Nr. 44/2013 vom 31.10.2013

«Das Kraut da nützt doch nichts»

Wo steht die chinesische Umweltbewegung? Wie informiert sie die Bevölkerung? Einen Eindruck davon bekommt, wer sich auf eine «ökologische Reise» in ein Landschaftsschutzgebiet begibt.

Von Wolf Kantelhardt (Text und Foto), Panjin

Im «AAAA-Roter-Strand-Landschaftsgebiet» in der Nähe der nordostchinesischen Stadt Panjin: Das rote Kraut wurde früher in den Nudelteig gemischt, heute schützt es vor dem Klimawandel.

Weil vor dem Zhengda-Hotel in der nordostchinesischen Stadt Panjin eine weisse Lincoln-Town-Stretchlimousine steht, hat die Reiseleiterin gleich einen guten Einstieg und erzählt der Beijinger Reisegruppe von den lokalen Hochzeitsbräuchen. «Ehemalige Mitschüler geben 200 Yuan, wenn man näher bekannt ist 600, bei Beziehungen zum gegenseitigen Nutzen 1000», zählt sie die Geschenke auf, «aber bei uns gibt es das Geld nicht in einem roten Briefumschlag, sondern in bar, das wird dann in eine Liste eingetragen …»

Überhaupt hat die Reiseleiterin eine Menge Preise im Kopf. Der Preis für die lokale Spezialität Flusskrebse differiert, wie sie fachkundig erläutert, nicht nur wegen der unterschiedlichen Grösse der Krebse. Er hängt auch davon ab, woher die Krebse kommen (die von ausserhalb sind nicht ganz so dunkelgrün), sowie vom Geschlecht (weibliche sind teurer). Und auf der Fahrt durch die endlosen fertiggestellten oder noch im Bau befindlichen Immobilienprojekte der Panjiner Vororte erzählt sie uns ausserdem, dass es in Panjin zwei Arten von Wohnungen gibt. Bei den einen, erläutert sie, «kostet ein Quadratmeter 7000 Yuan», umgerechnet 1025 Franken, «bei den anderen 4000». Die teuren Wohnungen würden von der staatlichen Ölgesellschaft gebaut, und wer die kaufe, «bekommt, wie die Angestellten, Nebenkosten wie Fernwärme, Stromkosten und Wassergebühren erstattet». Deshalb seien sie teurer.

Wang Yongchen platzt der Kragen

Die Stadt Panjin wächst immer weiter in das flache Schwemmland des Liao-Flusses hinein, der hier ins Bohai-Meer mündet. Landesweit bekannt wurde die Stadt im September 2012. Damals übergoss sich ein Demonstrant aus Protest gegen die Enteignung seines Landes mit Benzin, drohte sich anzuzünden – und wurde daraufhin vom Vizepolizeichef der Stadt erschossen. Das aber erzählt die Reiseleiterin natürlich nicht. Auch darüber, dass die Landbevölkerung neuen Fabriken, Wohntürmen und Einkaufszentren weichen muss und es deswegen immer wieder zu Aufruhr kommt, verliert sie kein Wort. Lieber redet sie davon, dass sich «achtzig Prozent der jungen Leute eine neue Wohnung kaufen» und dass «unsere Eltern gerade ihre Lebensersparnisse drangeben, damit sich mein jüngerer Bruder etwas kaufen kann, weil der sonst keine Frau kriegt».

Über das Ziel unserer Fahrt, das «AAAA-Roter-Strand-Landschaftsgebiet» dreissig Kilometer ausserhalb der 1,3-Millionen-Stadt, sagt die Reiseleiterin nur, dass man das rote, den Strand wie ein Teppich überziehende salzwasserresistente Kraut in der Zeit der Kulturrevolution in den Nudelteig gemischt und gegessen habe. Aber jetzt sei es «zu nichts mehr nütze».

