Nr. 26/2013 vom 27.06.2013

Im Libanon von heute haben alle Angst

Mit ihrem Eingreifen in Syrien versucht die Hisbollah, den Krieg vom Libanon fernzuhalten. Gleichzeitig verändert sie die Machtverhältnisse in der ganzen Region.

Von François Moore

Über «unglaubliche Szenen», die sich in der libanesischen Bekaa-Ebene abgespielt haben, berichtete die Tageszeitung «L’Orient-Le Jour» im Anschluss an die Schlacht um die syrische Stadt Kusseir. In Kusseir, unweit der syrisch-libanesischen Grenze, hatte die libanesische Partei Hisbollah eingegriffen und dem syrischen Regime ermöglicht, die Stadt zurückzuerobern. Danach seien ganze Konvois mit verletzten Kämpfern der unterlegenen Aufständischen unbehelligt durch die weitgehend von der Hisbollah kontrollierte Bekaa-Ebene gefahren, so «L’Orient-Le Jour», das als französischsprachiges Blatt der christlich-libanesischen Elite heimlicher Sympathien für die schiitische Hisbollah unverdächtig ist. Ohne den kleinsten Zwischenfall seien diese Verletzten der Freien Syrischen Armee und der Al-Kaida-nahen Al-Nusra-Front transportiert worden, manchmal praktisch direkt an den Beerdigungen gefallener Hisbollah-Kämpfer vorbei. Mehr noch: Die Hisbollah habe 35 Verletzte aus den Reihen ihrer Feinde von Kusseir in eigenen Ambulanzen durch die Bekaa-Ebene gefahren. Die hätten erst um ihr Leben gefürchtet – und dann erkannt, dass sie in libanesische Spitäler gebracht würden.

Es sei ihre religiöse Pflicht, Verletzte zu versorgen, begründeten Hisbollah-Milizionäre ihr Verhalten – man wagt sich kaum den umgekehrten Fall vorzustellen, dass verletzte Hisbollah-Kämpfer in die Hände extremistischer sunnitischer Brigaden gefallen wären.

Die Hisbollah bemüht sich sichtlich, ihrem Eingreifen in Syrien keinen konfessionellen Anstrich zu geben. Ihr entschiedener militärischer Eingriff in Kusseir ist faktisch aber doch Teil des sunnitisch-schiitischen Konflikts in der ganzen Region. Die Hisbollah hat an sich wenig Sympathie für die Diktatur von Assad; als Alliierte sind sie geeint durch die gemeinsamen Freunde und Feinde und nicht durch Religion oder Weltanschauung. Neben der Verteidigung dieser Zweckallianz ging es für die Hisbollah in Kusseir vor allem darum, die Takfiris, also jene radikalen Sunniten, die alle Andersgläubigen zu Ungläubigen erklären, zurückzudrängen. Für die Takfiris sind libanesische Schiiten und syrische Alawiten dasselbe – Ungläubige, die es zu bekämpfen gilt. Hisbollah-Generalsekretär Hassan Nasrallah vermied in seinen beiden jüngsten Reden wie immer jede antisunnitische Hetze, verwies aber auf die Gefahr, die von den Takfiris in Syrien ausgehe. Und so argumentieren auch Hisbollah-Funktionäre im Gespräch: «Wenn wir die Takfiris nicht jetzt in Syrien bekämpfen, werden sie uns nachher im Libanon angreifen.»

Die Hisbollah hat alles Interesse daran, den syrischen Krieg vom Libanon fernzuhalten. Denn im Libanon ist sie militärisch und politisch dominant, es gibt zurzeit keine Partei oder Miliz, die ihr wirklich gefährlich werden könnte. Nasrallah betonte, die Hisbollah habe nur eine einzige, nämlich libanesische Nationalität und verteidige die Einheit des Landes. Dass er tatsächlich lautere, gar überkonfessionelle Absichten haben könnte, glaubt ihm ausserhalb der schiitischen Gemeinschaft allerdings niemand. So gibt Nasrallah also eher die Marschrichtung für die eigene Basis vor, als dass er die anderen Gemeinschaften beruhigen könnte.

Mit dem Sieg in Kusseir hat die Hisbollah ihre Macht im Libanon abgesichert. Doch sie hat auch den sunnitischen Hass auf die Schiiten weiter angeheizt. Die vorher vereinzelten sunnitischen Rufe im Libanon und in Syrien zum Dschihad gegen die Hisbollah werden seither lauter, unterstützt durch die Drohungen von geifernden Fernsehscheichs am Golf.

Bedroht fühlen sich im Libanon heute alle Gemeinschaften. Die ChristInnen fürchten die sunnitischen ExtremistInnen und um ihre schiere Existenz. Die SchiitInnen sehen sich durch die Takfiris bedroht. Die SunnitInnen fürchten die schiitische Dominanz; die DrusInnen ebenso, neben ihren traditionellen Konflikten mit den ChristInnen. So bleibt man heute im Libanon wieder unter sich, wie in den ersten Jahren nach dem Bürgerkrieg. Vielleicht weniger aus richtiger Angst, sondern eher aus dem Gefühl heraus, man könnte in irgendetwas Unangenehmes hineingeraten: Schiessereien und Entführungen hier, Strassenblockaden dort. Nur in der eigenen Gemeinschaft fühlt man sich sicher.

Dennoch wird sich der Libanon trotz zunehmender Gewalt durchhangeln können, solange sich die Lage in Syrien nicht wesentlich ändert. In der regionalen Balance der Macht hingegen hat sich bereits Entscheidendes geändert, wenn der von der Hisbollah herbeigeführte Sieg der syrischen Armee in Kusseir das syrische Regime wirklich stabilisiert – und danach sieht es derzeit aus. Galt die Hisbollah bisher trotz ihrer eigenständigen Politik letztlich als verlängerter Arm Syriens und des Iran im Libanon, so steht Assad nun tief in ihrer Schuld. Das Regime in Syrien ist nun eine Macht von Hisbollahs Gnaden.

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