Nr. 11/2014 vom 13.03.2014

Da ist die E-Gitarre kein Fetisch mehr

Gitarre spielen ist einfach. Doch die neuen Alben von Real Estate, The War on Drugs und St. Vincent markieren Distanz zu den traditionellen GitarrenheldInnen.

Von Benedikt Sartorius

Verschlungene, doch punktgenaue Gitarrensplitter: Annie Clark alias St. Vincent 2012 in Seattle. Foto: Paul Hanway

Zwei Gitarren teilen sich den Bildschirm, eine oben, eine unten: Man sieht in der unteren Hälfte, wie der Rhythmusgitarrist die Akkorde anschlägt, und oben, wie der Leadgitarrist die sonnig-melancholische Akkordfolge mit einigen einfachen Noten verziert. Keine Hexerei ist dieses Spiel, und der Einfachheit halber ist über die beiden Gitarrengriffbretter ein Tabulaturensystem gelegt, damit das Lied auch ganz ohne Notenkenntnisse nachgespielt werden kann. Dieser als Gitarrenlernvideo inszenierte Videoclip sagt: Jede und jeder kann dieses Lied spielen. Und generell: Jede und jeder kann Gitarre spielen. Das Lied heisst «Crime» und stammt von der Band Real Estate.

Die Band aus Ridgewood, New Jersey, spielt Gitarrenpopmusik. Aufgeräumte und einfache Gitarrenmusik, bei der jeder Ton sitzt und keiner zu viel gespielt wird. Musik, die die Zeit dehnen und einfrieren, zumindest verlangsamen kann: Die endlose Sommersonne steckt in diesen schimmernden und verschlafenen Gitarrenmelodien, während der Blick zurück in die nahe Vergangenheit führt und nostalgische Gefühle hervorrufen kann. In den Songs von Real Estate ist nichts cool, nichts grossstädtisch überhitzt. Eher schielen sie, wie der 28-jährige Sänger und Gitarrist Martin Courtney in einem Interview einräumt, nach der Häuslichkeit der Vorstadt – mitsamt Hund und Gartenzaun.

Einfach, doch nicht anbiedernd

Das ist auch bei ihrem dritten Album «Atlas» nicht anders, das nach dem verrauschten Lo-Fi-Debüt und dem Karrieresprung mit «Days» (2012) den klassischen, zeitlosen Charakter dieser Band unterstreicht. Courtney und seine beiden ständigen Gefährten, Gitarrist Matt Mondanile und Bassist Alex Bleeker, spielen schlicht die Musik, die sie in ihrer Jugend gerne gehört haben und die auch inspiriert ist durch die New-Jersey-Bands The Feelies und Yo La Tengo, denen in den Albumcredits gedankt wird.

Zehn Songs sind auf «Atlas» zu finden, die im Studio der Chicagoer Wilco aufgenommen wurden. Es sind Lieder, die bei aller Einfachheit keine hausbacken «rockende» Pose einnehmen und die Gitarre nicht als Fetisch zelebrieren. Es sind einfach Lieder, die nett sind, immer wieder angehört werden wollen – und sich doch nirgendwo anbiedern, was in Zeiten von hypernervösen Genreneudefinitionen eine Wohltat bedeutet. Das Spektakel, das machen andere, wie etwa ihre Labelkollegen Animal Collective, und das wissen Real Estate auch. Verwegeneres wird ausgelagert, etwa in Mondaniles Soloprojekt «Ducktails», das im vergangenen Jahr mit Synthie-Archivmusikern wie Daniel Lopatin, besser bekannt als Oneohtrix Point Never, zusammenarbeitete.

Das Bewusstsein für eigentlich vergangene Sounds und Spieltechniken, die mit der Distanz der Nachgeborenen in die Gegenwart überführt werden, eint Real Estate mit Bands wie The War on Drugs. Der Song wird hier zum schlaufenden Track verwandelt und suspendiert so allfällige Rockismen.

Stadionrock mit Abzweigungen

Während die Gitarrenmelodien bei Real Estate klar perlen, verschmieren The War on Drugs die Töne hin zu ambientartigen Soundwaben. Die Band aus Philadelphia um den Sänger und Gitarristen Adam Granduciel jagt mit diesen Verfremdungen und Verzerrungen den Classic Rock, dem diese Songs bei allen Ausweitungen durch und durch verpflichtet sind, durch einen Filter, der Distanz markiert: Distanz zum Schweiss des «Working Man Hero» Bruce Springsteen, an dessen Stimme Granduciel immer wieder erinnert, Distanz zum «echten», zum «währschaften» Rock.

The War on Drugs führen auf ihrem dritten Album, «Lost in the Dream», dieses distanzierte Spiel mit der Tradition weiter und zeigen das Verlorene, das Traumhafte, das ihrer Musik anhaftet, bereits im Titel an. Gleich zu Beginn des Albums stottert eine sich überlagernde Hi-Hat im Loop, ausgedehnte Gitarrenklänge setzen ein, ehe der Standardbeat den Song in konventionelle Bahnen drängt. Bahnen, die immer wieder ins Leere führen, wo die Traumerzählungen Granduciels abbrechen, die Keyboards sirren, die Saxofone säuseln und Gitarrenfiguren widerhallen. «Lost in the Dream» gleicht einem Truckdriver auf Irrfahrt, der auf den Highways des Stadionrocks immer mal wieder Abzweigungen nimmt. Von der Methode her erinnert dies auch an die kreisende, auslaufende Platte «Wakin on a Pretty Daze» des ehemaligen Bandmitglieds Kurt Vile.

Hier, in diesen nur leichten Verschiebungen hin zur Trance, zum Psychedelischen und dem Übereinanderschichten der Spuren der klassischen Rockgeschichte, liegt der Reiz dieser Band, die in der Single «Red Eyes» und dem Song «Burning» ihre schönsten Momente findet. Die Rockmusik der VorfahrInnen: Man hört sie, doch die MeistererzählerInnen und GitarrenheldInnen sind nur noch schemenhaft zu erkennen.

Art-Pop-Gitarrensplitter

Virtuose GitarrenheldInnen: Diese hat Annie Clark in ihrer Jugend gründlich studiert. Sie sind im hochtechnischen Saitenspiel von Clark, die unter ihrem Alias St. Vincent veröffentlicht, durchzuhören: Metalbands, die kanadische Band Rush oder Leute wie Robert Fripp, der Erfinder der wandelbaren Prog-Rock-Institution King Crimson.

Auf dem Cover zu ihrem vierten, selbstbetitelten Soloalbum inszeniert sich St. Vincent als unnahbare Führerin eines seltsamen Kults, der in der nahen Zukunft angesiedelt scheint. Aus dieser Zukunft funkt auch der Kunstpop der 31-jährigen Texanerin, die einst als Gitarristin die Kommunenband The Polyphonic Spree und Sufjan Stevens begleitet hat und zuletzt mit dem Talking Head David Byrne zusammenspannte. Clark baut auf «St. Vincent» ihre verschlungenen, doch punktgenauen Gitarrensplitter in übersteuerte Sequenzersounds ein, die ihre Stimme immer wieder konterkarieren. Selbst in balladesken Anflügen platziert sie schwere Riffs. Die Gitarre bei St. Vincent: ein Spurenelement, das die digitalen Soundwelten weiter zerklüftet – und in einem Gitarrenlernvideo mitsamt Tabulaturensystem nur sehr schwer notierbar ist.

Konzerte: Kurt Vile, 31. März 2014, Bad Bonn, Düdingen. St. Vincent, 31. Mai, Kaufleuten, Zürich.

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