Nr. 22/2013 vom 30.05.2013

Die weggesparten StudentInnen

Die Kantone geben immer weniger Geld für Unterstützungsbeiträge für StudentInnen aus. Damit werden die Schweizer Universitäten zunehmend zu Hochschulen für Kinder reicher und bildungsnaher Eltern.

Von Corsin Zander (Text) und Ursula Häne (Foto)

Die Eltern wohnen im falschen Kanton: Germanistikstudentin Laura Hug musste einen Teil ihres Stipendiums zurückzahlen, weil sie nebenbei arbeitete.

Laura Hug hat vorerst genug von ihrem Studium: «Ich will endlich richtig arbeiten und Geld verdienen.» Mit 28 Jahren steht die St. Gallerin vor dem Abschluss des Germanistik-Bachelors. Sie hat das Studium begonnen, nachdem sie bereits eine Lehre als Buchhändlerin abgeschlossen hatte. Ihre Eltern wollten und konnten ihre Tochter nicht finanziell unterstützen, also beantragte Hug Stipendien. Die bekam sie auch – allerdings bloss knapp tausend Franken pro Monat, da der Kanton St. Gallen einen Unterstützungsbeitrag der Eltern miteinberechnete, den Hug jedoch nie erhielt. Das störte sie nicht weiter, sie war zufrieden mit dem Geld. Um sich Studium, WG-Zimmer in Zürich und ihren sonstigen Lebensunterhalt zu finanzieren, jobbte sie zusätzlich in einer Bar.

Während zweier Jahre ging das gut so, dann kam plötzlich ein Brief des St. Galler Amts für Bildungsfinanzen: Sie hätte nicht arbeiten dürfen und habe somit zu Unrecht Stipendien bezogen. Hug wurde aufgefordert, 8000 Franken zurückzubezahlen. «Ich verstehe nicht, warum ich plötzlich so viel zurückbezahlen musste. Die sehen doch auch, dass mir tausend Franken in Zürich nicht zum Leben und Studieren reichen.» Die Stipendienstelle in St. Gallen liess sich auf keine Diskussionen ein: Wenn sie nebenbei arbeitet, werden ihr die Stipendien gestrichen.

«Besorgniserregende Entwicklung»

Laura Hug ist damit kein Einzelfall. Der Anteil der StudentInnen, die in der Schweiz Stipendien beziehen, ist, seit das Bundesamt für Statistik (BFS) 2004 erstmals Zahlen erhoben hat, von 13,6 Prozent auf 11,2 Prozent gesunken. Eine paradoxe Entwicklung, denn in dieser Zeit haben mit Ausnahme der Universitäten Genf und Lugano alle zwölf Hochschulen ihre Studiengebühren bis zu fünfzig Prozent angehoben, und auch die Lebenskosten sind gestiegen.

So müssen viele Studierende heute wie Laura Hug neben dem Studium zwei Tage in der Woche arbeiten. Der Anteil der Erwerbsarbeit am Einkommen aller Schweizer Studierenden beträgt heute rund vierzig Prozent. Hug ist froh, dass sie nebenbei arbeiten kann: «Zum Glück kann ich mein Germanistikstudium entsprechend einteilen», sagt sie. Dies gilt nicht für alle: Bei Studiengängen wie Medizin oder an der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) ist das fast unmöglich. Diese StudentInnen müssen auf die Unterstützung der Eltern zählen können. Gemäss Dieter Wüest, Rektoratsleiter der ETH Zürich, beziehen nur rund zehn Prozent der ETH-Studierenden Stipendien. «Ob jemand studiert, hängt auch vom sozialen Umfeld ab. Für junge Leute aus finanziell besseren Verhältnissen ist es naheliegender zu studieren. Insbesondere dann, wenn die Eltern schon eine Hochschulausbildung absolviert hatten und die Kinder deshalb in einem bildungsnahen Umfeld aufgewachsen sind», sagt Wüest.

Diese Einschätzung teilt Charles Stirnimann, der Präsident der Interkantonalen Stipendienkonferenz: «Der Bildungs- und Sozialstatus der Eltern bestimmt die Ausbildung der Kinder entscheidend mit.» Die Gesamtentwicklung der Stipendienzahlen hält Stirnimann für «besorgniserregend». Er sieht Handlungsbedarf: «Es braucht eine Harmonisierung des Stipendienwesens, damit gewisse Minimalstandards eingehalten werden.»

Finanzkräftige Kantone wehren sich

Tatsächlich verteilen die 26 zuständigen Stellen der Kantone die Stipendien zu unterschiedlichen Bedingungen. So zahlt der Kanton Jura an dreissig Prozent seiner Studierenden Unterstützungsbeiträge, während in Zürich nur acht Prozent davon profitieren. Gemäss Charles Stirnimann könnten diese Ungleichheiten längerfristig durch das Stipendienkonkordat behoben werden. Seit 1. März ist es in Kraft, doch bisher sind erst elf Kantone beigetreten. Einige finanzstarke Kantone wehren sich dezidiert gegen einen Beitritt.

