Nr. 07/2008 vom 14.02.2008

Dann ist Dylan doch noch da

In Todd Haynes' Film über Bob Dylan ist der Musiker abwesend, an seiner Stelle stehen sechs unterschiedliche SchauspielerInnen. Ein Konzept, das nicht vollkommen überzeugt.

Von Günter Amendt

Bob Dylan, den Mann mit den vielen Masken, in einer Filmbiografie von sechs SchauspielerInnen, darunter eine weisse Frau und ein schwarzer Junge, darstellen zu lassen, was für eine grossartige, elektrisierende Idee. Leider ist es bei der Idee geblieben. «I'm Not There» ist ein, von gewissen Momenten abgesehen, überambitionierter, oft konfuser und in mancher Sequenz unfreiwillig komischer Film.

Regisseur Todd Haynes hat sich für eine nicht lineare Erzählweise entschieden. Jean-Luc Godard ist sein Vorbild. Haynes montiert die den verschiedenen SchauspielerInnen zugeteilten Episoden in ständigem Wechsel vorwärts und rückwärts auf der Zeitsachse, mal in Farbe, mal in Schwarz-Weiss. Es treten auf, in der Reihenfolge ihres Erscheinens:

• Marcus Carl Franklin als Woody Guthrie. Seine Episode steht für die Jahre, in denen Dylan sich, folgt man seiner Selbststilisierung, als Hobo - als Wanderarbeiter - herumtrieb.

• Christian Bale als Jack Rollins. Ihm sind zwei Zeitabschnitte in Dylans Leben zugeteilt. Er spielt den Provinzbengel, der in New York City aufschlug, um dort seine, wie er in den «Chronicles» schreibt, «Lehrjahre» zu absolvieren. Und er spielt in der Rolle von Pastor John den fundamentalistischen Born-again-Prediger auf dem Höhepunkt seines religiösen Wahns.

• Ben Wishaw als Arthur. Er rezitiert in die Kamera poetisch rebellische Lebensweisheiten und repräsentiert dabei Bob Dylan und Arthur Rimbaud in einer Person.

• Cate Blanchett als Jude Quinn. Sie steht für den Erneuerer Dylan, der 1965 auf dem Folkfestival in Newport zur elektrischen Gitarre griff und damit in den Augen der Folkfans politischen Verrat beging.

• Der kürzlich an einem Medikamentencocktail verstorbene Heath Ledger als Robbie. Er spielt einen Schauspieler, der in dem Film «Grain of Sand» den Sänger Jack Rollins gespielt hatte. Er ist der Liebhaber von gleich zwei in Dylans Leben wichtigen Frauen. Und schliesslich:

• Richard Gere als Billy, der als einsamer Cowboy durch die Gegend zieht, auf der Suche nach etwas, das sich dem Zuschauer nur schwer erschliesst.

Der Name Bob Dylan taucht in diesem Line-up und im gesamten Film nicht ein einziges Mal auf: He is not there.

Schlussszene als Höhepunkt

«Bobby» Zimmerman, der sich erst später Bob Dylan nennen sollte, mit einem schwarzen Jungen zu besetzen, ist nicht nur eine grossartige Idee, sie entspricht auch voll Dylans eigener Denkweise. So überlegt er in den «Chronicles», ob Denzel Washington in einem biografischen Film über den Singer-Songwriter Woody Guthrie wohl dessen Rolle übernehmen könne. Und er kommt zu dem Schluss: «In meiner Dimension der Wirklichkeit ganz bestimmt.»

Marcus Carl Franklin ist die Entdeckung des Films. Ihm gelingt eine naiv unbefangene Darstellung des Sängers in seinen frühen Jahren, der nur eines im Sinn hat: nach oben zu kommen. Auch Franklins jungenhafter Gesang kann sich hören lassen. Die Szene, in der er, irgendwo in den Südstaaten auf einer Veranda sitzend, gemeinsam mit Richie Havens den «Tombstone Blues» singt und spielt, ist musikalisch wie szenisch einer der raren Höhepunkte des Films. Um bei der Musik zu bleiben: Einen tiefen, lange nachklingenden Eindruck hinterlässt auch das Lamento, das Jim James - begleitet von der Gruppe Calexico - mit «Goin' to Acapulco» anstimmt.

Überraschenderweise ist Dylan im Originalton öfter zu hören, als zu erwarten war. Denn schon vor der Filmpremiere hatte Sony den Soundtrack zum Film mit insgesamt 33 Coverversionen herausgebracht, darunter einige, die als eigenständige Interpretationen dem Original mehr als gerecht werden. Das in den USA, aber auch in Europa erfolgreiche Soundtrackalbum schliesst ab mit dem bereits 1967 im Basement eines Hauses in Woodstock aufgenommenen «I'm not there» - dem Titelsong. Der Film hat seine Momente immer dann, wenn die Musik einsetzt. Höhepunkt ist die Schlussszene, in der Dylan dann doch da ist und eines seiner dämonischen Mundharmonikasoli spielt. Danach folgt der Abspann, unterlegt von «I'm not there» in der Version von Sonic Youth.

