Nr. 49/2013 vom 05.12.2013

Geheimnisse der Schweizer Seele

Gibt es spezielle Schweizer Neurosen? Jedenfalls war das Land immer ein fruchtbarer Boden für die psychoanalytische Aufdeckung verborgener Konflikte. Vielleicht braucht es hierzulande eine Absolution für die Tätigkeit als Butler der Welt.

Von Stefan Howald

Gelegentlich, beim Flanieren, biegt man in Zürich in eine Strasse ein, im Seefeld etwa, oder hinter dem Schaffhauserplatz. Häuser vom Anfang des 20. Jahrhunderts säumen sie, vielleicht mit ein paar Bäumen, beschaulich, obwohl nicht gerade zutraulich, eine bestimmte Zurückhaltung bleibt, und an verschiedenen Türen glänzen beiläufig gediegene Schilder, und eine psychotherapeutische Praxis reiht sich an die andere, von der Gesprächstherapie bis zur Psychoanalyse. Für jede Enträtselung der Seele scheint Bedarf zu bestehen und mit allem ein Geschäft betrieben werden zu können.

Tatsächlich spielt die Schweiz in der Enthüllungsgeschichte der Psychotherapie eine nicht unbeträchtliche Rolle.

«dass ihm auch seine Irren * wert sind»

Einschliessen und Wegsperren hiess die Devise angesichts psychischer Störungen, als der Staat deren Bewirtschaftung Mitte des 19. Jahrhunderts zu zentralisieren begann. In der Schweiz zeugten in Stein gehauene psychiatrische Anstalten davon: die Berner Waldau (1852), Kreuzlingen (1857), Rheinau (1867), Königsfelden (1868), das Zürcher Burghölzli (1870). Zu dessen Aufrichte verfasste Gottfried Keller als Zürcher Staatsschreiber im Oktober 1866 ein Gedicht, schien allerdings nicht so ganz bei der Sache gewesen zu sein: «Um hoch zu halten Mass und Licht/ tat dieses Volk die edle Pflicht/ und baut’ dies Haus mit reicher Hand/ durch unsern Werkmut und Verstand». Das Burghölzli, mit neoklassizistischer Fassade, war damals einer der modernsten psychiatrischen Klinikbauten in Europa, der den Anschein erweckte, «als ob der aufstrebende eidgenössische Stand Zürich hätte dokumentieren wollen, dass ihm auch seine Irren etwas wert sind», wie Anton M. Fischer in seiner soeben erschienenen grossen «Kulturgeschichte der Psychotherapie in der Schweiz» schreibt. Bern hatte seine Beamten, Basel die altehrwürdige Universität und etliche Museen; Zürich akkumulierte zwar immer mehr Geld, aber in den Wissenschaften wurde mit Uni und ETH erst versucht, Terrain aufzuholen. Die Psychiatrie konnte sich gefühlsmässig zwischen Kultur und Wirtschaft ansiedeln, als freigeistige Seelenwissenschaft und zugleich funktionale Reparaturwerkstätte beschädigter Arbeitskraft.

Entsprechend war der wissenschaftliche Fortschritt ambivalent. Etwa bei Auguste Forel (1848–1931), ab 1879 Professor für Psychiatrie an der Uni Zürich und Direktor des Burghölzli. Er wirkte als Sozial- und Gesundheitsreformer, modernisierte die Psychiatrie, verstand sich als Sozialist – und vertrat zugleich eugenisch-rassistische Auffassungen. Die Geheimnisse der menschlichen Seele wurden auch von ihm noch ziemlich mechanisch verstanden. Das änderte sich mit Doktor Freud (1856–1939) aus Wien. An der Wiener Himmelsstrasse oberhalb von Grinzing gibt es eine Stele samt Inschrift: «Glaubst Du eigentlich, dass dereinst auf einer Marmortafel zu lesen sein wird: <Hier enthüllte sich am 24. Juli 1895 dem Dr. Sigmund Freud das Geheimnis des Traums?>» Das Zitat stammt aus einem Brief Freuds an seinen Berliner Freund und Kollegen Wilhelm Fliess, und die nur halbwegs selbstironisch gemeinte Frage von Freud hat mit der Installation aus dem Jahr 1977 eine halbwegs ironische Reverenz erhalten.

Freuds erstes Land

In der Schweiz allerdings war die Leistung Freuds früh erkannt worden. Eugen Bleuler (1857–1939), ab 1898 Nachfolger von Forel im Burghölzli und an der Universität, erster Diagnostiker der Schizophrenie, baute Freuds Erkenntnisse in seine Theorie und Therapie ein und öffnete diesem eine Nebentür in den akademischen und institutionellen Betrieb, die ihm in Wien versperrt blieb. Am Burghölzli arbeitete eine Reihe von Wissenschaftlern, die später als Psychoanalytiker bedeutend wurden, die Schweizer C. G. Jung (1875–1961), Ludwig Binswanger (1881–1966) und Hermann Rorschach (1884–1922), Ausländer wie Karl Abraham, Max Eitingon und Abraham Brill. 1910 wollte Freud das Zentrum der Psychoanalyse nach Zürich verlegen und die Schweiz «zum ersten Land der Psychoanalyse» machen, von dem aus deren weltweiter Siegeszug starten sollte. Mit dem Ersten Weltkrieg musste die Expansion vertagt werden, aber immerhin rettete die Schweiz die Psychoanalyse über die Kriegszerstörungen hinweg.

