Nr. 14/2013 vom 04.04.2013

Krachend vorwärts ins Jahr 1980

Die Londoner Art-Punk-Visionäre Wire haben ihr Soundarchiv geplündert: «Change Becomes Us» ist quasi ihr nachgeborenes viertes Album. Gelingt dieser retrofuturistische Kniff mit seinen vielfältigen Anknüpfungspunkten?

Von Marcel Elsener

Als die Punks in London «No future!» schrien, waren Wire früh vorn mit dabei mit ihrem Erstling «Pink Flag». In «bestem Ramones-Stil-Minimalismus» gehalten, gehöre die Band mit ihren bissigen Texten über Entfremdung und Untergang zu den «wichtigsten Mitstreitern der neuen Bewegung», schrieb Thomas Früh im Zürcher Fanzine «No Fun» im Februar 1978: «Wire sind keine Punks, sie sind die Drahtzieher, die Punk-
Philosophen.»

Tatsächlich hatten die Londoner Kunststudenten mit den massgebenden Punkcliquen und -klischees wenig am Hut, ausser dass sie die Haare kurz und die Hosen eng trugen und grimmig die Rockgeschichte zerhackten. «No Punk(s) please, we’re Wire», verkündete das Quartett und schuf bereits 1978 die Blaupause des Postpunk: «Chairs Missing» ist mit seinen bedrohlich treibenden, von geisterhaften Störsignalen angefeuerten Songs, die von Saboteuren, Selbstmördern und Schiffbrüchigen im Eismeer erzählen, ein bis heute atemberaubendes Album, das in der Popgeschichte seinesgleichen sucht. Ein Jahr später folgte das barocke, verstörend elegante «154», das die Grenzen weiter auslotete.

Kein Wunder, beriefen sich in der Folge Legionen anderer Innovatoren wie Cabaret Voltaire, Joy Division oder The Cure auf die kühlen Soundkünstler, die ihrer Zeit stets einen Tick voraus waren. «Wer braucht uns, wenn es Wire gibt?», fragte Cure-Sänger Robert Smith. Auch «Eisbär» der Schweizer Band Grauzone und Alben deutscher Bands wie Fehlfarben sind unvorstellbar ohne die frostigen, mysteriösen Wire-Meisterwerke. Und die Liste jener, die ihre Punkkracher und zeitlosen Ohrwürmer coverten, liest sich wie eine Versammlung von Genre-Referenzgrössen; unter ihnen R.E.M., My Bloody Valentine und Lush. Zuschreibungen wie «einflussreich» und «stilprägend» sind im Fall einer Band, deren Name schnell zum Adjektiv wurde – wiresk analog zu beatlesk – schlicht eine Untertreibung.

«Kreatives Recycling»

Nach dem triumphalen Triptychon aber war Schluss: Wire haderten mit ihrer Plattenfirma EMI und der BBC, die Band zerbrach am Musikbetrieb und an den eigenen Erwartungen. Was damals noch dringelegen hätte, belegt das skizzenhafte Livevermächtnis «Document and Eyewitness» (1981). Genau dort setzen jetzt Gitarrist und Sänger Colin Newman, Bassist und Texter Graham Lewis und Schlagzeuger Robert Grey sowie der für den emeritierten Bruce Gilbert eingesprungene Zweitgitarrist Matthew Simms wieder an: Sie haben, mit dem zungenschnalzenden Wissen und der Gnade des Alters, das halb fertige Songmaterial ihrer Hochblüte von 1979/80 sortiert und neu eingespielt. «Kreatives Recycling», nennen sie das, «tote Artefakte zu neuem Leben erwecken».

Es ist ein spannendes Unterfangen – und eine pikante Konstellation. Wie hört es sich an, wenn die Vordenker von damals zu Retrofuturisten in eigener Sache werden? Die dreizehn Songs von «Change Becomes Us» spielen im fantastisch abgesteckten Wire-Universum, und sie sind in allen Variationen – von der Punkminiatur bis zum flächigen Prog-Rock-Monster – sehr wiresk.

Interessanterweise passiert die Erweiterung um neue Einflüsse da, wo man sie nicht erwartet: in den Prä-Punk-siebziger-Jahren, auf einem Bombastrock-Territorium von Bands wie The Who oder Genesis, die Wire einst dekonstruierten. Aus den hysterischen Geisterjägern und sarkastischen Untergangspropheten sind gleichsam freundliche Kartografen geworden, mild gestimmte Zeitreisende auch in Sachen eigener Jugendvorlieben wie Can, Kraftwerk oder Tangerine Dream: «Wir mochten die deutsche Musik der frühen Siebziger, damit sind wir aufgewachsen», erzählte Lewis unlängst in Berlin.

«Könige der Verschleierung»

Von wegen zurück an den Start: «Change Becomes Us» ist Wires viertes Album – oder aber das zwölfte, wenn man die Reinkarnationen der Band in den achtziger und neunziger Jahren und den Neustart ab 2000 mit den rasenden Hardcore- oder abgeklärt-erhabenen Indiealben einrechnet. Und es schliesst ebenso an «154» an, etwa mit dem 1:54 Minuten langen «The Stealth of a Stork», wie es auch die mannigfaltigen Solopfade der Mitglieder zitiert.

«Könige der Verschleierung» wurden Wire genannt, und bis heute geben sie sich unnahbar. Im Zürcher Abart-Club, wo sie 2011 ein umwerfendes Konzert spielten, zwinkerten sie noch nicht mal mit den Augen, als ein gut durchmischtes Publikum inklusive Stadtindianer (mit Feder im Haar) vor der Bühne ausflippte. Umso befremdlicher wirkt, was der «New Yorker» vor Jahresfrist kolportierte: Ein Teenagermädchen aus dem ländlichen Kanada soll Colin Newman mit Aberdutzenden von selbst gedrehten Wire-Videos auf YouTube genervt und gar gestalkt haben, bis er ihr mit einem schroffen «Fuck off» untersagte, seine virtuellen Wände vollzukleistern.

Soeben kuratierten Wire zur Feier ihres neuen Albums ein mehrtägiges Festival in London, wo zukunftsträchtige Künstler wie Comanechi, Mambas oder Gazelle Twin auftraten. Und mit James Brooks einer, der wie einst Colin Newman als visueller Künstler zur elektrischen Gitarre greift, um die Geschichte und Geografie römischer Strassen zu vertonen: «Land Observations». Sehr schön klingt das, so scharf vermessen wie ein Wire-Titel.

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