Nr. 11/2013 vom 14.03.2013

Erfolgreiche Menschen (brauchen keinen Schlaf)

Wer viel schläft, ist faul – so die Vorstellung vieler Erfolgreichen. Dabei sollten sie selbst auch mehr schlafen, um besser denken zu können.

Von Silvia SüessMail an AutorIn

Die Effizienz. Sie ist das selbst erklärte Geheimnis der Erfolgreichen. Um heutzutage im Leben wirklich etwas zu erreichen, muss man scheinbar alles effizient erledigen – das fängt schon bei den kleinsten Dingen an: effizient die Zähne putzen (am besten pinkeln Sie noch gleichzeitig, damit nicht zu viel Zeit für Unnützes verloren geht), effizient die Schuhe anziehen (verzichten Sie auf Schuhbändel, kaufen Sie nur noch Schuhe, in die man direkt reinschlüpfen kann), effizient lesen (lesen Sie keine ganzen Bücher mehr, sondern die auf Häppchen eingeschrumpften Kurzfassungen, die Rolf Dobellis Firma Get Abstract anbietet) oder effizient Sex haben (verzichten Sie auf das Vorspiel, kommen Sie gleich zur Sache).

Und natürlich auch: effizient schlafen. Denn der Schlaf, dieses notwendige Übel, ist der Feind eines jeden erfolgreichen Menschen. In unserer leistungsorientierten Gesellschaft ist er reine Zeitverschwendung, der es so wenig Platz wie nur möglich einzuräumen gilt. Stolz betonen denn auch Menschen, die «es zu etwas gebracht haben», dass sie sehr wenig Schlaf bräuchten. Zu den selbst ernannten Wenigschlafenden gehören unter anderen Fifa-Präsident Sepp Blatter, die einstige «Madame Expo» Nelly Wenger, Mario Venzago, Chefdirigent des Berner Sinfonieorchesters, der abgewählte Bundesrat und Multimillionär Christoph Blocher oder SP-Frau Jacqueline Badran. Diese führt mit unglaublichen drei bis vier Stunden Schlaf pro Nacht die Liste der Effizientschlafenden an. «Schlaflosigkeit gehört zum Leben dessen, der nicht im Schlaf des Selbstgerechten und Selbstzufriedenen sein Leben verpasst», weiss auch der ehemalige Privatbankier und NZZ-Verwaltungsratspräsident Konrad Hummler in einem Artikel in der NZZ. Selbstgerecht und selbstzufrieden ist also der Schlafende, oder, um es etwas direkter zu sagen: Wer viel schläft, ist faul. Wer viel schläft, verschwendet seine wertvolle Lebenszeit. Wer viel schläft, kann es unmöglich zu etwas Grossem bringen.

Was für dumme und falsche Schlüsse hier gezogen werden. Doch genau das ist das Problem der Wenigschlafenden, sie haben zu wenig Zeit, um zu lernen und so auch klar zu denken, denn: Regeneration und Lernen sind die zentralen Funktionen des Schlafs. Er ist notwendig für unser Wachstum, unser Immunsystem und den Stoffwechsel und hilft, neu Gelerntes mit bestehendem Wissen zu verknüpfen. Damit das Gedächtnis funktioniert, ist genügend langer Schlaf wichtig. Denn im Schlaf kann sich das Gehirn reformieren und in diesem Prozess auch Gedächtnis bilden.

Der Schlaf ist also nicht einfach das Gegenstück des Lebens, er ist weder verlorene Zeit und noch einfach ein schwarzes Loch. Im Schlaf passieren die wundersamsten Dinge, man geht auf die schönsten Reisen, erlebt die seltsamsten Geschichten – und die besten Ideen kommen tatsäch-
lich im Schlaf.

Bis ins 18. Jahrhundert war es in Europa verbreitet, zweimal am Tag zu schlafen. Erst mit der Industrialisierung entstand die Vorstellung, dass, wer dergleichen tue, faul und unproduktiv sei. Eine grosse Veränderung des Schlafverhaltens brachte die Erfindung der Glühbirne um 1879: Nun wurde es den Menschen möglich, auch nachts, nachdem die Sonne schon längst untergegangen war, zu arbeiten. Dies hatte zur Folge, dass die Menschen weniger zu schlafen begannen.

Bis heute hat sich das zugespitzt. Die aktuelle Situation bereitet den SchlafforscherInnen Sorgen: «Die Menschen arbeiten immer länger, um Erfolg zu haben, und verschreiben sich der Arbeit zu jeder Tages- und Nachtzeit», sagt der Gesundheitswissenschaftler Timothy Olds.

Wenig Schlaf allein garantiert jedoch keineswegs Erfolg. Die Mütter und Väter von nächtelang schreienden Babys oder SchichtarbeiterInnen, die Nächte durchschuften, erhalten für ihr effizientes Arbeiten und ihren Schlafentzug weder viel Anerkennung noch einen grossen Lohn. Dass hier Handlungsbedarf besteht, ist offensichtlich. Doch damit sich etwas ändert, müssten jene, die an der Macht sitzen, wohl etwas mehr schlafen.

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