Nr. 19/2013 vom 09.05.2013

Intimität in Zeiten der Revolution

Shereen El Feki beschreibt den sexuellen Wandel in der arabischen Welt. Er sieht um einiges anders aus, als man ihn sich im Westen vorstellt.

Von Sarah Schaschek

Wie schnell haben wir in Europa vergessen, dass freie Liebe nicht immer selbstverständlich war. Es ist kaum fünfzig Jahre her, da galt Sex vor der Ehe als Sünde, Masturbation als Teufelszeug und Homosexualität als Stigma. Treffen zwischen jungen Frauen und ihren Verehrern wurden streng überwacht, zum Tanzen kam eine Aufsicht mit. Heute sehen das die meisten liberaler, doch sexuelle Rechte werden noch immer niemandem geschenkt, wie gerade in Paris zu beobachten war, wo unlängst ein Strassenkampf um die gleichgeschlechtliche Ehe tobte.

Die britisch-ägyptische Journalistin Shereen El Feki hat ein Buch geschrieben, das den Schauplatz sexueller Revolutionen in den arabischen Raum verlegt. Allerorts sind die Gesellschaften dort im Umbruch. Vordergründig geht es um Demokratie und Arbeitsplätze, aber mindestens so kräftig schwelt die Unzufriedenheit in den Schlafzimmern. Was die Tabus betrifft: Da stehen die derzeitigen arabischen Diskussionen um Moral und Selbstbestimmung der sexuellen Revolution in Westeuropa in den sechziger Jahren in nichts nach. Abtreibung, Verhütung, das Lob der Keuschheit: El Feki erinnert daran, dass der vermeintlich liberale Westen die Themen erst kürzlich erledigt hat. Sie tut das aus Prinzip, denn ihr Buch stellt den Blick von West nach Ost erheblich auf die Probe.

Das Schweigen brechen

El Feki hat für ihr Buch «Sex und die Zitadelle» fünf Jahre lang in arabischen Ländern recherchiert. Sie hat mit Hausfrauen in Kairo gesprochen, mit Wissenschaftlern in Tunis, mit islamischen Führern, mit Schwulen, Ärzten und Therapeutinnen von Marokko bis zum Libanon – all das, um ihre These zu belegen, dass eine politische Revolution ohne Veränderungen im Privaten nicht zu machen ist. Die Frage, wie Männer mit Frauen umgehen oder wie uneheliche Kinder, SexarbeiterInnen und Lesben behandelt werden, darf nicht auf später verschoben werden.

Das Buch ist ihr Versuch, das Schweigen zu brechen, in das sich die arabische Welt beim Thema «Sexualität» hüllt. «Jeder spricht über Fussball, aber kaum einer spielt Fussball», hat ein Gynäkologe einmal zu El Feki gesagt. «Beim Sex ist es andersherum: Sex hat jeder, aber niemand will darüber sprechen.» Doch die Zitadelle, die Festung, aus der nichts nach aussen dringt, hat längst angefangen zu bröckeln. Mit El Feki redeten die Menschen viel und gern. Was sie erzählen, entspricht allerdings selten der westlichen Vorstellung vom freien Körperkult. Die Ehe halten neunzig Prozent der ÄgypterInnen weiterhin für sakrosankt, der Familie überlassen sie das letzte Wort. Nur in diesem arabischen Kontext sei eine sexuelle Neubewertung zu verstehen, meint El Feki. Wer sich überlegen wähnt, kommt hier nicht weiter.

El Feki selbst hat einen doppelten Blickwinkel. Sie ist die Tochter einer Britin und eines Ägypters, wuchs in Kanada auf, promovierte in Medizin und war stellvertretende Vorsitzende der von der Uno eingesetzten Global Commission on HIV and the Law. Als Journalistin arbeitete sie für al-Dschasira und den «Economist». Sie spricht Arabisch, bezeichnet sich als liberale Muslima und hat Verwandte in Kairo.

So bekam sie trotz westlicher Sozialisierung Zugang zu Details vor allem über das weibliche Sexleben. Private Quellen waren für das Buch unerlässlich, denn über Intimität gibt es in arabischen Ländern so gut wie keine Forschung. In Ägypten stellte El Feki eklatante Unterschiede fest zwischen dem, was in Umfragen veröffentlicht wird (etwa über konservative Jugendliche), und den Wünschen, die in Blogs zu finden sind (etwa zu freier Partnerwahl oder Selbstbefriedigung). Neben Details aus Weltgesundheitsberichten liefert El Feki daher Porträts ihrer Gesprächspartnerinnen, gespickt mit Bonmots ihrer ägyptischen Grossmutter. Abgesehen von ihrem persönlichen Bericht liegt El Feki daran, Menschen viel Raum für eigene Ansichten zu geben.

Langwieriger Emanzipationsprozess

Genau diese Erzählweise ist mitunter schwer erträglich. Denn die Veränderungen in der Sexualmoral, die El Feki ankündigt, sind selten sofort ersichtlich. Weil El Feki an Moderation spart, scheinen ihre ProtagonistInnen häufig naiv – etwa wenn Frauen sich ständig Sorgen machen, ob etwas «ayb» (schändlich), «illit adab» (ungehörig) oder «haram» (verboten) ist. Dieser islamische Moralkodex, der sich vor allem an Frauen richtet, ist säkularen LeserInnen nicht vertraut. Auch wenn es sich lohnt, Frauen selbst zu Wort kommen zu lassen, wirken die Aussagen manchmal schmerzhaft unreflektiert. Im persönlichen Klein-Klein geht der strukturelle Frauenhass leicht unter.

Andererseits untermauert El Feki damit ihre These: dass es ein langwieriger Emanzipationsprozess ist, der in der arabischen Welt gerade erst beginnt. Seine Zeichen mögen aus westlicher Sicht schwer lesbar sein, weil hier niemand öffentlich BHs verbrennt. Doch auch stille Auflehnung zählt, so wie die einer Frau, die seit Jahren jeden Heiratskandidaten ablehnt, den ihre Eltern ausgewählt haben. Heimlich ist sie bereits liiert, in jener inoffiziellen Form der Ehe, die in Ägypten «urfi» heisst. Ihre Eltern haben den Partner mehrfach abgelehnt, weil er nicht wohlhabend ist. Sie hat anders entschieden.

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