Nr. 51/2013 vom 19.12.2013

«Meine Heimat ist unten, bei den kleinen Leuten»

Der deutsche Politkabarettist Georg Schramm war letzte Woche auf Abschiedstournee in der Schweiz. Im Gespräch mit der WOZ erklärt er, warum er sich von der Bühne zurückziehen will, was er von der Grossen Koalition hält und warum die Aussichten für 2014 düster sind.

Interview: Stefan Jaeggi

WOZ: Herr Schramm, Sie gelten im Kabarett als «der Mann mit dem heiligen Zorn». Wie zornig ist der Mensch Georg Schramm?
Georg Schramm: Zorn ist im Wesentlichen die Motivation für meinen Beruf. Er kommt meinem Naturell entgegen. Ich komme aus kleinen sozialdemokratischen Verhältnissen in Hessen und bin mit der Ungerechtigkeit gross geworden, habe diese immer von unten erlebt. Dieser Ort ist wortwörtlich mein Zuhause – auch mein geistiges. Dank meiner Mutter, die mir eine Schulbildung ermöglicht hat, bin ich da dann rausgewachsen, praktisch in die intellektuelle Mittelschicht hinein. Das hat meinen Blickwinkel verändert und erweitert. Aber meine geistige und emotionale Heimat ist unten, bei den kleinen Leuten. Auch wenn ich längst wie ein gehobener Mittelschichtler lebe: Der Zorn ist geblieben. Doch für die Bühne muss er domestiziert und kultiviert, in eine Dramaturgie gezwängt werden. Um das kommt man im Kabarett nicht herum – es ist ein Unterhaltungsabend.

Wobei Kabarett nicht nur Unterhaltung bietet, sondern auch Katharsis. Der Kabarettist Matthias Deutschmann zum Beispiel hat nach dem 11. September 2001 sein Programm grundlegend geändert: Ob seiner Kritik an den Amerikanern hat das Publikum Tränen gelacht. Emotional lief da viel mehr ab als blosse Unterhaltung. Sie schaffen so etwas auch immer wieder.
Von Zuschauern höre ich das tatsächlich oft. Interessanterweise kann das bei den unterschiedlichsten Stellen im Programm passieren. Es hängt ganz vom Lebenslauf und von der jeweiligen Lebenssituation der Zuschauer ab.

Vor kurzem ist Ihr Freund und Arbeitskollege Dieter Hildebrandt verstorben. Wie hat er Sie inspiriert?
Ich bin 22 Jahre jünger als Dieter Hildebrandt, ich bin mit ihm aufgewachsen und gross geworden. Ihm verdanke ich meine politische Bildung, meine demokratische Grundausstattung. Wenn ich das sage, sehe ich immer Leute in meinem Alter nicken und sagen: «Klar, ich doch auch.» Wir haben vor dem Fernseher gesessen und Hildebrandt geschaut. Er war für mich inhaltlich wie auch von seiner Haltung her stilprägend.

Können Sie das vielleicht etwas verdeutlichen?
Dieter Hildebrandt hat sich stets als derjenige verstanden, der artikulieren kann, was die kleinen Leute bedrückt. Ein wirklich kluger, hochgebildeter Mann, der auch immer sehr offen war für neue Leute und neue Kollegen. Er war bereit, auf die Seite zu treten – davon habe ich ungeheuer profitiert. Von daher war Hildebrandt für mich mehr als ein politischer Wegweiser, er war auch stilbildend in der Art, mit jungen Kollegen umzugehen und neugierig zu bleiben. Hildebrandt hatte einen sehr langen Atem. Und er ist nicht altersmilde geworden, was ich sehr angenehm fand.

Sie sind auch nicht gerade altersmilde: Letzthin haben Sie auf die Frage, was denn nach dem aktuellen Programm noch kommen könnte, geantwortet, die Steigerung wäre das Thema Amoklauf.
Das Thema bezieht sich natürlich auf meine Figur des Rentners Lothar Dombrowski. Der ist in einer Ecke gelandet, aus der man entweder gar nicht mehr oder nur noch mit Gewalt herauskommt. Den Gedanken habe ich schon beim aktuellen Programm gehabt, aber ich habe es nicht dramatisierend auf die Bühne bringen können, was jedoch an der seelischen Grundverfassung dieser Figur nichts ändert. Alles, was ich jetzt auf der Bühne weitermachen würde, würde auch für mich bedeuten, in der Ecke zu stehen und nicht rauszukommen.

