Nr. 37/2013 vom 12.09.2013

Von der Muskelära ins nervöse Zeitalter

Arbeitsmediziner Klaus Stadtmüller weiss, wie Einsamkeit und Nachtarbeit der Gesundheit von VerkäuferInnen in Tankstellenshops schaden und wieso der verstorbene Swisscom-Chef eine Vision des neuzeitlichen Menschen darstellte.

Interview: Adrian Riklin

WOZ: Klaus Stadtmüller, was bringt einen dazu, sich tagein, tagaus mit krank machenden Aspekten der Arbeit zu beschäftigen?
Klaus Stadtmüller: Das hat mit meiner Herkunft zu tun: Mein Vater war Maurer und hat mich von klein auf auf Baustellen mitgenommen. Und meine Mutter hatte in jungen Jahren als Waldarbeiterin und später als Reinigungs- und Pflegehilfe in einem Altersheim gearbeitet. Mir war schon früh bewusst, was Menschen leisten, die körperlich arbeiten. Gleichzeitig interessierten mich immer auch die sozialen Aspekte der Medizin.

Nun aber ist Arbeitsmedizin gewiss nicht ein Vorzeigefach der medizinischen Fakultäten.
In den achtziger Jahren, als ich studierte, war sie in Deutschland immerhin schon Pflichtfach. In der Schweiz war das erst später der Fall. Seit einigen Jahren wird die akademische Seite der Arbeitsmedizin wieder zurückgefahren – weil es im Gegensatz zur klinischen Forschung wenig Geld dafür zu holen gibt. In der Schweiz gibt es gerade einmal einen Lehrstuhl in Lausanne und in Zürich im Institut für Präventivmedizin immerhin eine Oberarztstelle, ohne eigene Forschungsgelder allerdings. Insgesamt verliert die akademisch orientierte Arbeitsmedizin in ganz Europa an Stellenwert. Dabei wäre sie in meinen Augen, gerade auch in neoliberal geprägten Verhältnissen, eine öffentliche Aufgabe.

Eine arbeitsmedizinische Untersuchung wert wären sicher auch die gesundheitlichen Bedingungen in Tankstellenshops.
Zunächst einmal: Ich gönne es jedem Studenten, wenn er sich durch ein paar Nächte in einem Tankstellenshop sein Taschengeld aufbessern kann. Darum geht es nicht. Es geht um die generelle Tendenz zur Ausweitung der Nachtarbeit. Ich erkenne an, dass jederzeit einkaufen zu können, weil man tagsüber gerade anderes zu tun hat, bei einigen Menschen ein Bedürfnis sein mag. Ich frage mich aber: Ist dieses Bedürfnis nicht erst dadurch da, weil immer propagiert wird: «Ihr habt das Recht, euch steht das zu»? Man muss das den Belastungen gegenüberstellen, die die Leute auf der anderen Seite haben, die in einer 24-Stunden-Gesellschaft zu dieser Arbeit gezwungen sind. Die Kernbotschaft von uns Arbeitsmedizinern ist: In der Abwägung dieser beiden Dinge ist uns die Gesundheit der Angestellten wichtiger.

Ein Wertentscheid also?
Ja, weil uns die Belastung für die Angestellten einfach zu gross ist. Ich spreche jetzt auch als Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Arbeitsmedizin. Das heisst nicht, dass wir Nachtarbeit an sich verteufeln. Ich selber habe als Assistenzarzt viele Nächte durchgearbeitet. Es gibt nun mal auch gesellschaftsnotwendige Nachtarbeit. Ich kann nicht ein Atomkraftwerk abends um acht abstellen und am Morgen wieder einschalten. Fakt aber ist: Langjährige Nachtarbeit ist gesundheitsschädigend.