Da allerdings platzt Wang Yongchen, der Organisatorin der Reise, der Kragen. Die 59-jährige Gründerin der Beijinger Umweltorganisation Green Earth Volunteers findet so eine Aussage einfach unmöglich. Es gebe auch andere Werte als nur den wirtschaftlichen Nutzen, fällt sie der Reiseleiterin ins Wort. «Das Wattgebiet ist ein Schutz gegen den Klimawandel! Es erhält die Artenvielfalt! Es bietet Schutz vor Tsunamis! Es ermöglicht die Tourismusentwicklung!» Sich selbst ein bisschen widersprechend fährt sie dann fort, Wirtschaftswissenschaftler hätten ausgerechnet, dass in Krebsteiche umgewandeltes Wattgebiet nur noch ein Zehntel seines vorherigen Werts habe.

Reiseleiterin von der Ölindustrie

Die Reiseleiterin gelobt, so etwas nie wieder zu sagen. Kurz darauf ist das Ziel der Fahrt erreicht, und sie verschwindet, um für unsere Gruppe von Umweltinteressierten Tickets zu kaufen. Das dauert eine ganze Weile. So bleibt ausreichend Zeit, das Angebot des Flusskrebsstands auf der gegenüberliegenden Strassenseite in Augenschein zu nehmen und die grosse Schautafel über die «Feuchtgebiet-Rehabilitation» zu lesen, die hier stattfinden soll. Schaut man auf das umgegrabene Land hinter der Tafel, hat man allerdings eher den Eindruck, bei der Feuchtgebietsanierung entstehe in erster Linie ein Park für ein gewaltiges Immobilienprojekt, eine Art öffentlich finanzierter Zusatznutzen für potenzielle InvestorInnen.

Die Reiseleiterin kehrt mit den Tickets zurück. Darüber, dass der Transport durch das Landschaftsgebiet in Dieselbussen statt in offenen Elektrowagen stattfindet, ist Umweltschützerin Wang etwas unglücklich. Zum richtigen Eklat kommt es aber beim Mittagessen. Nicht wegen falsch bepreister Flusskrebse, sondern es waren zwei Tische für je dreizehn Personen bestellt worden. Unter den verschiedenen Gerichten ist jedoch auch ein Teller mit gebratenen Fischen, und auf dem liegen nur zehn. Sofort gerät die Reiseleiterin in Verdacht, Essen für drei Personen unterschlagen zu haben. Einer der TeilnehmerInnen schreit die Reiseleiterin an, bis sich dann herausstellt, dass das hier eben so Brauch ist.

Sehr geärgert hat sich die Reiseleiterin aber nicht. Sie reiseleitert sowieso nur zum Nebenverdienst. Ihre Schwiegermutter hatte ihr mit ihren Lebensersparnissen vor Jahren eine Wohnung gekauft, die inzwischen fünfmal so viel wert ist. Deswegen hat sie nicht nur eine prima Beziehung zu ihrer Schwiegermutter, sondern konnte sich dieses Jahr auch endlich einen Tiefgaragenplatz für 100 000 Yuan kaufen.

Weil ihr Vater in der Ölindustrie arbeitet, konnte sie nach ihrem Abschluss (als Tourismusmanagerin) eine Art Prüfung in Englisch und Mathematik ablegen und bekam eine Stelle als Prospektorin. «Das Gehalt ist nicht hoch, 2700 Yuan im Monat», sagt sie, «aber ich muss nur vier Monate im Jahr arbeiten» – im Winter nämlich, wenn die Felder abgeerntet sind und die BäuerInnen keine Entschädigungen geltend machen können, «wenn wir über ihre Felder trampeln». Falls Öl gefunden und gefördert wird, bekomme der Bauer natürlich schon ein paar Hundert Yuan für die Ernteausfälle während der vertraglichen Nutzungsdauer seines Landstücks. Also so wenig, dass es nicht einmal zur Teilnahme an der Hochzeit eines Freundes im Zhengda-Hotel reichen würde.

Keine Maden mehr für Japan

Immerhin ist jetzt klar, warum die Reiseleiterin so oft die staatliche Ölindustrie verteidigt. Seit 1969 wird hier im Liao-Delta, das teilweise unter Naturschutz steht, gefördert. Mit derzeit zwölf Millionen Tonnen jährlich ist das Gebiet Chinas drittgrösstes Ölfeld. Die Pumpen, sagt die Reiseleiterin, seien schon da gewesen, als der «Mondsichel-Bucht-Feuchtgebiet-Park» 1985 zum Naturschutzgebiet erklärt wurde.

Und klar wird auch, dass die Reiseleiterin wenig über Panjin weiss. Von Chinas ältester Umweltorganisation, dem 1991 gegründeten Verein zum Schutz der Schwarzschnabelmöwe in Panjin-Stadt, hat sie zum Beispiel noch nie gehört. Deswegen kennt sie natürlich auch dessen Erfolgsgeschichte nicht und kann nicht erzählen, wie aus den ursprünglich nur 1200 Möwen – damals über die Hälfte des weltweiten Bestands – inzwischen über 8000 wurden. Und dass sogar ein eigenes Schutzgebiet entstand, in dem eine bestimmte Sorte Made, das Hauptnahrungsmittel der Schwarzschnabelmöwen, nicht mehr ausgegraben und als Angelköder nach Japan verkauft werden darf.

Schwarzschnabelmöwen waren trotzdem keine zu sehen. Genauso wenig wie die berühmten rotköpfigen Mandschurenkraniche – bis auf die drei, die im «Schilfmeer-Kranich-Beobachtungs-Landschaftsgebiet» in Käfigen gehalten werden. Überhaupt gab es während der gesamten von Green Earth Volunteers als «ökologisch» beworbenen Reise keine einzige der im angeblich grössten Feuchtgebiet der Welt lebenden 250 verschiedenen Meeresvogelsorten zu sehen. Nur Elstern und Spatzen. Was aber vielleicht auch ein bisschen an dem voll gepackten Reiseplan lag. Sechs verschiedene Landschaftsschutzgebiete in drei Tagen, das ist ein ganz schönes Tempo.

Auf der Rückfahrt nach Beijing erzählt der Teilnehmer, der die Reiseleiterin so angeschrien hat, dass er «Berater» von fünfzehn nichtstaatlichen Organisationen (NGOs) sei. Und wie er Toyota geholfen habe, nach den antijapanischen Ausschreitungen während des Streits um die Senkaku-Inseln 2012, infolgedessen die Verkaufszahlen fast auf null gesunken waren, den Absatz für das «Highlander»-Modell sogar um zwanzig Prozent über das frühere Niveau zu bringen. Nicht uninteressant, merkwürdig allerdings, damit vor einer Gruppe von Umweltinteressierten zu prahlen. Und das mitten in einem Stau, der auch von riesigen Autotransportern herrührt, die die in Nordostchina produzierten Neuwagen (Audi in Changchun, BMW in Shenyang) quer durchs Land karren.

Wangs Green Earth Volunteers organisieren nicht nur «ökologische Ferienreisen». Seit über zehn Jahren veranstaltet die Initiative jeden Samstag Spaziergänge entlang ehemaliger Beijinger Flüsse, Staustufen oder Kanäle – um auf die Verschmutzung und Zerstörung aufmerksam zu machen. Und so erzählt Wang am Ende unserer Fahrt auch davon, dass der letzte noch natürlich fliessende Fluss Chinas – der Nu in der südwestchinesischen Provinz Yunnan – demnächst dreizehn Mal gestaut werden soll. Ein ähnliches «Entwicklungsvorhaben» gab es schon vor zehn Jahren, wurde aber nach Bedenken des Umweltministeriums und Protesten der NGOs aufgeschoben. «Vielleicht sollten wir es als Erfolg sehen», sagt Wang und blickt durch das Fenster auf einen besonders breiten Autotransporter, «dass wir den Bau der Dämme am Nu zehn Jahre verzögert haben.»

Vielleicht war es also doch kein Fehler, jetzt mit ihr nach Panjin zu reisen und die Landschaftsschutzgebiete zu besuchen. Und wenn es bloss deswegen war, weil der besonders gesundheitsgefährdende PM-2,5-Feinstaubgehalt in der Beijinger Luft während der Oktoberfeiertage bei über 400 Mikrogramm pro Kubikmeter lag (die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt einen Grenzwert von 25). Für die deutschen Automanager hat das freilich nichts mit ihren Luxuskarossen zu tun. Für sie liegt das «am verunreinigten chinesischen Benzin».

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