Nr. 28/2013 vom 11.07.2013

Das Geheimnis der ewigen Jugend

Der Axolotl in den Aztekenkanälen bei Mexiko-Stadt hat eine erstaunliche Regenerationsfähigkeit: Selbst Teile seines Herzens kann der Schwanzlurch vollwertig ersetzen. Die Wissenschaft ist fasziniert und hält ihn in Labors. In der freien Wildbahn aber stirbt er aus.

Von Toni Keppeler (Text und Foto)

Höchst interessant auch für das Militär: Axolotl im Aquarium des Biologieinstituts Cibac.

Der Axolotl ist ein wundersames Tier. Julio Cortázar, der grosse argentinische Literat des 20. Jahrhunderts, war so fasziniert von diesem Schwanzlurch, dass er ihn im Jardin des Plantes in Paris immer wieder besuchte. Stundenlang sass er vor dem Aquarium. «Ich beobachtete seine Starre, seine dunklen Bewegungen.» Schliesslich schrieb er eine Erzählung, in der er das Ergebnis seiner Studien zusammenfasste: «Nun war ich selbst ein Axolotl.»

Es ist der Traum eines mit Drogen erfahrenen Bohemiens – und doch ist er gar nicht so absurd. WissenschaftlerInnen in aller Welt träumen ihn: Es ist der Traum von der ewigen Jugend, und der Axolotl hat eine Fähigkeit, die, wenn man sie durchschauen würde, die Menschheit der Verwirklichung ihres Traums näherbringen könnte: Dieser Lurch regeneriert sich selbst. Schneidet man ihm ein Beinchen ab, so wächst es innerhalb weniger Tage nach. Grossflächige Hautverletzungen steckt er klaglos weg. Er kann innere Organe, seine Wirbelsäule, gar Teile des Gehirns und des Herzens vollwertig ersetzen. Bis zu 25 Jahre alt wird das Tier. Andere Lurche sind schon mit fünf Jahren steinalt. Hätten Menschen die Fähigkeiten des Axolotls – was für ein Fortschritt für die Medizin!

Eben deshalb leben heute mehr Axolotl in den Aquarien von Forschungslabors als in der freien Wildbahn. Die Medizinische Hochschule Hannover betreibt seit 2010 ein Zentrum zur Erforschung des Tiers, am Max-Planck-Institut für molekulare Zellbiologie und Genetik in Dresden versuchen WissenschaftlerInnen, sein Genom zu entschlüsseln. Das Verteidigungsministerium der USA hat über sechs Millionen Dollar investiert, um den Regenerationsmechanismus erforschen zu lassen. Könnte man ihn auf den Menschen übertragen, wären die von Minen abgerissenen Beine von Soldaten kein grösseres Problem mehr.

Bedrohter Sympathieträger

Die Wissenschaft forscht an der Überlebensfähigkeit des Axolotls, in der freien Wildbahn aber stirbt er aus. Seine Heimat sind die Kanäle um die künstlichen Inseln, die einst von den AztekInnen in Xochimilco angelegt worden waren, um ihre Hauptstadt Tenochtitlan mit Lebensmitteln zu versorgen. Die spanischen Eroberer haben die meisten dieser Kanäle trockengelegt. Danach ist dort Mexiko-Stadt zu einem urbanen Moloch von über zwanzig Millionen EinwohnerInnen gewuchert. Nur noch knapp 170 von einst Tausenden Kilometern Kanal sind heute übrig. In denen lebten vor fünfzehn Jahren noch rund 6000 Axolotl pro Quadratkilometer Wasserfläche. 2004 waren es noch 2000, vier Jahre später nur noch hundert, und heute schätzt Luis Zambrano den Quadratkilometerbestand auf zehn bis zwanzig. Insgesamt gebe es nur noch zwischen 600 und 1200 frei lebende Tiere.

Zwar gibt es ein halbes Dutzend artverwandter Tiere in anderen in sich geschlossenen Ökosystemen in Mexiko und Teilen der USA und Kanadas. Aber nur der Axolotl von Xochimilco – wissenschaftlich: Ambystoma mexicanum – hat diese beeindruckende Regenerationsfähigkeit. Nur er und eine weitere Art bleiben ihr Leben lang eine Larve und erreichen als solche auf bis heute vom Menschen nicht verstandenen Wegen trotzdem die Geschlechtsreife. Alle anderen durchlaufen eine Metamorphose, gehen an Land und werden zu Salamandern.