Was sind die häufigsten Symptome?
Im Vordergrund stehen Schlafstörungen. Im weiteren: Magen-Darm-Beschwerden, Herzkreislauferkrankungen, psychovegetative Beschwerden wie Nervosität und Unruhe sowie psychische Störungen. In neuster Zeit ist auch von bestimmten Krebserkrankungen die Rede, die durch den gestörten Tag-Nacht-Rhythmus hervorgerufen werden, was wissenschaftlich aber noch weiter untersucht werden muss. Erschwerend hinzu kommen längere Pendlerwege, eine zunehmende Arbeitsdichte, Zeit- und Effizienzdruck. Oder auch das Problem der mangelnden Anforderung: zum Beispiel, wenn jemand eine reine Überwachungstätigkeit ausübt. Es gibt aber auch das Phänomen der Einsamkeit – gerade auch bei Tankstellenshopverkäuferinnen.

Es ist also erlaubt, jemanden ganz allein in der Nacht in einem Tankstellenshop arbeiten zu lassen?
Es gibt Vorschriften für Alleinarbeit. Demnach muss zumindest die Möglichkeit einer Alarmierung bestehen. Auch ist gesetzlich vorgeschrieben, dass für Frauen, die die Nachtarbeit beenden, bevor die öffentlichen Verkehrsmittel fahren, der Betrieb ein Taxi bestellen muss.

Auch viele sogenannte Freischaffende arbeiten heute vermeintlich selbstbestimmt in prekären Umständen. Gibt es dazu arbeitsmedizinische Untersuchungen?
Das sind Gruppen, die für die Arbeitsmedizin nur schwer zugänglich sind, weil sie als Selbstständige kaum organisiert und über die Unfallversicherung nicht erfasst sind. Freischaffende in der Kreativwirtschaft zum Beispiel wären arbeitsmedizinisch auf jeden Fall sehr interessant. Dasselbe gilt für Berufe im sozialen Bereich. Auch dieser Bereich ist arbeitsmedizinisch unterbelichtet.

Und die Pflege?
Dazu gibt es recht viele arbeitsmedizinische Arbeiten. Bei allen technischen Fortschritten ist die körperliche und psychische Belastung nach wie vor sehr gross. Nicht zu vergessen die stofflichen Belastungen durch Arznei- und Desinfektionsmittel. Und natürlich wirken sich auch der Kostendruck und der damit verbundene Personalmangel auf die Gesundheit der Angestellten aus. Das betrifft auch die Zunahme der administrativen Tätigkeiten, die zuweilen so weit geht, dass eine Pflegerin gar nicht mehr dazu kommt, das zu tun, was sie eigentlich gelernt hat.

Kann man da arbeitsmedizinisch eingreifen?
Eigentlich müssten da die Finanzen der treibende Faktor sein. Für administrative Tätigkeiten brauche ich keine pflegerischen Spezialistinnen. Auch hier: Die Arbeit selbst, die wirkliche Arbeit, wird dadurch entwertet. Dabei nimmt diese ja nicht etwa ab, die müssen wir ja trotzdem tun. Das Administrative kommt einfach noch obendrauf. Und der Patient wird dadurch noch mehr zum Fall, zur Nummer.

Ein Teufelskreis?
Die Frage ist: Ab welchem Punkt besteht der Zweck nicht mehr in der Verbesserung der Pflege, sondern nur noch darin, alles möglichst gut dokumentieren zu müssen, um vielleicht später auch einmal Rechtsansprüche abwehren zu können? Effizienz an sich ist ja nicht schlecht – solange sie Mittel zum guten Zweck ist. Allein das Ziel, Kosten zu sparen, kann kein Unternehmenszweck sein, hat mal ein Wirtschaftsmanager gesagt.