Wie filmtauglich Dylans Musik ist, weiss man schon von anderen Filmen. Das aber ist das Problem. Die Musik korrumpiert den Betrachter. Sie verwirrt seine Sinne und verdeckt die Schwäche der Bilder und den Dilettantismus der Inszenierung. In zwei der Parallelwelten, die Haynes inszeniert, werden diese Schwächen besonders deutlich.

Zwei Frauen in einer

So einleuchtend die Idee, Dylans multiple Persönlichkeit in sechs Rollen zu zerlegen, so irritierend der Einfall, Suze Rotolo, Dylans erste grosse Liebe, und Sara Lownds, Dylans erste Ehefrau, zu einer Person zu verschmelzen. Claire - so heisst das Kunstprodukt - wird gespielt von Charlotte Gainsbourg. Man fragt sich, welches Frauenbild Haynes zu diesem Kunstgriff verführt hat. Eine Frau ist eine Frau - just another woman? Ist es das, was er sagen will?

Es war Suze Rotolo, die dem jungen Musiker, als er in die grosse Stadt kam, die Augen öffnete für andere Kunstformen. Durch sie entdeckte er die Bildhauerei, die Malerei, das Theater. Und die Bürgerrechtsbewegung. Und es war Sara Lownds - «so easy to look at, so hard to define» - , die Mutter seiner Kinder Maria, Jesse, Anna, Samuel und Jacob, die ihn auf einen ganz anderen Trip brachte. Sie machte ihn zum «family man», als den er sich selbst in den «Chronicles» beschreibt. Diese beiden Frauen könnten unterschiedlicher nicht sein. Entsprechend unterschiedlich ist ihre Bedeutung im Leben Dylans. Eines haben sie allerdings gemeinsam. Beide haben Dylan verlassen. Die eine, weil sie sich nicht binden wollte, die andere, weil sie sich weigerte, ein Leben an der Seite eines Rockstars zu führen. Haynes' Inszenierung dieser konfliktreichen Beziehungen ist uninspiriert, bieder und voller Klischees. Alles Bilder, die man schon zigmal gesehen hat. Die Trennung von Sara und den Kindern inszeniert er als Schnulze im Vorabendformat.

Richard Gere im Mythenreich

Für welche Phase in Dylans Leben die Episode mit Richard Gere als Billy steht, ist und bleibt ein Rätsel. Billy reitet durch eine Landschaft, in der sich schräge Typen und entlaufene Zootiere tummeln. Er macht sich zum Sprecher eines von Spekulanten bedrohten Dorfes. In einem hölzernen Dialog legt er sich mit einem tyrannischen Grundbesitzer an, von dessen Entscheidungen das Schicksal der Dorfbewohner abhängt.

In welcher Zeit diese Szene spielt, ist schwer zu sagen. Die Dorfkulisse und die Kostümierung der Bewohner lassen auf das späte 19. Jahrhundert schliessen. Der Konflikt, um den es geht - der Bau einer Autostrasse - ist von heute. Will Haynes hier das «alte», von Greil Marcus das «unheimlich» genannte Amerika ins Bild setzen? Ein Mythenreich, das bevölkert ist von «Archetypen von metaphysischer Statur», von denen Dylan in den «Chronicles» schwärmt, «ungeschliffene Seelen, erfüllt von natürlicher Einsicht und innerer Weisheit»? Man kommt nicht dahinter.

Die Karaokeshow

Haynes' Film wäre wohl schon bald von der Bildfläche verschwunden, hätte er nicht Cate Blanchett als Jude Quinn einen grossen Auftritt verschafft, der ihr bereits diverse Preise und eine Oscar-Nominierung eingebracht hat. Blanchett spielt den hypernervösen, von Amphetaminen getriebenen und vom Starruhm gestressten Dylan der Jahre 1965 und 1966. Die optische, gestische und mimische Ähnlichkeit mit dem Original ist verblüffend. Die ganze Episode ist inszeniert als Remake von D. A. Pennebakers Dokumentarfilm «Don't Look Back» unter Einbeziehung von Murray Lerners Newport-Material, das in einer 80-Minuten-Fassung erst vor kurzem unter dem Titel «The Other Side Of The Mirror» veröffentlicht wurde. Auch Martin Scorseses «No Direction Home» wurde als Vorlage benutzt. Doch was soll das alles? Welchen Sinn hat es, eine bereits inszenierte Realität noch einmal zu inszenieren, wenn am Ende nicht mehr herauskommt als eine Verdoppelung ohne Erkenntnisgewinn und ohne ästhetischen Mehrwert?

Die in Schwarz-Weiss gehaltenen Szenen mit Cate Blanchett verlieren schnell ihren Reiz und kippen schon bald ins Komische. Auch die Auftritte des Allen-Ginsberg-Doubles und die Szene, in der sich das Albert-Grossman-Double und das Pete-Seeger-Double hinter der Bühne prügeln, sind einfach nur komisch. Reines Laientheater. Und je länger man Blanchett bei der Vorführung ihrer Kunstfertigkeit zuschaut, desto mehr beschleicht einen das Gefühl, in eine cinematografische Karaokeshow geraten zu sein. Es muss ein Film wie der von Todd Haynes gewesen sein, der Adorno zu dem Aphorismus veranlasste: Am Film stören mich nur die Bilder.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch