Nr. 13/2012 vom 29.03.2012

Von heiklen Genüssen

Karin Hoffsten über den steinigen Weg zur kritischen Konsumentin

Am Morgen trinke ich Tee. Regelmässig und viel, schwarz, mit Milch. Die schöne britische Sitte, gleich neben Wasserkocher, Tassen und Teebeutel aufzuwachen, habe ich meinen häuslichen Verhältnissen angepasst: aufwachen, in die Küche schlurfen, Wasser aufsetzen, weiterschlafen. Wenns pfeift, Tee aufgiessen, wieder ins Bett kriechen. Wenns klingelt, Tee ans Bett holen, trinken, richtig aufwachen. Auch AgnostikerInnen kennen Rituale.

Dann kam ein Fragebogen ins Haus. Das Soziologische Institut der Uni Zürich wollte wissen, ob KonsumentInnen mit ihrem Kaufverhalten Wirtschaft und Politik beeinflussen können. Da ich sicher war, regelmässig Kaufentscheide zum Wohle schadstofffreier und fair gehandelter Produkte zu treffen, war ich stolz, der Befragung eine wertvolle Stimme hinzufügen zu können, und arbeitete mich durch rund zwanzig Seiten. Brav und ehrlich beantwortete ich alle Fragen: was und wo ich einkaufe, was ich denke, was ich meine, was meine FreundInnen denken, welche Einstellungen ich teile und welche nicht. Es nahm fast kein Ende.

Dann kam ich zum Teekonsum. Dass nur fair gehandelter Kaffee in unser Haus kommt, war mir selbstverständlich. Doch der Tee wurde bis anhin von einem alten Traditionsgeschäft geliefert – ohne Fair-Trade-Label. Ich suchte im Prospekt und auf der Website. Nichts. Der Begriff existiert dort nicht.

Also fragte ich an, wie man es mit dem fairen Handel halte, und erhielt folgende Mail: «Die Plantagen wo wir unseren Tee her haben, kann man auch als Fair Trade bezeichnen, nur werden sie nicht von den grossen Fair Trade Händler vermarktet, welche Ihrerseits sehr viel Geld aus dem Label Fair Trade holen und kassieren …» Die Antwort rührte mich zwar, befriedigte mich aber nicht. Also schrieb ich zurück, dass die Labels ja erfunden worden seien, weil sich von hier aus kaum beurteilen lasse, was in Indien oder Sri Lanka passiert. Ich bat um Kontakt mit dem Chef.

Kurz darauf rief er an, ein freundlicher, beredter Mann, der sein Metier kennt. Nachdem er sich versichert hatte, dass ich nicht «bio», sondern wirklich den fairen Handel meinte, erklärte er mir, dass Fair-Trade-Labels im Teegeschäft weder möglich noch nötig seien, weil es da ganz anders zu und her gehe als beim Kaffeeanbau. Die kleinen Kaffeebauern würden von grossen Zwischenhändlern geprellt, der Tee jedoch wachse auf grossen Plantagen, wo er von saisonalen WanderarbeiterInnen angebaut werde. Die Plantagen, von denen er seine Waren beziehe, kenne er alle – seinen Tee könne ich mit ruhigem Gewissen trinken.

Es gelingt mir nicht mehr. Vor allem, seit ich hörte, dass viele WanderarbeiterInnen durch Pestizideinsatz krank werden. Den Fair-Trade-Tee kaufe ich jetzt woanders. Aber wenn ich ganz ehrlich bin: Der frühere war besser.

Karin Hoffsten lebt in Zürich, arbeitet für die WOZ und macht regelmässig Theater.

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