Luis Zambrano, Biologe an der Nationaluniversität von Mexiko, bemüht sich darum, das verbliebene Ökosystem von Xochimilco zu retten. Der Axolotl, sagt er, sei sein «Flaggschiff», der Sympathieträger für die Finanzierung des Projekts. Der nachtaktive Lurch mit der breiten runden Schnauze, den neugierig-freundlichen Augen und den imposanten Kiemenästen ist nicht nur possierlich, er ist auch eine zentrale Figur der aztekischen Mythologie: Er ist der Bruder des Gottes Quetzalcoatl. Er sollte geopfert werden und floh deshalb vor seinen Häschern ins Wasser. Dort hat er die Form des Axolotls angenommen. Das Wort der Aztekensprache «nahuatl» (ausgesprochen in etwa «ascholót») ist zusammengesetzt aus «atl» (Wasser) und «xolotl», was Gottheit bedeuten kann, aber auch Monster.

Retter des Ökosystems

Auch heute wird der Axolotl von Häschern verfolgt. Vor rund zwanzig Jahren wollte die Regierung den Bauern und Bäuerinnen im Süden von Mexiko-Stadt helfen und setzte Karpfen und afrikanische Buntbarsche in den Kanälen von Xochimilco aus. «Die Fische haben dort keine natürlichen Feinde und vermehren sich schneller, als sie gefangen werden können», sagt Zambrano. «Sie fressen die Jungtiere des Axolotls.» Wirtschaftlich haben die Fische keine Bedeutung mehr: «Die Kanäle sind von Karpfen und Barschen so überbevölkert, dass diese zu klein bleiben, um noch verkauft werden zu können.»

Man sollte sie auch nicht mehr essen. Denn das Wasser des Kanalsystems von Xochimilco ist verdreckt. Nicht nur von den sorglos weggeworfenen Abfällen der rund zwei Millionen Menschen, die jährlich dieses kühle Naturrefugium am Rand der Riesenstadt besuchen. Vor allem sind es Pestizide, die auf den nahe gelegenen Blumenplantagen versprüht werden, die Barsch und Karpfen ungeniessbar machen und die auch dem Axolotl zusetzen.

Luis Zambrano schlägt nun zurück. Zusammen mit Fischern holt er eine Tonne Karpfen und Barsch pro Tag aus den Kanälen und lässt sie zu Dünger für die künstlichen Inseln verarbeiten. Diese Chinampas genannten, von den Kanälen umflossenen Felder sind 200 Meter lang und gerade 20 Meter schmal. So bleibt die Erde auch in der Trockenzeit immer feucht. In Mexiko steht der Markt für Biolebensmittel noch ganz am Anfang seiner Entwicklung; da ist Anbau ohne Pestizide schon ein Fortschritt. Zambrano sieht Wachstumschancen und damit einen Anreiz für die BäuerInnen von Xochimilco, das Ökosystem zu erhalten und zugleich den Axolotl zu schützen.

Für den Axolotl hat Zambrano vier Kilometer Kanal mit Barrieren und Filtern abgesperrt, um die räuberischen Fische und giftigen Schwermetalle auf Distanz zu halten. Und er hat festgestellt: «Unsere Axolotl wachsen schneller, werden viel grösser als die in Gefangenschaft und sind viel lebhafter.» Ausgewachsene Aquarium-Axolotl werden 23 bis 28 Zentimeter lang und halten sich meist träge am Grund ihres Beckens auf. Draussen in den abgesperrten Schutzgebieten hat Zambrano schon bis zu 40 Zentimeter lange Tiere gesehen, und die kämen auch an die Wasseroberfläche.

Bitte nicht klonen

Mitten in diesem alten Kanalsystem liegt das Biologieinstitut Cibac, eine Aussenstelle der Autonomen Universität von Mexiko-Stadt. Im Institut werden Flora und Fauna von Xochimilco erforscht. Und auch dort macht man sich Gedanken über die Rettung des Axolotls. 7000 Tiere wurden in grossen Tanks gezüchtet. «Jetzt haben wir die Genehmigung, 3000 davon auszuwildern», sagt Institutsleiter Fernando Arana.

