Nr. 29/2013 vom 18.07.2013

Die Symbiose des Meisters mit seinen schreibenden Fans

Wie beim Deuten von Rorschachtests: Verschiedene profilierte RockkritikerInnen äussern sich in neuen Büchern über Bob Dylan. Mit einigen davon ist Dylan selbst faszinierende Allianzen eingegangen.

Von Martin Schäfer

«Basement Blues», das Buch von Greil Marcus über die legendären «Basement Tapes», hat der Meister aus Minnesota 1997 mit dem Satz «Greil Marcus has done it again» kommentiert. Demnächst erscheinen Marcus’ gesammelte «Schriften» über Bob Dylan auf Deutsch – eine gute Gelegenheit, um zu fragen: Muss man(n) Dylan wirklich interpretieren?

Keine Frage ist das für Knut Wenzel, Professor der (katholischen) Theologie an der Universität Frankfurt am Main: Sein neuer Sammelband «Code of the Road» heisst im Untertitel schlicht «Dylan interpretiert». Da versuchen sich nicht weniger als sechzehn AkademikerInnen und AutorInnen aus verschiedensten Disziplinen an diversen Klassikern, aber auch an neueren Stücken aus Dylans 600-Song-Repertoire. Was dabei herauskommt, ist oft spannend, mitunter ärgerlich – aber wie viel davon ist überhaupt nötig?

Nehmen wir den Beitrag über ein vielschichtiges Lied wie «Isis» (aus dem Album «Desire» von 1976): Der Text beginnt mit einem Datum («I married Isis on the fifth day of May»), und dazu bemerkt Paul-Henri Campbell, übrigens auch ein Theologe, es sei «vielleicht keine gute Idee», dass «alle Dylan-Experten (…) unisono und unverändert» dieses Datum mit dem mexikanischen Nationalfeiertag Cinco de Mayo in Verbindung brächten. Aber dann tut Campbell genau das, stellt gar den Cinco de Mayo waghalsig in den Kontext der afroamerikanischen Bürgerrechtsbewegung – und schon hat er eine neue Interpretationslinie, die ihm anscheinend viel Freude macht, aber kaum dazu beiträgt, Dylans Spiel mit dem ägyptischen Isis-Mythos zu erhellen.

Allzu eindeutige Interpretationen

Natürlich funktionieren viele Dylan-Songs, wie jedes gute Gedicht, auch als Rorschachtest, und insofern ist jede persönliche Deutung legitim – aber wollen wir sie auch lesen? Bei allem Respekt, zum Beispiel vor dem Germanisten Heinrich Detering, dessen kleiner Reclam-Band zu Bob Dylan immer noch das Beste ist, was auf Deutsch über Dylan publiziert wurde: Aber die Lesart von «Soon After Midnight» als Mörderballade und «Monolog eines sentimentalen Triebtäters», die er jetzt erstmals in «Code of the Road» zur Diskussion stellt, läuft doch Gefahr, aus dem bewusst Vieldeutigen etwas allzu Eindeutiges herauszudestillieren. Da ist es umgekehrt sehr viel ergiebiger, wenn sich zeigen lässt – wie es Detering bei «Working Man’s Blues # 2» gelingt –, wie viel Dylan zum Beispiel in den letzten Jahren beim römischen Dichter Ovid ausgeliehen hat.

Das sind die hilfreichen Querverweise, für die wir Dylans besten Interpreten immer wieder dankbar sind – vom am 27. März verstorbenen Paul Williams (siehe WOZ Nr. 16/13) über Greil Marcus bis zum Historiker Sean Wilentz, dessen exzellentes «Bob Dylan in America» letzten Herbst (ebenfalls bei Reclam) auf Deutsch erschienen ist. Gerade mit diesen drei Namen verbindet sich aber auch die faszinierende Geschichte von Dylans Interaktion, um nicht zu sagen Symbiose mit seinen schreibenden Fans – und dieses Wort ist keineswegs abwertend gemeint.

Strategische Allianzen

«I am not a Dylan person», hat zwar Marcus einmal gegenüber dem Kritiker Alex Ross behauptet, aber das war Koketterie: Schliesslich begleitet er sein Idol, wenn auch oft unter Protest, seit bald fünfzig Jahren – und das 700-seitige «Greil Marcus über Bob Dylan» ist nach «Basement Blues» und der Songbiografie «Like a Rolling Stone» immerhin schon sein drittes grosses Dylan-Buch. «Not a Dylan person?» Für diesen Satz müsste Marcus fast so berühmt sein wie für «What is this shit?», die Anfangszeile seiner polemischen Rezension von Dylans bis heute umstrittenstem Album «Self Portrait» von 1970.

