Nr. 12/2014 vom 20.03.2014

«Ich will keine netten Geschichten erzählen»

Mit den «kleinen Margueriten» hat die tschechische Filmemacherin Vera Chytilova 1967 ein radikales allegorisches Werk geschaffen. Einen Namen gemacht hat sie sich auch als widerständige Frau.

Von Catherine Silberschmidt

Das filmhistorisch bedeutende Werk von Vera Chytilova habe ich erstmals 1987 am internationalen Festival de Films de Femmes in Créteil bei Paris gesehen. Dort wurde seit 1979 Filmgeschichte betrieben: Jahr für Jahr präsentierte das Festival eine Werkschau von weitgehend unbekannten Regisseurinnen – angefangen bei der Filmpionierin Alice Guy. Auch die Werkschau von Chytilova war eine Weltpremiere, denn hier waren zum ersten Mal ihre vierzehn zwischen 1962 und 1986 entstandenen Spiel- und Dokumentarfilme versammelt zu entdecken. Jetzt ist die kompromisslose Ästhetin des Kinos im Alter von 85 Jahren gestorben.

Aus Anlass einer etwas kleineren Retrospektive im Zürcher Filmpodium, zu der die tschechische Filmemacherin 1988 nach Zürich eingeladen wurde, besuchte ich sie 1987 in Prag, um mehr über sie und ihre Arbeit zu erfahren. «In einem Film müssen alle menschlichen Möglichkeiten sein, die es gibt. Die Komplexität interessiert mich. Ich will keine netten Geschichten erzählen», so die Regisseurin über ihren Arbeitsstil.

«Die kleinen Margueriten»

1967 realisierte Chytilova zusammen mit ihrem Ehemann Jaroslav Kucera (Kamera) und Ester Krumbachova (Mitarbeit beim Drehbuch, Dekors und Kostüme) ihren schönsten und eigenwilligsten Film: «Die kleinen Margueriten». Marie 1 und Marie 2, zwei adoleszente Mädchen, das eine Spiegelbild des anderen, beschliessen eines Tages angesichts der Pervertiertheit der Welt, selber ein «pervertiertes» Leben zu führen. Sie stiften Verwirrung in einem Nachtclub, nehmen reiche Spiessbürger aus, stehlen Geld und machen sich über ein prunkvoll hergerichtetes kaltes Buffet her. Am Schluss des Films sieht man beide, in Zeitungstitelseiten eingeschnürt, hilflos auf den Überresten der zertretenen Köstlichkeiten liegen.

Mit satirischem Humor werden anhand von Collagen, Montagen und einer einmaligen Farbdramaturgie Körper, Erzählungen, Räume und Zeiten fragmentiert und neu zusammengesetzt, sodass man nie ganz sicher ist, ob es sich bei den Protagonistinnen um Frauen oder Puppen handelt. «Die kleinen Margueriten» gilt als bildästhetisch und philosophisch radikalstes Werk der tschechoslowakischen Nouvelle Vague. «Man war neugierig, unser Talent zu sehen, und lud uns ein, zu arbeiten», kommentierte Chytilova die produktive Atmosphäre der sechziger Jahre.

1962 hatte sie als einzige Frau zusammen mit Milos Forman die Regieklasse der Prager Filmakademie FAMU abgeschlossen. «Die Decke» (1962) heisst ihr Abschlussfilm, der 1963 mit dem ersten Preis der Internationalen Filmwoche in Mannheim ausgezeichnet wurde. Ein Mannequin ist Protagonistin in dieser Reflexion über Müssiggang und Oberflächlichkeit. Während ihres früheren – nicht abgeschlossenen – Architekturstudiums hatte Chytilova einst selber Mode vorgeführt. Auch in ihren späteren Filmen gibt es autobiografische Angelpunkte, Erfahrungen von Frauen stehen im Mittelpunkt. Das Machtverhältnis zwischen Frauen und Männern wird auf ironische Weise dargestellt und die berufliche Vormachtstellung der Männer als ungerechtfertigt entlarvt.

Weitermachen trotz Berufsverbot

Als sowjetische Truppen im August 1968 in die Tschechoslowakei einmarschierten, bedeutete dies das abrupte Ende des «Prager Frühlings» – und ein siebenjähriges Berufsverbot für die preisgekrönte Innovatorin Vera Chytilova. In dieser Zeit musste sie ihr Brot mit Werbespots für Kosmetika und Textilien beim tschechischen Fernsehen verdienen. Ihre Regiekollegen Milos Forman, Yvan Passer und Jan Nemec emigrierten in den Westen und liessen sich in Hollywood oder anderswo nieder. Die tschechoslowakische Nouvelle-Vague-Bewegung hatte sich in alle Winde verstreut.

Anders als ihr wendiger Kollege Jiri Menzel hat sich Chytilova nie vor den neuen Machthabern verbeugt. Jahr für Jahr reichte sie ein neues Drehbuch ein und schrieb offene Briefe an Staatspräsident Gustav Husak – doch innovative Filmarbeit war nicht mehr gefragt. Das hielt ihren Widerstand wach: «Dank meiner Wut haben sie es nicht geschafft, mich kleinzukriegen.» Eine Bitterkeit blieb. «Freunde können jene Leute nicht mehr werden, die mich während sieben Jahren gezwungen haben, Werbespots zu produzieren, die mich nicht ins Ausland reisen liessen und sich keinen Deut darum gekümmert haben, dass ich kein Einkommen hatte.» Auswandern kam für sie schon ihrer beiden Kinder wegen nicht infrage – aber auch deshalb nicht, weil sie nur dort arbeiten könne, wo sie «Wurzeln» habe, wie sie mir erzählte.

Bis zu ihrem letzten Lebensjahrzehnt hat Vera Chytilova gegen vierzig Spiel- und Dokumentarfilme realisiert. Neben ihrer Regiearbeit unterrichtete sie auch an der Prager Filmakademie. 2013 ist zum 45. Jubiläum des Prager Frühlings eine restaurierte DVD-Edition von «Die kleinen Margueriten» erschienen, die mit französischen Untertiteln auch bei uns erhältlich ist.

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