Nr. 26/2013 vom 27.06.2013

Was alle jeden Tag tun

Von Knud Kohr

«Schlafen ist kein geringes Kunststück, denn man muss den ganzen Tag dafür wach bleiben», schrieb bereits Friedrich Nietzsche.

Ein gelungenes Bonmot, das nur bedingt zur Auseinandersetzung mit Bernd Brunners Buch «Die Kunst des Liegens» nutzt. Denn ums Schlafen geht es darin kaum.

«Lying in bed would be an altogether perfect and supreme experience if only one had a coloured pencil long enough to draw on the ceiling.» G. K. Chesterton kommt Brunners Absicht schon näher. Nachdem Brunner in den vergangenen Jahren bereits kulturwissenschaftliche Arbeiten über den Mond, die Bären und die Erfindung des Aquariums geschrieben hat, mehrfach übersetzt und auch in US-amerikanischen Medien völlig zu Recht hoch gelobt worden ist, widmet er sich nun dem Liegen.

Wie stets in seinen Büchern gelingt es ihm, ein Thema, von dem man vorher gar nicht ahnte, wie interessant es sein könnte, gewandt in Kapitel beziehungsweise kleine Aufsätze von zwei bis neun Seiten zu teilen. Immer noch einen davon liest man, und weiss hinterher zum Beispiel, dass Oberrichter Simon seine Klienten stets im Prunkbett und bis unters Kinn zugedeckt empfing, weil er nur «zwei Fuss gross» war, wie Jean-Jacques Rousseau berichtet. Man gewinnt profunde Kenntnis darüber, dass die Geschichte der Matratze vor 77000 Jahren in Südafrika begann. Dass die Position, in der zwei Menschen zusammen im Bett liegen, rein gar nichts über den Zustand ihrer Beziehung aussagt. Erfährt, warum der Vorläufer des Wasserbetts bereits Mitte des 19. Jahrhunderts als Ruhestatt für bettlägerig Kranke erfunden wurde, sich aber nicht durchsetzen konnte, weil die Heizungstechnologie noch nicht so weit entwickelt war, dass die Kranken nicht nach wenigen Stunden auf kaltem Wasser zu klappern begannen.

All das lernt man. Dann ist das Buch plötzlich zu Ende. Und man wünscht sich gleich das nächste Buch von Brunner. Vielleicht eines über den Schlaf? Denn der ist bislang noch kaum erforscht. Hat man auf den vergangenen Seiten nebenbei auch gelernt.

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