So zum Beispiel Zug, der Kanton, der im vergangenen Jahr prozentual am wenigsten Studierende mit Stipendien unterstützte. Den Vorwurf, dass Zug fürchte, bei einem Beitritt zum Konkordat mehr Stipendien bezahlen zu müssen, will Bildungsdirektor Stephan Schleiss nicht gelten lassen: «Wir erfüllen bereits heute fast alle Punkte des Stipendienkonkordats und sind bei einigen gar noch grosszügiger.» Der Grund liege vielmehr in der geografischen Lage des Kantons: «Zug ist zentral gelegen, und zahlreiche Unis sind mit den öffentlichen Verkehrsmitteln schnell zu erreichen. Deshalb wohnen viele Zuger Studierende noch zu Hause und benötigen keine Stipendien», sagt Schleiss.

Für Charles Stirnimann ist die geografische Lage nicht entscheidend: «Es ist eine Frage des politischen Willens, wie viele Stipendien man ausbezahlen kann und möchte.» Dieser Wille scheint in Basel-Stadt, wo Stirnimann das Amt für Ausbildungsbeiträge leitet, grösser zu sein als andernorts: In den beiden Basel beziehen prozentual fast dreimal mehr Studierende Stipendien als im vergleichbaren Hochschulkanton Zürich.

André Woodtli, Vorsteher des Amts für Jugend und Berufsbildung in Zürich, erklärt die tiefen Zürcher Stipendienzahlen mit dem statischen Berechnungssystem: «Über Jahre hinweg haben wir die Teuerung nicht nachgeführt, so waren immer weniger Studierende berechtigt, Stipendien zu beziehen.» Dies habe man nun angepasst, so Woodtli. Tatsächlich: Die Anzahl der StipendienbezügerInnen ist letztes Jahr wieder leicht angestiegen. Beim Berechnungssystem sieht Woodtli auch schweizweit am meisten Nachholbedarf: «Wenn wir dieses vereinheitlichen könnten, würden wir die Chancengerechtigkeit verbessern.» Aufgrund der föderalistischen Struktur seien gewisse regionale Unterschiede aber auch zu akzeptieren.

Am falschen Ort geboren

Ein solcher Unterschied akzentuiert sich beim Vergleich der Romandie mit der Deutschschweiz. Die Ausgaben der Kantone in der Romandie sind seit 2004 um sieben Prozent angestiegen, während sie in der Deutschschweiz um über fünfzehn Prozent gesunken sind. Dies, obwohl die Anzahl der BezügerInnen in der Romandie weniger stark gesunken ist als in der Deutschschweiz. Der Wirtschaftsgeograf Michael Hermann hat dafür zwei mögliche Erklärungen: «Die Idee des Wohlfahrtstaats ist in der Romandie ausgeprägter. Ausserdem ist das duale Bildungssystem in der Romandie weniger verankert.» Es gibt in der Romandie also grundsätzlich mehr Vollzeitstudierende, die sich ihr Studium nicht berufsbegleitend finanzieren können.

Diese grossen kantonalen Unterschiede stossen dem Verband der Schweizer Studierendenschaften (VSS) sauer auf. Manuela Hugentobler, VSS-Vorstandsmitglied, sagt: «Es ist an der Zeit, dass wir gerechtere Verhältnisse herstellen.» 2010 lancierte der VSS die Stipendieninitiative und reichte sie im Januar 2012 mit 140 000 Unterschriften ein. Sie fordert eine Zentralisierung der Kompetenzen. Neu soll der Bund hauptverantwortlich für das Stipendienwesen sein. «Die Initiative sieht aber vor, dass die Kantone das Stipendienwesen zukünftig noch immer angemessen nach ihren Bedürfnissen gestalten können», sagt Hugentobler. Gewisse Mindeststandards müssten jedoch für alle Kantone gelten. So will die Initiative den StudentInnen während ihrer ganzen Studiendauer einen «minimalen Lebensstandard» garantieren. Der Bundesrat wird einen Gegenvorschlag ausarbeiten, im nächsten Jahr wird die Stipendieninitiative voraussichtlich zur Abstimmung kommen.

«Studieren ist kein Selbstzweck»

Geht es nach Christian Wasserfallen, FDP-Nationalrat und Präsident der Kommission für Wissenschaft, Bildung und Kultur (WBK), käme der Vorschlag des VSS einem Grundeinkommen gleich, das er den StudentInnen nicht zugestehen möchte: «Studieren ist kein Selbstzweck. Die Schweiz bietet qualitativ sehr hochstehende Bildung, und die Studierenden bezahlen dafür fast keine Studiengebühren. Da ist es nicht vermessen, wenn sich die Studierenden für ihren Lebensunterhalt auch selbst noch etwas engagieren müssen.» Es gehe auch darum, dass sich die StudentInnen möglichst schnell in die Arbeitswelt einbringen könnten.

Genau das wäre auch der Wille von Laura Hug. Ein Studium und nebenbei jobben kommt für die Germanistikstudentin derzeit nicht mehr infrage. Als Nächstes will sie ein Diplom machen, um an einer Erwachsenenschule Deutsch für Fremdsprachige zu unterrichten. Das Studium war für sie bisher «ganz schön stressig», weil sie immer unter Druck stand, nebenbei noch zu arbeiten. «Hätte ich durchgehend Stipendien erhalten, wäre vieles einfacher gewesen», sagt Hug. Dafür sind ihre Eltern aber im falschen Kanton wohnhaft.

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