Doch C. G. Jung, der einstige Ziehsohn und designierte Thronfolger Freuds, hatte schon vor dem Ersten Weltkrieg zum Vatermord angesetzt, und mit den Abwehrversuchen Freuds spaltete sich 1914 die junge psychoanalytische Bewegung, nicht nur in der Schweiz. Während Jung in Zürich eine modifizierte Lehre verkündete und neue JüngerInnen um sich scharte, meinte Freud später über die in seinem Lager verbliebenen Schweizer erbittert, es herrsche hier doch eine «besondere Reinzucht von Narren».

Die Anstaltspsychiatrie griff auf einstmals abgeschaffte Wasserbäder und Elektroschocks zurück; und die Zusammenarbeit von psychiatrischen Anstalten und Behörden schuf eine ganze Reihe prominenter Opfer: Friedrich Glauser und Annemarie Schwarzenbach, der Balletttänzer Vaslav Nijinsky und der junge Leutnant K., der im Zweiten Weltkrieg als Landesverräter hingerichtet wurde, weil ihm ein hilfreiches Gutachten verweigert wurde. Und das sind bloss die öffentlich dokumentierten Fälle.

Im Zweiten Weltkrieg verzog sich Jung, der zuvor dem nationalsozialistischen Wahn durchaus ein paar faszinierende Symbole hatte abgewinnen können, endgültig in die unpolitische Archetypologie, vertrat eine ins Überzeitliche aufgeblasene Psychologie des abgeschotteten Landi-Geistes.

Aber nach 1945 blühte die Schweizer Szene erneut auf. Leopold Szondi entwickelte seine Triebtheorie, Medard Boss die Daseinsanalyse und Fritz Morgenthaler, Paul Parin und Goldy Parin-Matthèy die Ethnopsychoanalyse. Auch der Exanarchist Friedrich Liebling und sein später berüchtigter Verein für psychologische Menschenkenntnis (VPM) fassten Fuss; eine Fussnote verdient ferner der Gastauftritt der Bestsellerautorin Alice Miller («Das Drama des begabten Kindes») an der Universität Zürich in den achtziger Jahren. Die FreudianerInnen spalteten sich nach 1968 in eine konservative und eine progressive Gesellschaft, die immer noch bestehen, aber in einer Art Waffenstillstand, und jetzt beim Run auf die staatliche Anerkennung des Berufs mitmachen müssen.

Ein «schädigender Roman»

Gelegentlich erschien diese heroische Vorgeschichte in Büchern. In Thomas Manns «Zauberberg» (1924) verwandelt sich das Lungensanatorium mitunter in eine psychiatrische Pflegeanstalt, mit skurrilen Behandlungsmethoden. Kein Wunder, zeigte sich der Kleine Landrat von Davos indigniert und nahm Erika Mann 1934 in Sippenhaftung, als ihr ein Auftritt ihres Kabaretts «Pfeffermühle» nicht erlaubt wurde, wegen des «schädigenden Romans» ihres Vaters und Nobelpreisträgers. Hugo Marti lieferte im «Davoser Stundenbuch» (1935) eine kleine Etüde nach. Unübertroffen bleibt Friedrich Glausers «Matto regiert» (1936), in der schneidenden Schilderung einer psychiatrischen Klinik ebenso wie einer Psychose.

New Yorks Psychoanalysemilieu wird von Woody Allen und andern unermüdlich beschworen, und die TV-Serie «The Sopranos» hat erfolgsträchtig einen Mafiaboss aus New Jersey mit Panikattacken ausgestattet und auf die Couch einer Psychiaterin gelegt. In der Schweiz redet und schreibt man nicht ganz so häufig darüber. In Dürrenmatts «Die Physiker» (1962) ist die psychiatrische Klinik blosse Spielanlage oder dann kosmologisches Symbol. Walter Vogt, selbst Psychiater, hat die Szene gelegentlich literarisch aufgemischt. 1977 wurde «Mars» von dem unter dem Pseudonym Fritz Zorn schreibenden Fritz Angst, der eine Depression existenziell und gesellschaftskritisch zergliederte, eine Sensation; das zeigt, wie ungewöhnlich das öffentliche Verhandeln Schweizer Neurosen ist. 2001 setzte sich der Filmer Rolf Lyssy mit seiner depressiven Erkrankung in «Swiss Paradise» auseinander. In Jonas Lüschers dieses Jahr erschienenen Erfolgsnovelle «Frühling der Barbaren» wird ein Sanatoriumsaufenthalt, wie einst bei Dürrenmatt, wiederum als spielerische Rahmenerzählung gebraucht.

