Nr. 22/2013 vom 30.05.2013

Grönland von oben. Mindestens

Muss man einen Ort, über den man berichtet, mit eigenen Füssen betreten haben? Ein paar Überlegungen, ausgehend von Pierre Bayards Essay «Wie man über Orte spricht, an denen man nicht gewesen ist».

Von Knud Kohr

«Und haben Sie dort Stockfisch gegessen?» Dabei ist nicht sicher, ob unser Autor wirklich in Grönland war. Und was heisst überhaupt «wirklich»? Foto: Thomas Bujack

Bin ich in Grönland gewesen? Fest steht, dass ich am Nachmittag des 27. April 2013 Grönland in 12 000  Metern Höhe überflogen habe. An diesem Tag sass ich an Bord des Air-Berlin-Flugs AB 1111, der einmal jährlich den Rundflug Berlin/Tegel–Nordpol–Berlin/Tegel bewältigt. Wenn der Pilot die Wahrheit gesagt hat – und warum sollte er es nicht tun bei einem Flug, der je nach Sitzplatz 499 bis 3333 Euro gekostet hat –, habe ich Grönland also bei klarster Sicht zwei Stunden lang von oben gesehen. Was die Frage, ob ich schon einmal in Grönland gewesen bin, höchstens zum Teil beantwortet.

Die Geschichte zwischen Grönland und mir beginnt nämlich schon etliche Jahre früher. Ein mir bekannter Fotograf bekam den Auftrag, im Rahmen einer kommerziellen Servicereportage auch noch das Porträt eines aussergewöhnlichen Menschen zu schreiben. Eines Sudanesen nämlich, der in Ägypten studiert hatte, nun als Frauenarzt in der grönländischen Provinz praktizierte und jeden Tag auf denselben Berg hinter seinem Haus stieg. Der Kollege traute sich das Schreiben dieser Geschichte nicht zu. Also stellte er mir seine Bilder und sein Arbeitstagebuch zur Verfügung. In Absprache mit der Redaktion übernahm ich den Auftrag.

Anscheinend gelang er mir ganz gut. Zwei weitere Magazine – eines davon in der Schweiz – kauften die Geschichte zum Nachdruck.

Lachen oder Improvisieren

Monate später begegnete ich einer Redaktorin jenes Schweizer Magazins. Da wir keine anderen Gesprächsthemen hatten, lenkte sie unsere Unterhaltung auf das Thema «Grönland». Sie wollte jedes Detail über den Frauenarzt und den Berg wissen. Ob es mir nicht zu kalt gewesen sei? Und ob ich Stockfisch gegessen hätte? Mir blieben zwei Möglichkeiten: Erstens hätte ich den Schwindel mit einem Lachen auffliegen lassen können. Was ungünstig gewesen wäre, da die Redaktorin bereits zwei Folgeaufträge an mich erteilt hatte. Die zweite Möglichkeit bestand darin, mich zu konzentrieren, ihre Fragen zu beantworten und gegebenenfalls ein bisschen zu improvisieren. Ich entschied mich für Letzteres. Und es gelang: Mindestens eine Viertelstunde lang sprach ich über einen Ort, an dem ich nicht gewesen war. So dachte ich jedenfalls. Mittlerweile bin ich mir unsicher geworden.

Denn genau zu diesem Themenkomplex ist nun der Band «Wie man über Orte spricht, an denen man nicht gewesen ist» des französischen Literaturprofessors und Psychoanalytikers Pierre Bayard erschienen. Schon seine beiden letzten Arbeiten «Wie man über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat» und «Freispruch für den Hund der Baskervilles. Hier irrte Sherlock Holmes» erregten Aufsehen. Nun also stellt Bayard sich und seine LeserInnen vor die Frage, ob man einen Ort gesehen haben muss, um ihn zu kennen, über ihn zu reden oder gar über ihn berichten zu können.

Was zunächst absurd wirkt, wird verständlicher, wenn man einbezieht, dass der «sesshafte Reisende» in Frankreich seit Jahrhunderten eine essayistische Figur ist. Der Begriff beschreibt eine Person, die sich laut Bayard «für die Kenntnis anderer Kulturen begeistert, sich jedoch entscheidet, die Welt zu erforschen, indem sie zu Hause bleibt und sich auf ihre Imagination verlässt».

