Nr. 25/2013 vom 20.06.2013

Kein Fluss im Mittelland

Von Stephan Pörtner

Zollikofer war ohne tiefere Absicht ins Mittelland geraten und fand nicht mehr heraus. Ausser ein paar Hügeln bot die Landschaft keinerlei Orientierungspunkte, und Hügel, das wusste Zollikofer, können sich je nach Grosswetterlage um bis zu zehn Kilometer in eine beliebige Richtung verschieben, wenn grad niemand nachmisst. Ausserdem verschwanden in den Hügeln mehr Menschen als in den Bergen. Das Einzige, was ihm einen Weg hätte weisen können, wäre ein Fluss gewesen, aber auch diese mieden das Mittelland so gut sie konnten und flossen meist unterirdisch. Kurz vor dem Eindunkeln glaubte Zollikofer einen Bahnhof gefunden zu haben und wurde nie mehr gesehen.

Stephan Pörtner ist Krimiautor («Köbi der Held», «Stirb, schöner Engel») und lebt in Zürich. Für die WOZ schreibt er Geschichten, die aus exakt 100 Wörtern bestehen. www.stpoertner.ch

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