Arabische Filmemacherinnen : Provokation aus Paris

Nr.  18 –

Sexualität als Transportmittel und Symbol: Selbstbefreiung ist das wiederkehrende Thema arabischer Regisseurinnen. Nicht von ungefähr leben sie in Frankreich.

Beirut: Auf einem Balkon steht ein junger Mann, nur mit einem Slip bekleidet. Aus seiner Wohnung dröhnt der Disco-Hit «Daddy Cool» von Boney M. Der Mann lehnt sich über das Balkongeländer und beobachtet zwei Mädchen auf der anderen Strassenseite. Und die beobachten ihn. «Was macht er jetzt?», fragt die eine. «Er spielt mit sich selbst», kichert die andere.

Mit frechen Szenen wie dieser schaffte es das Spielfilmdebüt «Dans les Champs de Bataille» der jungen Libanesin Danielle Arbid im vergangenen Jahr ans Filmfestival in Cannes. Arbids Landsfrau Jocelyne Saab hatte dieses Jahr nicht so viel Glück. Eben erst erfuhr die 57-Jährige, dass ihr neuer Film trotz Nominierung nicht in den Wettbewerb genommen wird. Für Saab, eine der erfahrensten arabischen Filmemacherinnen, bedeutet diese Ablehnung für Cannes nicht nur eine künstlerische Enttäuschung: Auch ihre Hoffnungen, schnell einen Verleih zu finden, sind geplatzt. Ihre immensen Bankschulden bleiben nun vorerst ungetilgt.

Entrüstung in Kairo

Sexualität, der weibliche Körper und das sexuelle Selbstbestimmungsrecht von Frauen sind Schlüsselthemen in den Filmen von arabischen Regisseurinnen. Die Sexualität ist dabei nicht Selbstzweck, sondern Transportmittel und Symbol für die Selbstbefreiung der Frauen aus dem engen Korsett der Traditionen. Mit der implizierten Gesellschaftskritik halten die Regisseurinnen dem arabischen Publikum einen Spiegel vor, in den viele nicht blicken wollen. Besonders religiöse Fundamentalisten ärgern sich über die selbstbewussten Regisseurinnen und ihre Filme. Jocelyne Saabs neuer Film wäre daran fast gescheitert.

«Für das Drehbuch hatte ich hier in Paris vor zwei Jahren einen Preis bekommen – danach aber keine Gelder für die Produktion. Sie befürchteten, ich würde es nicht schaffen, die Story zu verfilmen.» Tatsächlich machte der Film noch vor Beginn der Dreharbeiten Schlagzeilen in der arabischen und islamischen Presse. Für diese frühe Aufmerksamkeit sorgte sein Sujet: «Dunia», Saabs dritter Spielfilm, erzählt die Geschichte einer jungen Ägypterin, die Bauchtänzerin werden will – in der konservativen arabischen Gesellschaft nach wie vor ein verruchter Beruf. Während Dunia als Bauchtänzerin ihre Sinnlichkeit und Sexualität entdeckt, erfährt das Publikum, dass die junge Frau beschnitten ist. «In Ägypten sind – trotz offiziellen Verbots – 97 Prozent der Frauen beschnitten. Dennoch ist das Thema tabu», erzählt Jocelyne Saab.

Mit dem Vorwurf, ihr Filmprojekt sei antiislamisch und pornografisch, setzte in Kairo ein Sturm der Entrüstung ein. Die Zensurbehörde verweigerte ihr die Drehgenehmigung. Erst Appelle von KünstlerInnen aus aller Welt, darunter dem deutschen Regisseur Volker Schlöndorff, und eine daraus resultierende Audienz beim ägyptischen Präsidenten Hosni Mubarak brachten nach Monaten den Stimmungsumschwung. In Ägypten ist Jocelyne Saab seither so bekannt wie die beiden Stars, Hanan Turk und der nubische Sänger Mohamed Mounir, die schliesslich die Hauptrollen übernahmen. «Sie waren sehr mutig», betont die Regisseurin. Alle anderen SchauspielerInnen weigerten sich, mit ihr zu arbeiten. «Sie hatten Angst um ihren Ruf - und vor den Islamisten. Aus Angst zensieren sich viele arabische Intellektuelle und KünstlerInnen selbst. Es ist aber wichtig, dass wir den Mund auftun.»

