Nr. 22/2013 vom 30.05.2013

Bern brennt nicht, es erstickt

Von Andreas Fagetti

Man kann sich fragen, was ein vollgekotzter Hauptbahnhof Bern, was zerstörte Billettautomaten und Sprayereien am Bundeshaus, was Krawalle mit Freiraum zu tun haben. Sehr viel. Wo es kaum mehr Freiraum gibt, steigt der Druck, bis der Kessel explodiert. Nichts anderes hat sich in Bern ereignet. Bern hat nicht gebrannt, das etablierte Bern hat bloss die Quittung dafür erhalten, dass es den öffentlichen Raum vollkommen durchreguliert hat. In der Bundeshauptstadt sind die Behörden sogar auf die hirnrissige Idee gekommen, wegen ein paar Bauwagennomaden ganz nach Recht und Gesetz eine Zone für alternatives Wohnen auszuscheiden. Bern stranguliert, was noch lebendig ist in der Stadt. Aber Bern ist fast überall in der Schweiz. Es ist wieder mal ziemlich stickig im Land.

Freiräume sind dadurch definiert, dass sie securityfrei und behördenfrei sind. Es sind weitgehend unregulierte Räume, in denen sich Menschen finden und zusammen etwas unternehmen können. Sie regulieren sich selbst. Manchmal tanzen sie, manchmal reden sie, manchmal saufen sie, manchmal kiffen sie, manchmal entwickeln sie gemeinsam Ideen, manchmal entsteht dabei etwas Sinnvolles, und manchmal gründen sie einen Rotary Club. Man kann das auch Freiheit nennen.

Vor solchen Räumen haben manche eine wahre Phobie. Sie betreten sie nie. Ihnen ist nur wohl, wenn Räume definiert sind. Durch Bewilligungen, Verordnungen, Zonen, Gesetze. Und selbstverständlich müssen sie sozialarbeiterisch betreut und ideenmässig durch runde Tische gesteuert sein. Freiheit hat übersichtlich, überwacht und gemütlich zu sein.

Aber das interessiert gerade kaum jemanden. Mit Inbrunst geben sich PolitikerInnen, Parteien, Behörden und Medien ihren Verurteilungsritualen hin. Denn eigentlich ist alles in bester Ordnung, wäre da bloss nicht diese unregulierte jugendliche Energie.

Und die DeregulierungsfetischistInnen aus dem bürgerlichen Lager? Richtig, die schreien bereits nach «härterem Durchgreifen». Litteringgesetz, Videoüberwachung, Wegweisung, Rayonverbote – das reicht ihnen nicht. Und so basteln sie wahrscheinlich bereits an einem neuen Spezialgesetz. Gegen freies Kotzen in Bahnhöfen. Im Ernst: Die etablierte Schweiz gehört wegen einer bürokratischen Zwangsneurose auf die Couch. Das Land braucht mehr Bewegung von unten und frische Luftzufuhr da oben.

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