Hat da auch der kleine Mann resigniert? Anders gefragt: Sehen Sie noch Hoffnung auf positive Veränderungen in unserer Gesellschaft?
Schauen wir uns doch mal die 1:12-Initiative an, die in Deutschland von den besseren Zeitungen sehr beachtet worden ist. Hier kommt sehr wohl aus dem Inneren der Bevölkerung eine Gegenreaktion. Ob das ausreicht oder ob nicht die Destruktion – und das befürchte ich – sehr viel schneller, viel breiter und stärker ist als diese konstruktive Gegenreaktion, weiss ich nicht. Doch das ändert nichts an der Tatsache, dass es diese Bewegung gibt. Und wenn man dann mitbekommt, dass in der Schweiz so eine bahnbrechende Initiative wie 1:12 überhaupt zugelassen wird und fast ein Drittel der Stimmen bekommt, dann bin ich überhaupt nicht enttäuscht. Ich war erstaunt, dass es so weit gekommen ist. Ich war auch immer erstaunt darüber, dass in der Schweiz mehr als ein Drittel der Wähler die Armee abschaffen wollten – das ist doch grossartig.

Der ehemalige deutsche Bundeskanzler Helmut Schmidt hat einmal gesagt, wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen.
Ja, das ist die Flak-Helfer-Generation. Weil die so viele Visionen abbekommen haben, dass sie für den Rest ihres Lebens keine mehr hören wollten. Ich glaube, Helmut Schmidt würde den Satz so heute nicht mehr sagen, obwohl er ein wenig altersbockig geworden ist und ihn verteidigt. Es sind doch genug Visionen da, aber sie dringen nicht in Koalitionsverhandlungen ein. Aber je mehr ich mich damit beschäftige, umso grösser ist mein Erstaunen, wie viele Visionen und Alternativen es gibt. Bedenken Sie nur, wie viele Diskussionen um das bedingungslose Grundeinkommen, über alternatives Geld geführt werden mit Leuten, die früher nie über so etwas diskutiert hätten.

Kommt dadurch auch in der Praxis etwas in Bewegung?
Schauen wir uns zum Beispiel die Grossdemonstrationen gegen das Stuttgarter Bahnhofsprojekt an: Dabei ging es ja nicht nur um einen Bahnhof, da ging es um mehr. Deshalb glaube ich auch, dass diese Initiative nicht verloren hat, auch wenn der Bahnhof gebaut wird.

Ein weiteres Beispiel ist das Nein zu den Olympischen Winterspielen: In München und Umgebung haben es vier Gemeinden per Bürgerentscheid abgelehnt, Gastgeber der Olympischen Winterspiele zu sein. Das hat eine schlechte Presse ausgelöst, was erschütternd dumm war.

Dumm?
Nicht dumm, nein. Dahinter stand letztlich nicht Dummheit, sondern vielmehr die Absicht, nicht sehen zu wollen, was dahintersteckt.

Nämlich?
Die Leute waren nicht dazu bereit, dieser Funktionärselite des Internationalen Olympischen Komitees zu folgen und deren Irrsinn mitzumachen. Diesen Leuten geht es ja gar nicht um Sport. Aber den Gegnern wird nun vorgeworfen, das Ganze sei eine Abstimmung gegen den Wintersport gewesen, was natürlich überhaupt nicht stimmt. Ganz im Gegenteil, die meisten betreiben selber gerne Wintersport, haben aber für das IOC und dieses Geschäft nichts übrig. Und ich glaube, dass die Stimmung, die bei den Bahnhofsdemonstrationen in Stuttgart entstanden ist, auch Bürgerentscheide zu einem ganz anderen Thema, wie dem Austragungsort der Winterspiele, beflügelt hat.

Wie stehen Sie denn zur Grossen Koalition?
Gerade gestern noch habe ich mit meiner Frau darüber gestritten. Sie ist bitter enttäuscht von mir. Wir haben uns überlegt, was wir als SPD-Mitglieder gemacht hätten: Meine Frau hätte dagegen gestimmt, ich dafür. In der aktuellen Situation gibt es meiner Meinung nach für die SPD schlicht keine Alternative. Wenn man jetzt Nein sagen würde, wäre das Selbstmord aus Angst vor dem Sterben. Mich beschäftigt vor allem die Frage, was die SPD in der Grossen Koalition macht.

Was bereitet Ihnen Sorgen?
Eine Koalition, die eine verfassungsändernde Mehrheit bedeutet, trägt eine besondere Verantwortung. Sie müsste sich grundsätzlicher Probleme und Aufgaben annehmen, die nur mit einer breiten Mehrheit zu lösen sind. Doch davon steht gar nichts im Koalitionsvertrag. Ich befürchte, dass sie sich trotz dieser riesigen Machtfülle für den kleinsten gemeinsamen Nenner entscheiden werden. Sollte sich das bewahrheiten, werde ich mich gegen die Politik der Grossen Koalition, aber nicht gegen die Grosse Koalition als solche wenden. Was mir grosse Sorgen bereitet, ist, dass diese Grosse Koalition – und Deutschland ist ja nun kein unwichtiges Land in Europa – sehr säuberlich einen grossen Bogen um zentrale Themen machen wird. Aber diese Probleme sind mit Aussitzen nicht zu lösen.