Der Tiefpunkt ihrer Beziehung kam mit Dylans Gospelphase – aber spätestens seit 1997 sind die beiden fast eine Art strategische Allianz eingegangen: Marcus lobte «Time Out of Mind», Dylan lobte «Basement Blues» – und übernahm 2005 in seinen Memoiren sogar ein paar von Marcus’ zentralen Kritikpunkten. «Self Portrait»? Nur ein zynischer Versuch, die Verehrung der Fans abzuschütteln! Dylan in den achtziger Jahren? Eine düstere Phase von A bis Z! Nur gilt auch hier der Satz von D. H. Lawrence, den Dylan-Enzyklopädist Michael Gray einst zu Recht als Motto für sein Opus «Song and Dance Man» wählte: «Never trust the artist, trust the tale!»

Ob «Self Portrait» wirklich so schlecht war, sei dahingestellt (als nächste Ausgabe der «Bootleg Series» ist eine Sammlung mit Outtakes aus ebendiesen Sessions geplant); aber hat je ein Künstler von Dylans Ehrgeiz absichtlich einen Misserfolg provoziert? Und waren die Eighties nachträglich betrachtet nicht auch voller versteckter Perlen – von «Blind Willie McTell» bis «Brownsville Girl»?

Revidierte Interpretationslinien

Das ist ein Kapitel, das ganz gegen Marcus (und Dylan) vielleicht einmal völlig neu geschrieben werden müsste. Dazu aber eben auch die Geschichte von Dylans mitunter schlauem geheimem Einvernehmen mit seinen Kritikern. Schon sein journalistischer Entdecker Robert Shelton von der «New York Times» wurde zum lebenslangen Fan (und Biografen); und seit dem Bündnis mit Marcus ist noch eine weitere Verbindung wichtig geworden: die mit Sean Wilentz, Professor in Princeton, Spezialist für die US-Präsidenten des 19. Jahrhunderts, aber auch inoffizieller «Hofhistoriker» von Dylans Website.

Dessen «Bob Dylan und Amerika» ist, bei Licht besehen, ein bedeutend besseres Buch als Marcus’ Schriften. Besonders was Dylans Verbindung zur Beat Generation um Allen Ginsberg angeht, ist es äusserst ergiebig. Nur an einem Punkt geht Wilentz zu wenig in die Tiefe: Beim Medienskandal um den «John Birch Society Blues» von 1963 hätten wir von einem Geschichtsprofessor und lebenslangen New Yorker etwas mehr Recherche erwartet – da sind jedenfalls noch einige Fragen offen. Trotzdem: Wer nach Dylans Platz in der US-amerikanischen Geschichte fragt, erfährt von Wilentz mehr und Solideres als von Marcus.

Das Dylan-Robillard-Drama

Wo ist der Gitarrist hin?

Ein preisgekrönter Bluesgitarrist ist seit April mit Bob Dylans Band auf Tournee – und verschwindet nach einem mysteriösen Facebookeintrag im Juli von einem Tag auf den andern aus der Band. Das ist die Geschichte von Duke Robillard, der Ende der sechziger Jahre zusammen mit dem Pianisten Al Copley die Band A Roomful of Blues gründete und mit mehreren Blues Music Awards ausgezeichnet wurde.
Bob Dylan And His Band waren mit dem AmericanaramA-Festival unterwegs, begleitet von angesagten Indiebands und Gästen aus dem Americana-Umfeld wie Wilco und My Morning Jacket. Die Dylan-Robillard-Kombination wurde als einer der Höhepunkte des US-Konzertsommers angepriesen. Für den Herbst war sie denn auch bereits für Europa angekündet, unter anderem am 28. Oktober für die Arena in Genf. Zwischen Nashville und Memphis wurde Robillard von Dylan unversehens entlassen – «The Never Ending Tour» endete für ihn abrupt. Inzwischen ist Robillard wieder mit seiner eigenen Band unterwegs, und sein neustes Album «Independently Blue» ist in den Charts zu finden.
Bei Dylan wird nun vermutlich wieder der altbewährte Charlie Sexton dabei sein – was ist da passiert? Martin Schäfer spekuliert im «Blues Special» auf Radio SRF3 über die Hintergründe einer kuriosen Affäre, die Moderation besorgt Dominic Dillier.
Blues Special am Montag, 22. Juli 2013 von 21 bis 22 Uhr auf SRF3.

Fredi Bosshard

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Unterstützen Sie die WOZ als Ganzes mit einer Flattr-Spende.

Spenden mit Flattr

Drücken Sie ihr Interesse am Text Die Symbiose des Meisters mit seinen schreibenden Fans aus und tätigen Sie eine spezifische Flattr-Spende.

Spenden mit Flattr