In letzter Zeit hört man zunehmend von «berufsassoziierten Gesundheitsstörungen». Was ist darunter zu verstehen?
Der Begriff Berufskrankheit ist ja ziemlich genau definiert im Unfallversicherungsgesetz: Krankheiten, die durch Schadstoffe, Tätigkeiten oder Einwirkungen hervorgerufen werden, bei denen wissenschaftlich nachgewiesen werden konnte, dass der Einfluss am Arbeitsplatz die überwiegende Rolle spielt. Der Begriff der berufsassoziierten Erkrankungen hingegen bezeichnet Befindlichkeitsstörungen, die verschiedene Ursachen haben – unter anderen auch die Arbeit: Rückenschmerzen, Bandscheibenerkrankungen oder auch Kopfschmerzen. Wobei es sich dabei nicht unbedingt um spezielle neue Symptome handelt. Vielmehr misst man diesen jetzt mehr Bedeutung zu, nachdem man die klassischen Berufskrankheiten einigermassen in den Griff bekommen hat.

Und psychische Störungen?
Am Beispiel der psychischen Störungen lässt sich der versicherungstechnische Grundkonflikt bei berufsassoziierten Gesundheitsstörungen aufzeigen: Auf der einen Seite wissen wir, dass die Arbeit in den letzten zwanzig Jahren mehr psychische Belastung hervorgerufen hat. Auf der anderen Seite sind diese Störungen nicht als Berufskrankheiten zu entschädigen, weil sie nicht eindeutig auf eine berufliche Tätigkeit zurückzuführen sind. Es handelt sich auch um Symptome einer zunehmend postindustriellen Gesellschaft. Schon in den neunziger Jahren, als ich mich in Arbeitsmedizin weiterbildete, stellte ein Versicherungsdoktor seine Vorlesungen unter den Titel «Vom Muskel- zum Nervenzeitalter». Das ist natürlich plakativ. Aber es trifft etwas Grundsätzliches: Die industrielle Basis in Europa ist inzwischen noch schmaler geworden, der tertiäre Sektor ist explodiert.

Im Nervenzeitalter herrscht naturgemäss eine nervöse Grundstimmung. Wie steht es dabei um die Menschen, die noch immer schwere körperliche Arbeit leisten müssen?
Was in diesen Bereichen belastend hinzugekommen ist: Es muss alles immer noch schneller gehen. Heute kommen vorfabrizierte Bauteile auf die Baustelle, die möglichst schnell eingebaut werden müssen. Deshalb sind fast nur noch Hilfsarbeiter auf Baustellen beschäftigt. Verdichtung, Entwertung des handwerklichen Know-hows und die Zunahme der Kommunikation als Produktionsmittel: Das sind entscheidende Punkte.

Es gibt also noch immer körperliche Arbeiten, von denen man sagen muss: Allzu viele Jahre lässt sich das nicht schadlos überstehen.
Wobei der technische Fortschritt auch hier viel geholfen hat. Es gibt ja heute sogar Mauersteinversetzgeräte. Auch was zum Beispiel die Arbeit am Pressluftbohrer betrifft, kann man heute sagen: Wenn moderne Maschinen benutzt werden und die notwendige vibrationshemmende Sicherheitsausrüstung getragen wird, sind solche Tätigkeiten arbeitsmedizinisch tolerabel. Auch tragen die Leute heute einen guten Gehörschutz. Das alles wird ständig verbessert. Die Suva macht dazu genaue Vorschriften. In Fällen, in denen der Betrieb nicht in der Lage ist, die neusten technischen Massnahmen zu ergreifen, gibt es noch die persönliche Schutzausrüstung. Das ist der Stand der Technik, und den hat der Betrieb zu gewährleisten.

Das heisst also, mit diesen Vorkehrungen sind solche Arbeiten verantwortbar?
Zumindest sind sie deutlich weniger gesundheitsgefährdend als vor dreissig Jahren. Die Zahl der vibrationsbedingten Berufserkrankungen hat abgenommen. Die der Lärmschwerhörigkeit ist leider immer noch sehr hoch, tendenziell aber am Abnehmen. Die Umsetzung in allen Betrieben ist ein anderes Thema. Natürlich gibt es immer noch schlechte Arbeitgeber. Es gibt aber auch Angestellte, die sich nicht wehren, die sagen: Wenn meine Hände rau werden und sich Ekzeme bilden, dann gehört das einfach dazu. Diese Haltung ist gerade auch in der Schweiz in ländlichen Gebieten und in Kleinbetrieben verbreitet.