Was für Probleme sind das?
Für das zentrale Problem halte ich die Massenjugendarbeitslosigkeit in Europa. Sie müsste uns alarmieren, tut es aber nicht. Es gibt Sonntagsreden, es gibt Aktionismus, aber das tiefliegende Strukturproblem des Kapitalismus, das dahintersteckt, wird ignoriert. Es werden noch Konsumenten gesucht, aber keine Produzenten mehr. Und die Jobs, die wir für Kindergärten, für Altenpflege bräuchten: Die sind nicht finanzierbar. Es ist ja kein Mangel an Arbeit vorhanden, sondern ein Mangel an bezahlbarer oder bezahlter Arbeit. Stattdessen verdienen sich andere dumm und doof.

Und was treibt Sie persönlich am meisten um?
Mich bedrücken zwei Probleme ganz ausserordentlich. Das eine ist der Zerfall Syriens. Ich will jetzt den Amerikanern keinen Vorwurf machen, dass sie nicht eingegriffen haben. Das wäre zu einfach. Aber die Hilflosigkeit, mit der wir zusehen müssen, wie eine Zivilgesellschaft für Generationen zerstört wird, finde ich grauenhaft. Ebenso grauenhaft wie unsere Ignoranz syrischen und anderen Flüchtlingen gegenüber. Das mündet in das zweite Problem: Frontex. Die EU-Grenzschutzagentur ist bei uns in Deutschland so gut wie unbekannt – dabei ist die Politik, die dahintersteht, verheerend. Und dahinter steckt wiederum das Problem der europäischen Krise, die eben nicht nur eine europäische ist.

Düstere Aussichten für 2014?
Ja. Und ich fürchte, dass nächstes Jahr Nationalisten in ganz Europa Aufwind bekommen werden, ausgehend von den Europawahlen. Die Geister, die auch Angela Merkel geweckt hat, sind so leicht nicht einzufangen.

Der Beste seines Fachs

Vom Psychologen zum Kabarettisten

Georg Schramm (64) gehört zu den bekanntesten und scharfsinnigsten politischen Kabarettisten Deutschlands. Er wuchs als Kind eines Hilfsarbeiters in Bad Homburg auf, der Stadt mit der damals höchsten Millionärsdichte Deutschlands. Nach einem Studium der Psychologie arbeitete er zwölf Jahre an einer neurologischen Klinik. Laut eigenen Aussagen suchte er nach Alternativen, als er merkte, dass er in seinem Beruf immer schlechter wurde. Er machte sich als Kabarettist selbstständig. Seinen Durchbruch schaffte Schramm nach längerer Durststrecke mit einem Auftritt in einer Fernsehsendung des SFB (Sender Freies Berlin) – ausgerechnet in dem Medium, das er bis heute für die meisten seiner Inhalte verachtet.

2007 startete Schramm mit dem Kabarettisten Urban Priol im ZDF die politische Kabarettsendung «Neues aus der Anstalt». Dort trat er bis 2010 mit seinen Kunstfiguren Lothar Dombrowski – einem renitenten preussischen Rentner mit Lederhandschuh – sowie als Oberstleutnant Sanftleben und als hessischer Sozialdemokrat und Gewerkschafter August auf. Ansonsten mied und meidet Schramm das Fernsehen, ist praktisch nie Gast in Talkshows, steht dafür regelmässig in ausverkauften Theatern auf der Bühne.

In seinem aktuellen Programm «Meister Yodas Ende. Über die Zweckentfremdung der Demenz», mit dem Schramm letzte Woche in der Schweiz auf Tournee war, lädt Dombrowski zum Seniorenabend. Das Motto: «Altern heisst nicht trauern». Es treten weiter auf: Oberstleutnant Sanftleben, Gewerkschafter August sowie sein Konterpart, ein oberflächlicher Rheinländer. Der gealterte Dombrowski will die Massen kurz vor seinem eigenen Ableben für den Kampf zwischen Gut und Böse mobilisieren. Schramms Stück ist Zeitkritik pur. Mit seinen vier Figuren seziert er die Unzufriedenheit der Deutschen unter der Oberfläche und beweist mit seinen scharfzüngigen Pointen einmal mehr, warum er als Bester seines Fachs gilt.

Silvia Süess

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