Nr. 17/2008 vom 24.04.2008

Ein Südpol reicht nicht

Nach der Schliessung der Boa hat sich eine breite Bewegung entwickelt, die für ein neues Kulturzentrum kämpft. Die Chronologie eines Widerstandes, der sich auch gegen die touristische Stadtentwicklung richtet.

Von Lukas Walde

Die Buslinie 31 ist eine der wenigen, die nicht am Luzerner Bahnhof vorbeikommen. Dafür fährt sie an der Eichhof-Brauerei vorbei hinaus aus der Stadt, an die Arsenalstrasse. Hier am südlichen Stadtrand – eigentlich schon in Kriens – wird Luzern zum Dorf. Vis-à-vis der Bushaltestelle stehen zwei alte Bauernhäuser. Oben am grünen Hügel thront das Schloss Schauensee, nur noch überragt vom Pilatus. Unten dominieren Verkehr und Industrie. Das Haus Nummer 28, ein ehemaliger Schlachthof, wird gerade kostenaufwendig in den «Südpol» umgewandelt: Luzerns Zentrum für die nicht etablierte Theater- und ­Musikszene.

Die von den Stadtbehörden eingesetzte Betriebsgruppe schreibt in ihrem Konzept: «Der Name Südpol hat Frische, erzeugt Spannung. Er assoziiert einen Ort mit spezieller Anziehungskraft ... und schliesslich ist er direkt übersetzbar in andere Sprachen, was in der Touristenstadt Luzern nicht zu unterschätzen ist.»

Politisch wurde der Neubau als Nachfolgeprojekt des geschlossenen Kulturzentrums Boa propagiert. Dort hat man sich laut Vereinspräsident Tom Burri aber in der ganzen, neunzehn Jahre dauernden Geschichte nie darum gekümmert, ob der Name international verständlich ist. Vielmehr wollte man ein lebendiger Treffpunkt sein. Ein Ort, wo soziale, kulturelle und politische Fragen diskutiert werden. Ein Experiment. All dies sieht ein grosser Teil der Luzerner Kulturszene im Projekt Südpol nicht gewährleistet.

Kultur «von unten»

1. Dezember 2007: Die Aktion Freiraum feiert am Vorabend der Gruppenauslosung zur Euro 08 ein unbewilligtes Strassenfest, um auf das Manko an kulturellen Freiräumen aufmerksam zu machen. Um vor der flanierenden Elite des Weltfussballs das Gesicht zu wahren, zeigen die Stadtbehörden null Toleranz. Beim Besammlungsort, dem Stadtpark Vögeligärtli, werden die FestteilnehmerInnen eingekesselt. 245 von ihnen werden stundenlang im Zivilschutzbunker Sonnenberg festgehalten. Die Stadtbehörde befindet im Nachhin­ein, man habe das Gewaltpotenzial der Gruppe richtig eingeschätzt und angemessen gehandelt. Eine externe Untersuchung des Vorfalls wird abgelehnt.

Die Aktion Freiraum formierte sich während der Schliessung der Boa Ende Oktober 2007. Ihr Hauptanliegen: ein neues und vor allem selbstverwaltetes Kulturzentrum. Der Südpol, in den neben dem Kulturbetrieb auch die Musikschule, das Sinfonieorchester und eine Brass-Band einziehen werden, decke sich nicht mit ihren Vorstellungen. Marcel, einer der AktivistInnen, sagt: «Dort ist keine Kultur von unten möglich.» Für gute alternative Kultur brauche es durchlässige und basisdemokratische Strukturen.

Geschäftsleiter des Südpols wird Philippe Bischof, ein Basler Dramaturg und Theaterregisseur. Ihm steht eine vierköpfige Konzeptgruppe zur Seite. Vor allem einer dieser vier Namen erhitzt dabei die Gemüter der KritikerInnen: Urban Frye. Der Luzerner Musikwissenschaftler ist Direktor des Filmfestivals Rose d’or und konzipiert daneben Grossanlässe. Unter anderem fand die «Projektleitung Final Draw Euro 08», sprich das Rahmenprogramm zur Auslosung, Aufnahme in sein Portfolio. Bei der Aktion Freiraum glaubt deshalb niemand, dass Frye ihre Bedürfnisse kennt und ernst nimmt.