Jocelyne Saab – klein, zierlich, mit Kurzhaarfrisur, in Pullover und Jeans – hat immer Mut bewiesen. Die Tochter einer grossbürgerlichen, christlichen Familie in Beirut kam Ende der sechziger Jahre nach Paris. Sie studierte Wirtschaftswissenschaften und wurde Fernsehjournalistin. «Anfangs war das mehr ein Abenteuer für mich als ein Beruf. Ich war zwanzig und wollte die Welt sehen – vielleicht wegen meines Vaters, der in Indien gearbeitet und mir von Mahatma Gandhi erzählt hatte.» Als Kriegsreporterin drehte Jocelyne Saab mitten im libanesischen Bürgerkrieg und in der Westsahara, interviewte Muammar al-Gaddafi und Jassir Arafat. Ihre mehr als dreissig Dokumentarfilme wurden von Fernsehsendern rund um die Welt ausgestrahlt. Da sie seit einigen Jahren ihre Filme auch koproduziert, hat sie sich in ihrer Wohnung am Boulevard Saint-Germain ein kleines Schneidestudio eingerichtet.

Flucht nach Paris

Paris ist für Jocelyne Saab zur zweiten Heimat geworden. Längst hat sie einen französischen Pass und fühlt sich ebenso als Französin wie als Libanesin. «Aufgrund meiner französischen Schulbildung lag es für mich einfach nahe, nach Paris zu gehen.» Wie für die frankophone Jocelyne Saab ist die Stadt Anziehungspunkt für FilmemacherInnen aus der ganzen arabischen Welt, vor allem aus den ehemaligen französischen Kolonien des Maghreb. Häufig sind sie vor Zensur oder politischer Verfolgung geflohen – oder vor erdrückender sozialer Kontrolle. Andere kamen und kommen, um Film zu studieren, da es in der arabischen Region allein in Kairo eine Filmhochschule gibt. Und sie bleiben, weil Paris über eine Filmindustrie mit Infrastruktur und Filmförderung verfügt.

Künstlerisch setzen die AutorenfilmerInnen im Exil sich jedoch vor allem mit den Verhältnissen in ihrem Heimatland auseinander, mit ihren kulturellen Wurzeln und der Suche nach der eigenen Identität. Oft haben die ProtagonistInnen ihrer Filme deshalb autobiografische Züge.

Die 35-jährige Danielle Arbid arbeitete als Journalistin für eine Pariser Tageszeitung, bevor sie zum Film wechselte. Sie wollte nicht länger über andere Menschen, sondern ihre eigenen Geschichten erzählen. Überdies glaubt sie nicht an journalistische Objektivität. Für ihren ersten Dokumentarfilm «Alone with War» wählte sie daher eine sehr persönliche Herangehensweise: Sie befragt ZivilistInnen und ehemalige Milizionäre in Beirut nach deren Verhältnis zum zurückliegenden Bürgerkrieg, diskutiert, ja streitet fast mit ihnen.

Schlachtfeld Familie

In ihrem Spielfilm verarbeitet sie hingegen Erlebnisse aus ihrer Kindheit. «Meine Familie ist zum Glück sehr liberal. Als sie den fertigen Film sahen, haben sie nur gelacht darüber, wie ich manche autobiografischen Details umgesetzt habe.» Arbid war achtzehn und der Bürgerkrieg noch in vollem Gang, als sie Beirut verliess. «Ich verstand diesen Krieg nicht. Ausserdem stand die Ehe meiner Eltern auf der Kippe. Ich wollte mir das ersparen und mein eigenes Leben leben.»

