Nr. 07/2014 vom 13.02.2014

Weiss, rosa und fett

Anfechtungen bei der Nahrungsaufnahme.

Von Karin HoffstenMail an AutorIn

Ich war noch nie auf einer Kreuzfahrt und werde nach Möglichkeit auch nie eine antreten. Für mich tragen alle Kreuzfahrtschiffe den programmatischen Namen «Immer essen», wie er im amerikanischen Film «Dead Men Don’t Wear Plaid» – auch im Original auf Deutsch – einen Ozeandampfer ziert. Die Vorstellung, mich drei Wochen lang in unmittelbarer Nähe überquellender Buffets aufhalten zu müssen, schreckt mich enorm. Allein schon aus Langeweile müsste ich pausenlos zuschlagen und könnte am Zielort von Bord rollen.

Das eigentlich Tragische daran ist jedoch nicht meine persönliche Zügellosigkeit, sondern die Tatsache, dass ich diese Schwäche offenbar mit immer mehr Menschen in Industrie- und Schwellenländern teile. Wir leben ununterbrochen auf der «Immer essen» und halten unser ab und zu nachlassendes Völlegefühl für Hunger.

Aus Sorge über das sich endemisch ausbreitende Übergewicht erhebt inzwischen sogar die mexikanische Regierung auf bestimmte Lebensmittel eine Fettsteuer. All das, was nicht nur MexikanerInnen gern und viel essen und trinken – Tortillas, Süssigkeiten und Softdrinks –, wird also teurer, während das Angebot an gesünderen Nahrungsmitteln weder grösser noch billiger wird.

Nun trifft es ja nicht alle. Hier wie in Mexiko gibt es Menschen, bei deren Anblick man solch eine Steuer als komplett überflüssig empfindet, schlank mit hohem Grundumsatz, die kein Gramm zulegen, obwohl sie rund um die Uhr essen. Ich gehörte leider nie dazu. Ich war ein dickes Kind. Als ich mit acht Jahren in einem Kinderheim auf Diät gesetzt wurde, kaufte ich mir heimlich am Kiosk Kokosmakronen in Rosa und Weiss. Die waren auch gut gegen Heimweh. Über Jahre war mein Leben ein einziger Jo-Jo-Effekt.

Ich bin im Saarland, einem Bergbaugebiet, aufgewachsen. Ein Bergmann, der unter Tage arbeitet, braucht gut und gern 4000 Kalorien am Tag, entsprechend sind die dortigen Gerichte, zum Beispiel Dibbelabbes*. Heute sind die Kohlegruben längst geschlossen; wo die Eisenhütte früher glühende Funken in den Himmel sprühte, steht jetzt ein Einkaufszentrum, das der Bevölkerung entschieden weniger Energieleistung abverlangt. Doch hochkalorische Gerichte sind weiterhin beliebt. Teigwaren, Kartoffelbrei und Klösse machen nun mal glücklich. Als Kinder nannten wir es Nährschlamm.

Dass Werbung wirkt, selbst wenn eigentlich das Gegenteil bezweckt wird, habe ich kürzlich wieder am eigenen Leib erfahren. Als in einer Sendung über die suchterzeugende Wirkung von Zucker auf dem Bildschirm völlig übersüsste Müeslipackungen und Fertigbabybreie gezeigt wurden, sah ich mich plötzlich wie in Trance zum Schrank wandeln und nach Guetsli und Schokolade suchen. Leider wurde ich fündig.

* Dieses und andere saarländische Rezepte finden 
sich im Internet.

Karin Hoffsten schreibt und isst inzwischen 
in Zürich.

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