vertraute Mischung aus Dönerbude und Eckkneipe, Spätshop und Discounter, die ich auch von zu Hause kenne. Und dort befindet sich eine Bar, die Rothaus heisst. Ich war dort diesen Mai für eine Podiumsdiskussion zu Gast. Zu trinken gab es Solibier für den feministischen Frauenstreik, an den Wänden hingen Poster vergangener politischer Kämpfe, ein angewetzter Tresen in der Ecke, ein paar durchgesessene Polsterbänke unter den Fenstern, ein Päckchen Drehtabak auf den Lehnen. Die internationale Ästhetik linker Subkulturen.

Als ich nach einem Ausflug in ein angesagtes Restaurant noch mal dorthin zurückkehrte und mir der Barmann das vierte Bier ausgab, hatte ich fast vergessen, dass das hier Zürich war und nicht die Rote Flora in Hamburg. Oder das Café Einhorn im Wiener 6. Bezirk. Oder das Liberación in Berlin Friedrichshain, wo dich Rosa Luxemburg aus einem sepiabraunen Rahmen anschaut, während die Kickertische unter der Dauerbenutzung ächzen und quietschen. Und ein nun gar nicht mehr so kleiner Junge die nicht mehr ganz so speckigen Arme zum Himmel hebt und, den Kosmos anklagend, weithin hallend ruft: «Mama! Wo kommen die Löcher im Käse her –?»

Dieser Artikel wurde ermöglicht durch den Recherchierfonds des Fördervereins ProWOZ. Dieser Fonds unterstützt Recherchen und Reportagen, die die finanziellen Möglichkeiten der WOZ übersteigen. Er speist sich aus Spenden der WOZ-LeserInnen.

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