Inzwischen aber arbeiten zwei Drittel der Bevölkerung vorwiegend vor dem Bildschirm. Mit welchen Auswirkungen?
Was sich grundsätzlich verändert, ist die physische Gesamtbelastung. Wenn man immer am Bildschirm arbeitet, ist man stark fixiert. Man bewegt den Kopf nicht mehr so. Da gibt es Beschwerden wie Kopfschmerzen, Augenbrennen, Verspannungen. Die Arbeitsmediziner haben deshalb schon immer gesagt: Leute, macht jede Stunde mal fünf Minuten Pause, steht mal auf, wechselt die Positionen! In dieser Hinsicht hat man mit ergonomisch verstellbaren Arbeitsplätzen grosse Fortschritte erzielt. Das Hauptproblem ist die Bewegungsarmut.

Viele Gesundheitsstörungen sind also in einem gesamtgesellschaftlichen Kontext zu sehen, der weit über die eigentliche Arbeit hinausgeht?
Ja, gerade der Freizeitstress kann zur Belastung werden. Handkehrum hat die Arbeit viele positive Auswirkungen. Karl Marx hat eine wunderschöne Anthropologie darauf aufgebaut: Der Mensch verwirklicht sich in der Produktion. Das ist die eigentliche menschliche Daseinsweise. Nun aber haben wir unsere Gesellschaften so entwickelt, dass der überwiegende Teil dieser Tätigkeiten in Form von Erwerbstätigkeit in Arbeitsverhältnissen umgesetzt wird. Für das Selbstbild des Menschen ist die Arbeit enorm wichtig. Für einen Fliessbandarbeiter sieht das natürlich ganz anders aus als für jemanden, der eigenständig etwas machen kann. Arbeit hat also mehrere Zwecke: materielles Überleben, im Idealfall eine sinnvolle Tätigkeit, Kontakt zu anderen Menschen. Insofern ist Arbeit für ein gesundes Leben enorm wichtig.

Eine weitere Gruppe, die in letzter Zeit vermehrt in den Schlagzeilen ist, ist jene der Manager. Was sagt der Arbeitsmediziner nach den beiden jüngsten Selbstmorden zu diesem Berufsfeld?
Manager sind heute die Gehetzten. Manager von Firmen, die an der Börse kotiert sind, stehen unter medialer Dauerbeobachtung, müssen vierteljährlich ihre Zahlen präsentieren und innert kürzester Zeit Entscheidungen fällen, ohne ausreichend informiert zu sein. Der Rechtfertigungsdruck ist enorm gewachsen. Ob das viele Geld, das einige bekommen, diese Belastungen kompensieren kann, bezweifle ich. Geld kann nie Sinn produzieren – auch nicht Gesundheit. So gesehen wären Manager arbeitsmedizinisch hochinteressant. In Heidelberg gibt es eine Institution, die Manager-Check-ups macht. Die private Spitalgruppe Hirslanden in der Schweiz macht das zum Teil auch. Aber für wissenschaftlich relevante Erkenntnisse sind diese Untersuchungen zu jung; auch werden die Daten nicht gern rausgegeben.

Das also verbindet die Tankstellenshopverkäuferin mit dem Manager: das ständige Präsentseinmüssen, die Aufhebung von Tag und Nacht?
Carsten Schloter, der Swisscom-Chef, der sich im Juli das Leben nahm, hatte das geradezu kultiviert. Am Schluss hatte er gar kein Büro mehr, sondern hing quasi überall und nirgends an seinem Laptop und seinem Smartphone. Vielleicht ist das die ultimative Vision des neuzeitlichen Menschen.

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