Nr. 10/2014 vom 06.03.2014

Champ-Dollon und du

Ruedi Widmer über Parallelen zu Nordkorea

Von Ruedi Widmer

Im Genfer Gefängnis Champ-Dollon hat ein Häftling 3,8 Quadratmeter Platz für sich – nur knapp weniger, als einem Einwohner des Kantons Aargau zur Verfügung steht. Der Dichtestress macht aggressiv. Seit Sonntag letzter Woche gab es mehrere Massenschlägereien mit bis zu hundert Teilnehmenden. Das Bundesgericht urteilte nun, die Haftbedingungen im Gefängnis seien nicht menschenrechtskonform. Statt der vorgesehenen 370 Häftlinge sitzen zurzeit 850 ein. Die Lage sei explosiv, es könne jederzeit zu einem weiteren Ausbruch kommen.

Die politischen DichtestresserInnen werden jetzt natürlich argumentieren, den Gefangenen gehe es nach dem Bundesgerichtsurteil (mindestens vier Quadratmeter) besser als der Schweizer Bevölkerung; und der Kampf gegen Dichtestress sei nun gerichtlich verbrieft ein Menschenrecht. Wie praktisch alle anderen (Umweltschutz, Naturschutz, Kampf der Wohnungsnot, Verkehrspolitik) wird mit dem Thema Menschenrechte eines der letzten ursprünglich linken Hoheitsgebiete auch noch der SVP preisgegeben. Die Partei wird bis nach Strassburg gehen, um den Dichtestress der nicht eingesperrten Schweizer Bevölkerung als menschenrechtswidrig zu geisseln. Mir wiederum schwebt vor, unser Leiden an der geistigen Enge, also den Dichtestress der 49,7 Prozent, vor den Europäischen Menschenrechtshof zu bringen.

Die Verwandtschaft zwischen Champ-Dollon und der aktuellen Schweiz ist weniger in der Dichte als vielmehr in der Undurchlässigkeit zu suchen. Man geht darin zugrunde, weil es keine Möglichkeit der Flucht und des Austauschs mit der Aussenwelt gibt. Ein erstes Beispiel sind die Erasmus- und Horizon-Programme, deren Verlust den Schweizer Hochschulplatz schwächt, weil die Wissenschaft auf Austausch und nicht auf der Geheimhaltung und dem Besitz von Gedanken und Ideen beruht.

Die Schweiz ist nun gezwungen, ihren StudentInnen einen Erasmus vorzutäuschen. So können etwa ETH-Studierende ein Austauschsemester in Aufräumen bei Professor Mörgeli im Zürcher Knocheninstitut belegen. Oder machen den Abschluss gleich im Albisgüetli, in einem eidgenössischen Orgasmusprogramm. Das ist auch für die neuen umweltschützerischen IsolationistInnen akzeptabel (Tram statt Flugzeug). Die Studierenden könnten auch fürs Sechseläuten einen Gleichschrittstanz einüben.

Denn schottet sich ein Land ab, ist im Innern für die Bevölkerung ein Schauspiel nötig, das diese Abschottung vergessen macht. Das kann eben mit bunten Menschenmärschen, grossen Blumengestecken und Fahnenumzügen geschehen. Oder man hetzt die eigenen Leute gegeneinander auf, und es gibt Massenschlägereien wie in Champ-Dollon.

Die SVP-Führung wird sich in solchen theatralischen Thematiken selbstverständlich mit Beratern aus dem asiatischen Nordkorea austauschen, weil Nazideutschland ja inzwischen EU-Mitglied und damit nicht mehr vertrauenswürdig ist und mit Angela Merkel und Martin Schulz erst noch die Führung der befeindeten antidemokratischen Diktatur EU stellt. Es herrscht ein grosses weltanschauliches Durcheinander.

Eigentlich müssten die linken MenschenrechtlerInnen die Ecopop-Initiative begrüssen, denn immerhin ist die Zwangssterilisierung afrikanischer Frauen ein Gegenprogramm zum evangelisch-freikirchlichen, EDU-SVP-mässigen lebensbejahenden Embryonenkult, der die BürgerInnen schon im Spermienalter mit «Sie» ansprechen will. 

Ruedi Widmer stellt seine bankrotte Heimatstadt Winterthur als inländisches Ausland zur Verfügung.

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