Ihr Film «Dans les Champs de Bataille» handelt trotz seines Titels nicht vom Krieg. Die Schlachtfelder liegen hier vielmehr im familiären Umfeld seiner Protagonistin, der zwölfjährigen Lina – des Alter Ego Arbids. Die Spielsucht von Linas Vaters ist eine ständige Zerreissprobe für die Familie. Ihre einzige Freundin ist das Dienstmädchen ihrer Tante, die sechs Jahre ältere Siham, die schon Affären mit Männern hat. Diese illustriert die Regisseurin in relativ freizügigen Sexszenen. «Ich kenne in Beirut niemanden, der sich noch an das Gebot der Jungfräulichkeit vor der Ehe hält.»

Dass Selbstbefreiung für Frauen auch lustvoll sein kann, zeigt die junge Tunesierin Raja Amari in ihrem Spielfilmdebüt «Satin rouge»: Lilia, allein erziehende Mutter um die vierzig, gerät eines Abends in einen Nachtclub – und verfällt seiner Atmosphäre. Fortan tritt sie dort heimlich als Bauchtänzerin auf. Sie beginnt zudem eine Affäre mit einem der Musiker. Als sie entdeckt, dass der junge Mann der Freund ihrer Tochter ist, willigt sie dennoch in die Heirat der beiden ein. Die Regisseurin lässt offen, ob Lilia dies womöglich nur tut, um nach der Hochzeit die «ménage à trois» fortzusetzen. Europäische ZuschauerInnen waren begeistert, tunesische schockiert.

Tunesien gilt zwar neben dem Libanon in Bezug auf die Rechte von Frauen als das liberalste Land der arabischen Welt. «Das Publikum hätte dennoch gern gesehen, wenn ich Lilia für ihr «unmoralisches» Verhalten bestraft hätte», amüsiert sich Raja Amari. «In ihren Augen habe ich das im Orient idealisierte Bild der Mutter sabotiert: Statt sich für ihre Kinder aufzuopfern, nimmt Lilia sich das Recht auf ein eigenes Leben – und hat noch Spass dabei!»

Schweigen und ersticken

Ihre Kollegin Nadia El Fani, ebenfalls Tunesierin, kennt das Problem: «Man darf alles tun und leben, nur eines darf man nicht: darüber reden oder es offen zeigen.» Nadia El Fani ist deshalb nach zehn Jahren wieder nach Paris gezogen. «Niemand in Tunesien traut sich mehr, offen seine Meinung zu sagen. Ich dachte, ich müsste ersticken.» Nach dem neuesten «Arab Human Development Report» der Vereinten Nationen zählt das Tourismusparadies in Bezug auf Pressefreiheit zu den repressivsten Ländern. Im Bereich des Films ist die Zensur subtiler. El Fani: «Nacktszenen und Kritik an sozialen Missständen sind erlaubt, aber keine Filme über Islamisten – deren Existenz wird offiziell geleugnet.»

Ihre Kritik an der mangelnden Rede- und Meinungsfreiheit hat El Fani in ihrem jüngsten Film originell verpackt: Die Protagonistin Kalt, ein ausgefuchster tunesischer Computer-Crack, hackt sich in das staatliche Fernsehprogramm ein. So gelingt es ihr, über die Bildschirme anarchistische Botschaften über Freiheit und Toleranz zu verbreiten. Als «Bedwin Hacker» in Tunis gezeigt wurde, sassen im Saal auch Islamisten. «Ihnen gefiel die subversive Botschaft des Films, schliesslich bedient sich auch Usama Bin Laden der neuen Informationstechnologien», berichtet El Fani.

Dass die Computer-Hackerin Kalt auch Alkohol trinkt und in einer Szene ihren Busen entblösst, goutierten die Fundamentalisten weniger. Auf die Spitze trieb es El Fani in ihren Augen jedoch, indem sie die bisexuelle Kalt im Bett mit einer anderen Frau zeigt. Mehr als ein Kuss in den Nacken ist zwar nicht zu sehen. Doch El Fani, selbst bekennende Lesbe, weiss: «Homosexualität ist noch immer ein Tabu.»

Als Tochter einer Französin und eines Tunesiers in Paris geboren, wuchs Nadia El Fani in beiden Kulturen auf. Dennoch fühlt sie sich mehr als Tunesierin. In ihrer Wohnung: überall Kissen, Lampen und Nippes aus Tunesien. «Ich wünsche mir dort eine moderne Gesellschaft mit dem Recht aufs Anderssein.» Ihre Botschaft ans europäische Publikum: «Auch in der arabischen Welt gibt es freie Geister. Das Fernsehen zeigt sie nur nicht.»

Danielle Arbid hat zudem den Eindruck, arabische Frauen würden noch immer bevorzugt als Opfer gesehen. «Ich werde häufig gefragt, ob ich als Frau Probleme hätte, Filme zu machen. Im Gegenteil: Überall in Europa sind Menschen daran interessiert, was wir zu sagen haben.» Sogar Jocelyne Saab empfand es zu Beginn ihrer Karriere vor dreissig Jahren als grossen Vorteil, eine Frau zu sein: «Ich war eine Ausnahmeerscheinung. Alle waren neugierig, wer und wie ich wohl sei – und liessen sich von mir interviewen.»

«Das grösste Problem für uns junge Filmemacherinnen heute ist, sich nicht in eine Schublade stecken zu lassen», meint auch Raja Amari: «Ich definiere mich einfach nicht über die Begriffe «arabisch» und «muslimisch».» Als Thema für ihren neuen Dokumentarfilm hat sie deshalb Isabelle Eberhardt ausgewählt, eine Frau, die sich tatsächlich jeder Kategorisierung entzog: In der Schweiz geboren, mit russischen Vorfahren, reiste die junge Frau vor mehr als hundert Jahren in Männerkleidern durch die algerische Sahara. «Und heute sähen es viele gern, wenn wir Frauen uns von Kopf bis Fuss verschleierten!»

Religion spielt keine Rolle

Für die Filmemacherinnen undenkbar. Sie tragen nicht einmal ein Kopftuch. Religion spielt weder in ihren Filmen noch in ihrem Privatleben eine grosse Rolle. «Die jungen FilmemacherInnen in Beirut machen sich nichts aus Religion», meint Danielle Arbid lapidar. Nadia El Fani bezeichnet sich ganz offen als Atheistin. Ein mutiger Schritt, denn nach dem Koran können Apostaten mit einer Fatwa und damit dem Tod bestraft werden. Doch wie Jocelyne Saab ist Nadia El Fani überzeugt, dass sie als Künstlerin ein Zeichen gegen Intoleranz und den wachsenden religiösen Fundamentalismus setzen muss.

«Ich bin keine Journalistin, sondern Filmemacherin», ist dagegen die Ansicht Danielle Arbids. Sie möchte vor allem künstlerisch Zeichen setzen. In Beirut hat sie zusammen mit KollegInnen ein Filmfestival ins Leben gerufen, das Filme, experimentelle Videos und Filmessays aus dem Libanon zeigt. Für France Culture, das renommierte Kulturradio, macht sie einen «Hörfilm»: Darin sprechen ihre Freundinnen und Freunde in Beirut über ihre sexuellen Erfahrungen. Wer ein orientalisches Kamasutra erwartet, dürfte enttäuscht sein. Arbid: «Die Medien wollen aus uns Arabern immer etwas Besonderes machen. Zwar haben einige auch Sex im Flugzeug. Aber sonst ist doch alles ziemlich normal.»

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