Aber auch wenn man die persönlichen Animositäten gegen Frye weglässt, wird der Südpol einen schweren Stand haben: Am runden Tisch der IG Kultur stellten AkteurInnen fast aller Luzerner Alternativbetriebe fest, dass der Südpol die Boa nicht ersetzen kann. Man wollte dem neuen Zentrum zwar nicht die Existenzberechtigung absprechen, sich aber für einen zusätzlichen Ort mit autonomeren Strukturen stark machen. Bei der Stadt zeigt man sich gesprächsbereit: «Was alternative Kultur alles beinhaltet, ist eine Definitionssache», sagt Oliver Frey von der Kulturförderung. «Wir sind uns deshalb bewusst, dass das Konzept des Südpols nicht allen Szenen gerecht wird.» In diesem Sinn nehme man die Anliegen der Aktion Freiraum ernst. Die Bewegung lässt sich auch nicht mehr ignorieren.

Drei Stadtmodelle

15. Dezember 2007: Das verhinderte Strassenfest wird zwei Wochen später nachgeholt, dieses Mal mit einer Bewilligung. Über tausend Aktivistinnen und Sympathisanten nehmen teil. Die Kundgebung verläuft friedlich. Da es sich bei der Aktion Freiraum um einen heterogenen Zusammenschluss handelt, reichen die Inhalte weit über kulturpolitische Forderungen hinaus. Das Bündnis kritisiert stadtplanerische Fehlleis­tungen, bekämpft den Wegweisungs­artikel und setzt sich gegen die geplante Flut an Überwachungskameras und die konsequente Haltung der Stadtbehörden bei Neubesetzungen von Häusern ein. Zusammengefasst wehrt man sich gegen die ausgrenzende Politik, die die Stadtbehörden nach Meinung der Aktion Freiraum betreiben.

Der Zeitpunkt, ein Mitspracherecht zu fordern, scheint gut. Von aussen betrachtet steckt Luzern mitten in einer Identitätskrise, deren Bewältigung für das Stadtbild tief greifende Folgen haben wird. Dabei stehen offiziell drei mögliche Modelle der Stadtentwicklung zur Diskussion. Erstens: Luzern fusioniert mit allen umliegenden Gemeinden und wird zur Grossstadt. Zweitens: Luzern baut Wohnungen ins Uferlose und wird zur Wohnstadt von Zürich. Oder Luzern legt mehr Wert auf die Vermarktung seines Rufs als beschauliches Tourismusstädtchen und lockt damit noch mehr wohlhabende Gäste an.

Der Punksänger Martin Gössi (Möped Lads) meint zu den Gründen für dieses Dilemma: «In Luzern trifft die Innerschweizer Traditionsknorrigkeit auf touristisch bedingte Internationalität, im Verlaufe der Jahrzehnte immer mehr angereichert durch den Wunsch, die angeborene Provinzialität mit grossstädtischen Metropolengelüsten abzustreifen.» Gössi, selbst ein Kulturaktivist, der sich bietende Freiräume immer kreativ zu nutzen wusste, kritisiert: «Die Stadt will einfach nur noch schön aussehen für Touristen. Für das andere und das Unbekannte gibt es keinen Platz mehr, es soll an den Rand gedrängt werden.»

Emmi geht

15./16. Februar 2008: Um zu manifes­tieren, dass es auch im Stadtzentrum kulturelle Freiräume braucht, organisiert die Aktion Freiraum im Vögeligärtli ein gut besuchtes Festival. Programmhöhepunkt ist neben Rapper Greis und den Möped Lads eine Podiumsdiskussion zur Frage «Alternative Kulturzentren – wie entstehen sie, wie überleben sie?» mit TeilnehmerInnen aus der Roten Fabrik Zürich, des Kulturzentrums Bremgarten, der Berner Reitschule sowie des Luzerner Musikzentrums Sedel und der Boa. Stellwände und Flugblätter unterstreichen die Kritik der Aktion Freiraum an der offiziellen Strategie in Sachen Stadtplanung.