Als Paradebeispiel dafür kann der deutsche Philosoph Immanuel Kant gelten, der sein ganzes Leben lang seine Geburtsstadt Königsberg kaum verliess und sich laut eigener Aussage so sehr für fremde Länder interessierte, dass ihm die Zeit zum Reisen fehlte. Auch einen Vers von Charles Baudelaire stellt Bayard seinem Essay voran: «Mit welch bitterem Wissen Reisen uns erfüllt», umschreibt der Dichter das Gefühl, am Ende einer Expedition doch nur mit der beängstigenden Leere der eigenen Existenz konfrontiert zu sein.

Von Jules Verne bis Karl May

Wie kann mir all das bei der Klärung der Frage helfen, ob ich in Grönland gewesen bin? Bayard stellt verschiedene Reisende von Weltrang vor, die deutlich weniger weit gekommen sind, als ihre Werke vorgeben. Einer davon ist Marco Polo. Der Venezianer lebte von 1274 bis 1324 und gilt bis heute als derjenige, der unsere Kenntnis über das mittelalterliche Asien geprägt hat. Allerdings gilt heute als sicher, dass er nie weiter als bis Konstantinopel reiste und also alle seine Bücher auf Erzählungen anderer Handelsreisender basieren.

Der 2011 verstorbene Edouard Glissant schrieb sein Buch «Das magnetische Land» über die Osterinseln, ohne seine Wohnung in Paris zu verlassen. Sein gesundheitlicher Zustand erlaubte eine solche Reise nicht mehr. Also schickte er seine Frau Sylvie Sémavoine als Stellvertreterin, die ihn mit täglichen Nachrichten und Tagebucheinträgen versorgte, während er selbst sich dem Studium der bereits vorhandenen Literatur über die Osterinseln widmete. Als weiteres Beispiel dient Bayard François-René de Chateaubriand, der die Berichte über seine Nordamerikabesuche erst Jahrzehnte nach den Reisen niederschrieb. Dabei positionierte er dieselbe Flussinsel je nach Bedarf geografisch ganz unterschiedlich oder gab Reisezeiten für Etappen an, die mit den damals verfügbaren Mitteln gar nicht einzuhalten waren.

Auch den von Jules Verne geschaffenen Phileas Fogg führt Bayard an: Hetzte in achtzig Tagen um die Welt und verliess dabei die Schiffskabinen oder Zugabteile so selten wie möglich, um sich durch die Realität nicht von seiner Aufgabe – dem Gewinnen seiner Wette – ablenken zu lassen. Und natürlich Karl May: Der deutsche Westernromancier bereiste die USA erst im fortgeschrittenen Alter, nachdem er das Bild der IndianerInnen durch seine Werke grundlegend revidiert hatte. Die UreinwohnerInnen Amerikas waren durch die Arbeit von May nicht mehr gleichzusetzen mit den blutrünstigen Bestien, die sie in Hollywoodfilmen noch jahrzehntelang spielen mussten. Stattdessen gab es in Winnetou einen edlen Humanisten im Genre.

Ausflug ins Nimmerland

Hat es vielleicht sogar Vorteile, Länder, über die man redet, nicht zu bereisen? Bayard empfiehlt das den AutorInnen ausdrücklich. Ihre vornehmste Aufgabe bestehe darin, es Lewis Carols Alice gleichzutun und durch den Spiegel zu gehen, auf dessen anderer Seite die Zeit zirkuliert und auch die Räume nicht mehr so wie in der Realität angeordnet sein müssen. Bayard fordert AutorInnen wie auch Lesende auf, sich gemeinsam in eine literarische Wahrheit zu begeben, die sich von der wissenschaftlichen Wahrheit unterscheidet und auf der Nichtbeachtung der traditionellen Kategorien von Raum und Zeit gründet. Wenn das kunstfertig gelingt, könnten LeserInnen und Schreibende sich gemeinsam in einem phantasmatischen Ort wie dem Nimmerland von Peter Pan wiederfinden, das einst J. M. Barrie erdachte.

Was zur Ausgangsfrage zurückführt: Bin ich in Grönland gewesen? Pierre Bayard würde das vermutlich bejahen. Ich wäre vorsichtiger. Jedenfalls ein bisschen. Wahrscheinlich bin ich mehr in Grönland gewesen, als wenn ich zum Umsteigen für zwei Stunden auf Grönlands Luftkreuzflughafen in Nuuk zwischengelandet wäre. Gelohnt hat es sich auf jeden Fall. Auch wenn Peter Pan gerade eine andere Flugroute bevorzugte.

Von Knud Kohr ist soeben ein neues Buch erschienen: «Helden wie ihr.» Verbrecher Verlag. Berlin 2013. 200 Seiten. Fr. 20.90.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch