Nr. 22/2013 vom 30.05.2013

Saftige Genüsse

Karin Hoffsten über politisch korrekte Einkaufserlebnisse.

Von Karin HoffstenMail an AutorIn

Nicht jedem Triebimpuls gleich nachgeben zu müssen, gilt als Kriterium für menschliche Reife. Doch dass bestimmte Sehnsüchte nur saisonal befriedigt werden können, kann auch gereifte Persönlichkeiten ins Wanken bringen. In meinem Fall geht es um weissen Spargel und grüne Äpfel.

Spargel oder Spargeln, wie man in der Schweiz sagt, kennen eine Saison. Die beginnt meistens nach sonnigen Tagen im April und endet immer am 24. Juni, dem Johannistag, damit die Pflanze fürs nächste Jahr Kraft schöpfen kann. Da Sonnentage in diesem Frühling den Seltenheitswert vierblättriger Kleeblätter aufwiesen, begann die Saison spät. Meine frühen Bedürfnisse stillte ich mit Spargel aus Griechenland; das gebeutelte Land braucht schliesslich Unterstützung. Nun schert sich ja der Gemüse- und Obsthandel schon längst nicht mehr um saisonale Bedingungen, weshalb Spargel bei uns auch zu Weihnachten angeboten wird – in Peru und Mexiko scheint die Sonne ja. Doch in Anbetracht des zur Lieferung notwendigen Kerosinverbrauchs gelingt es mir immerhin dann, mich zu zügeln.

In irgendeinem Wintermonat stand ich zufällig neben zwei japanischen Touristinnen, die sich nicht entscheiden konnten, ob sie den frühen weissen Spargel aus Ungarn oder jenen aus Peru wählen sollten. Der aus Peru kostete etwa die Hälfte. Obwohl ich Japanerinnen ganz sicher keinen grundsätzlichen Mangel an Reife unterstelle, empfahl ich mit einem Hinweis auf «the very long flight from South America to Europe» den Ungarischen. Sie lächelten und dankten mir sehr für den Hinweis, fragten sich vermutlich, was denn an weiten Reisen schlecht sein soll, und griffen nach dem Paket aus Peru.

Während mir der Spargel erst als Erwachsene zu schmecken begann, liebte ich grüne Äpfel schon als Kind. Dass die gute alte Granny Smith aus Chile oder Südafrika anreisen musste, interessierte mich damals noch nicht. Mit fortschreitend sich entwickelndem Bewusstsein begannen jedoch schwere Zeiten: Wieso musste die saure, knackige Köstlichkeit ausgerechnet in Diktaturen reifen? Jetzt waren klandestine Granny-Käufe angesagt – ich konnte einfach nicht widerstehen.

Heute, da weder Chile noch Südafrika mehr boykottiert werden, bleibt immer noch das Kerosinproblem. Doch zum Glück hatte die landwirtschaftliche Forschung ein Einsehen: Seit einigen Jahren ist der Greenstar auf dem Markt, eine Kreuzung aus Belgien, die auch in der Schweiz angebaut wird und mir sogar besser schmeckt als das greise Grossmütterchen Smith. Den Greenstar gibts leider noch nicht in Bioqualität – man kann nicht alles haben.

Frischer weisser Spargel ist ein Frühlingsessen. Aufgrund der Wetterlage traf sich eine frohe Runde kürzlich lieber zum Fondue. Zur Erfrischung reichte man Trauben. Aus Indien.

Karin Hoffsten lebt in Zürich, schreibt für die WOZ und macht regelmässig Theater.

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