Genau den Anfängen dieser neuen Stadtentwicklung fiel die Boa zum Opfer. 1998 wurde umgezont, sodass in ihrer Nachbarschaft neue, vor allem in der höheren Preisklasse angesiedelte Wohnungen entstehen konnten. Von den verständnislosen AnwohnerInnen gingen daraufhin immer mehr Lärmklagen ein, bis die Stadt das Kulturzentrum im letzten Oktober schloss. «Seit die Boa weg ist, ist das Quartier etwa so aktiv wie ein Valium», sagt Roman Paffenlehner – ein stadtbekannter Musiker, Veranstalter und langjähriger Präsident des Sedel. Er sympathisiert mit dem Vorhaben der Aktion Freiraum, sich aktiv in die Stadtentwicklung einzumischen. Man müsse ja nicht immer gleich eine Partei gründen, wenn man etwas zu sagen habe, findet er.

Um die Stadt davor zu bewahren, Fehler zu wiederholen, fordert das Bündnis mittlerweile die Butterzentrale der Firma Emmi als neues Kulturzentrum. Der Milch-Multi zügelt seine Produktion nach Suhr, und das schmale, über hundert Meter lange Blechgebäude würde sich gut für die Bedürfnisse der alternativen Kulturschaffenden eignen. Es befindet sich nahe dem Stadtzentrum im Tribschenquartier, eingeklemmt zwischen dem Fussballplatz des FC Kickers und der Kantonsschule.

Wegen der guten Lage sollen auch hier neue, wohl eher teure Wohnungen entstehen. Dem nahe gelegenen Jugendzentrum Treibhaus und der Baracke der Spielleute würde in diesem Fall das gleiche Schicksal wie der Boa bevorstehen, befürchten die AktivistInnen. In einer am 15. April im Grossen Rat eingegangenen Interpellation fragen zwei CVP-Politiker schon jetzt: «Ist sich der Stadtrat (und die von ihm angestellten Treibhaus-Betreiber) bewusst, dass eine solche Institution mit den aus ihrer Sicht offenbar hinzunehmenden Lärm­emissionen nicht nur im Tribschenquartier, sondern vermutlich im ganzen Agglomerationsraum nirgends mehr tragbar sein wird?»

Beim Stadtpräsidenten

12. April 2008: Die Aktion Freiraum besetzt für einen Tag eine ehemalige Druckerei an der Kellerstrasse 4. Nach eigenen Angaben tanzen 800 Leute auf drei Etagen zu Balkan-, Elektro- und Hip-Hop-Musik. Mit der Party will man zeigen, dass man sich und seine Anliegen nicht weiter ignorieren lässt: «Wir repräsentieren nicht zukünftige, potenzielle oder reiche Steuerzahler, sondern einen grossen Teil der jetzigen Bewohner von Luzern», heisst es in einer Mitteilung.

Mit dem ständigen Demonstrieren und Feiern hat die Aktion Freiraum immerhin erreicht, dass sie nun angehört wird. Erstmals am Luzerner Kulturrapport Ende Februar, am Erscheinungstag dieser WOZ findet ein zweites Treffen statt. Ob und inwiefern Stadtpräsident Urs W. Studer und Sozialdirektor Ruedi Meier dabei auf das Liebäugeln mit der Butterzentrale eingehen werden, ist offen. Die Aktion Freiraum erwartet als Gesprächsbasis immer noch eine offizielle Entschuldigung für das massive Vorgehen am 1. Dezember 2007. Ausserdem soll die Stadt öffentlich zugeben, dass die Forderungen des Bündnisses berechtigt seien.

Dass das Sicherheits- und Justizdepartement letzte Woche alle 54 Aufsichtsbeschwerden abschmetterte, die nach dem 1. Dezember 2007 einge­reicht wurden, dürfte die Kommunikation wei­ter erschweren. «Obwohl die Angehaltenen in der Anlage Sonnenberg nicht im gewünschten Ausmass betreut werden konnten, stellt dies keine ungebührliche Behandlung dar, die sich mit einer Aufsichtsbeschwerde rügen lässt», lautete das Fazit in einer Medienmitteilung.

In der gleichen Woche entschied sich die Stadt dafür, das Gefängnis Sonnenberg für 280 000 Franken von 150 auf 260 Arrestplätze auszubauen – da man in nächster Zeit mit weiteren Massenverhaftungen rechnet. «Uns kann man einsperren, aber unsere Forderungen, Ideen und Vorstellungen bleiben bestehen», sagt der Pressesprecher der Aktion Freiraum, Sandro Hofstetter. «Wir kämpfen weiter.»

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