Er hat dafür wie Zambrano Schutzräume in den Kanälen abgesperrt. Mit einer anderen Idee: Weil sich der Anbau von Mais und Gemüse auf den Chinampas nicht mehr lohne, sollten die Bauern den Axolotl hegen und pflegen, um ihn dann fürs Aquarium im Wohnzimmer zu verkaufen. Zwischen umgerechnet zehn und dreissig Franken bekomme man derzeit in Mexiko für so einen Lurch, «und es gibt auch eine internationale Nachfrage».

Um die Larve als Lebensmittel zu verkaufen, seien die Produktionskosten noch zu hoch. «Für eine richtige Mahlzeit braucht man schon zwei oder drei Axolotl, die vier oder fünf Jahre alt sein sollten», weiss Arana. «In ein paar Jahren» aber kann er sich auch das als durchaus lohnendes Geschäftsmodell vorstellen (siehe «Axolotl, gesotten und geschrieben» im Anschluss an diesen Text).

Luis Zambrano hält diese Strategie für gefährlich. Er fürchtet den Chytridpilz, von dem fast alle in Gefangenschaft lebenden Axolotl befallen seien und der in Lateinamerika für ein Massensterben von Amphibien verantwortlich ist. Die Epidemie ist eine Folge des Klimawandels: In den langsam wärmer werdenden Gewässern breitet sich der Pilz immer schneller aus. Die noch kühlen Kanäle von Xochimilco sind bislang frei davon.

Zudem sind Zuchtaxolotl immer irgendwie miteinander verwandt und haben deshalb ein reduziertes Erbgut. Zambrano nennt sie polemisch «Klone». Sollte Arana seine 3000 Tiere tatsächlich auswildern, befürchtet er «einen Krieg der Klone gegen die wenigen frei lebenden Axolotl. Und den werden die Klone gewinnen.»

Das wäre nicht nur eine Katastrophe für den Axolotl, es wäre auch schlimm für die Wissenschaft. Zambrano hat festgestellt, dass Zuchtaxolotl von Generation zu Generation ihre Regenerationsfähigkeit immer früher verlieren. In der Gefangenschaft verblasst der Traum von der ewigen Jugend.

Das Tier in der Kultur

Axolotl, gesotten und geschrieben

Bei den AztekInnen galt der Axolotl als Speise der Noblen. Man sagt, er schmecke ein bisschen wie Frösche, irgendwo zwischen Huhn und Fisch. Die klassische Zubereitung war das sogenannte Tlapique: Ein ausgenommener Axolotl wird zusammen mit Tomaten, anderem Gemüse der Saison und scharfen Chilischoten in Maisblätter gewickelt und verschnürt, dann stundenlang in kochendem Wasser gegart. Einen Teller braucht man nicht: Der Axolotl wird samt Beilagen aus den geöffneten Maisblättern gegessen. Man sagt, es gebe noch heute Feinschmeckerrestaurants in Mexiko-Stadt, die das Gericht speziellen KundInnen unter der Hand anböten.

Auch in der volkstümlichen Medizin spielt das Tier bis heute eine Rolle: Im mexikanischen Bundesstaat Michoacán unterhalten die Nonnen eines Klosters von Dominikanerinnen eine grosse Axolotlzucht. Sie quetschen die erwachsenen Tiere aus und kochen aus dem so gewonnenen Saft einen Sirup. Der soll gegen Husten, Asthma und andere Erkrankungen der Atemwege helfen. Die Fläschchen, in denen die Medizin auf Märkten angeboten wird, zeigen auf dem Etikett einen lächelnden Axolotl.

Im deutschsprachigen Raum hat das Tier zuletzt 2010 Furore gemacht, als der Erstlingsroman «Axolotl Roadkill» der damals erst achtzehnjährigen Autorin Helene Hegemann erschien. Die Geschichte einer Sechzehnjährigen, die durch Existenzkrisen, Therapien und Sexexzesse stolpert und schliesslich an der Heroinnadel hängt, wurde von der Kritik zunächst mit stürmischem Lob aufgenommen. Bis herauskam, dass Hegemann lange Passagen aus dem im Jahr zuvor erschienenen Roman «Strobo» des Berliner Bloggers Airen abgeschrieben, ihren Plot vom Kurzfilm «Try a Little Tenderness» des Regisseurs Benjamin Teske geklaut und am Ende «ihres» Werks den Text des Lieds «Fuck You» der Band Archive übernommen hatte – alles ohne Quellenangabe. Ach ja: Der Titel des Buchs kommt von einem Axolotl, den die Protagonistin immer mit sich herumträgt: das Tierchen, das nie erwachsen werden will.

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