Nr. 35/2013 vom 29.08.2013

Kleine Finanzkrisen

Karin Hoffsten über Rechenschwächen und Menschenbilder.

Von Karin HoffstenMail an AutorIn

Es ist rund fünfzehn Jahre her. Ich trank bei den Pyramiden eine Flasche Wasser, als deren Verkäufer plötzlich mit einem Bündel ägyptischer Geldscheine wieder vor mir stand. Ich hatte zuvor weder realisiert, dass ihm das Wechselgeld gefehlt, noch bemerkt, dass er erfolglos versucht hatte, mir das zu erklären.

In diesem Sommer reiste ich in einer Gruppe durch die Ukraine. Wieder waren mir nicht nur Sprache und Schrift völlig fremd, sondern auch die Landeswährung namens Hrywnja, die ich auch nach zehn Tagen noch nicht korrekt aussprechen konnte und die mit UAH abgekürzt wird. Die ganze Gruppe hatte Euro- und UAH-Scheine im Portemonnaie, ein Euro entspricht rund zehn UAH. Gruppenaktivitäten konnten wir in beiden Währungen zahlen.

Als einmal Geld eingesammelt worden war, sagte die Reiseleiterin bedrückt, leider fehlten siebzig Euro. Je nach Naturell schwiegen wir oder verfielen in aufgeregte Beredsamkeit, bis X., ein selbstsicherer Mann im besten Alter, die Stimme erhob: «Chumm, gib emol das Couvert do ane – ich zale die sibezg Euro!» Als wir leidenschaftlich widersprachen, meinte er: «Das isch eso inere Gruppe – eine bschiisst immer!»

X. wurde überstimmt und das Couvert erneut herumgereicht, bis es bei Y. – jung, männlich, Architekt – ankam. Der versank kurz in tiefes Nachdenken und rief dann aus: «Ich bis gsii, ich ha luuter UAH inetaa und bim Wächsle au no hundert Euro usegnoo!» Er bat uns um Verzeihung, und alle waren erleichtert. Nur ich konnte den Mund nicht halten und riet X. zur Überprüfung seines Menschenbilds, worauf er mit «Sozialromantiker!» konterte.

Wieder in Zürich, wollte ich einen Freund mit ETH-Ausweis zum Essen einladen und zugleich von seinem Rabatt profitieren. Doch als mein Begleiter im Gedränge an der Mensakasse auf die Frage, ob auch ich ETH-Mitarbeiterin sei, «Nein!» sagte, ich hingegen «Ja!», entglitt mir die Situation. Scheine und Münzen wurden hektisch hin- und hergeschoben, die Schlange hinter uns wurde lang und länger, und auf dem Weg zum Tisch erwuchs mir die Gewissheit: Ich hatte zu wenig Wechselgeld bekommen.

Obwohl mir das die gerechte Strafe für meinen Schummelversuch zu sein schien, ging ich wieder zurück und erklärte: Für den Fall, dass sich bei der Abrechnung zehn Franken zu viel in der Kasse fänden, seien das mit Sicherheit meine! Zwei Tage später drückte mir eine strahlende Mensamitarbeiterin mit den Worten «Wir geben immer alles zurück!» zehn Franken in die Hand. Und auch mit X. bin ich längst wieder versöhnt.

Ich ziehe folgende Schlüsse: Ausser mir sind alle ehrlich. Wegen der Umrechnungsschwäche von TouristInnen empfiehlt sich nicht nur die Rettung, sondern auch eine Ausdehnung der Eurozone. Und: Echtes Bescheissen beginnt erst beim grossen Geld!

Karin Hoffsten lebt in Zürich, schreibt für die WOZ und macht regelmässig Theater.

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