Eine Schweizerkrankheit

Gibt es spezifische Schweizer Neurosen? Vielleicht, wenn man angebliche «Volkseigenschaften» kulturanthropologisch relativiert. Schweizer traten einst als Söldner und Reisläufer auf, in Frankreich vor allem, dann in den Niederlanden oder in deutschen Reichsgebieten, aber auch im «Hamlet» ruft König Claudius nach seiner Leibwache, den «switzer». Wenn die Schweizer sich nicht todeswütig für ihre Herren und ihren Sold in die Bresche schlugen, wurden sie von einer seltsamen Krankheit befallen: dem Heimweh, das bald den Zunamen «Schweizerkrankheit» erhielt. Es ging über eine durchschnittliche Heimwehdepression hinaus, weil darin real und symbolisch ein Bild verknüpft war, nämlich das der reinen Alpen und der berglerischen Einsamkeit.

Die Reisläufer waren in die Fremde gezogen, um mit Geld zurückzukehren; später entdeckten einige den umgekehrten Mechanismus: Jetzt sollten die Fremden in die Schweiz kommen und das Geld mitbringen. Der Tourismus wie der Bankensektor setzen Dienstleistung, also Dienen und Diensteifer voraus. Dabei spielt die Dialektik von Herr und Knecht: Der Gast kann nur Gast sein, weil der Bedienstete ihn bedient. Der Bankkunde kann nur Kunde sein, weil ihm der Banker sein Nummernfach und seine Verschwiegenheit anbietet.

Die Ökonomin und Kulturtheoretikerin Mascha Madörin hat die Schweiz eine Nation von Butlern genannt: diskret, hilfsbereit, verschwiegen. Diskretion liesse sich geradezu als Schweizer Sekundärtugend bezeichnen. Zum Knecht gehört, dass der Dienende seine notwendige Unterwürfigkeit mit kaum verhohlener Selbstgerechtigkeit kompensiert. So stellen die weiterhin betriebenen Versuche, das verendete «Bankgeheimnis» in der Schweizer Verfassung zu verankern, einen weltweit einmaligen pathologischen Fall dar.

Erbschaften

Welche Schrecken und Geheimnisse also werden auf der Schweizer Couch (oder im unverfänglicheren Sessel) ausgeplaudert?

Vermutlich ist das Klischee von der Geldsucht nicht ganz wirkungslos, zumindest als Leere, um die herum gesprochen wird. Auch das ist natürlich ins soziale Geflecht verwoben. Die Volkskundlerin Gisela Unterweger hat in ihrer auf Interviews mit Schweizer Berufstätigen beruhenden Studie «Der Umgang mit Geld als kulturelle Praxis» den «gemässigten Konsum» und das «gemässigte Sparen» als typisches Verhalten der «gesellschaftlichen Mitte» herausgearbeitet – etwas tautologisch, aber dennoch aufschlussreich.

Tatsächlich wird in kaum einem anderen Land durchschnittlich so viel Geld gespart und vererbt wie in der Schweiz. Jährlich sind es rund 2,5 Prozent des Reinvermögens. Das macht 6,8 Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus, weit mehr als in vergleichbaren Ländern. Fast zwei Drittel der SchweizerInnen haben schon Erbschaften oder Erbvorbezüge erhalten oder erwarten sie noch. Natürlich, deren Höhe ist so ungleichgewichtig wie die Verteilung des Vermögens in der Schweiz generell. Und doch prägen solche Erwartungen eine weitverbreitete Haltung.

Denn gehortetes Geld ist aufgeschobener Konsum und Anlass zu beständiger Sorge. Erbschaft ist zugleich der psychoanalytische Gegenstand per se: Behandelt wird ja das, was uns mitgegeben ist. In der Schweiz ist diese Erbschaft der psychischen Prägung durch die Eltern zumeist mit derjeniger der harten Münze verknüpft. Deshalb wird eine Erbschaftssteuer nicht nur aus ökonomischen, sondern auch aus psychologischen Gründen bekämpft.

Wenn sie solches thematisiert, ist die Psychoanalyse nicht nur Therapie, sondern Kulturtheorie. Dazu gibt es in der Schweiz eine gewichtige Tradition, insbesondere durch die Ethnopsychoanalyse. Heute wird solche Kulturkritik etwa von Entresol betrieben, dem «Netzwerk für Wissenschaften der Psyche», mit dem die WOZ punktuell bei öffentlichen Veranstaltungen zusammenarbeitet. Denn die Seele bleibt ein gesellschaftliches Rätsel.

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