Nr. 15/2014 vom 10.04.2014

Musikarchäologie im Zithertal

Von Köbi Gantenbein

Bis in die fünfziger Jahre war die Zither in der ländlichen Schweiz weitverbreitet. Es gab kaum eine Stube reicherer Bauern ohne dieses Instrument. Es wurde in breiter Vielfalt gebaut, als Halszither etwa, die einer Mandoline ähnelt, oder als Akkordzither, auf deren Decke Saiten aufgespannt sind, die gezupft werden, sodass der Hohlraum zwischen Deck- und Bodenblatt Töne erklingen lässt, die an Gitarre, Bouzouki und Mandoline erinnern. Diese Version war populär, weil man ohne viel Aufwand und Üben bald akkurate Musik produzieren kann.

Wer die Romane von Jeremias Gotthelf liest, weiss, wie die Zithermusik selbst dem strengen Asketen behagt hat; in den Städten entstanden im späten 19. Jahrhundert Zithervereine, wo das Soloinstrument auffahren konnte zu symphonischem Gezither. Einen weit herum beachteten Soloauftritt gab ihm Orson Welles im Film «The Third Man» («Der dritte Mann») von 1949. Verfolgt von der Zither, hetzte Harry Lime durch die Katakomben Wiens. Doch auch Hollywood konnte das Instrument nicht halten, es verschwand auf dem Estrich.

Heute wird die Zither noch in Bayern und Österreich gebraucht. Und seit ein paar Jahren hat sie einen Hort im Kulturzentrum der Zither in Trachselwald im Emmental, wo der Musikarchäologe Lorenz Mühlemann Zithern sammelt, repariert, Noten sucht, Bücher schreibt, Kurse gibt und selbst Musikant ist. Bei Musiques Suisses, dem Label der Migros, das immer wieder Produktionen zur neuen Volksmusik herausgibt, führt er nun zusammen mit Thomas Keller vor, wie das verlorene Instrument zeitgenössisch tönt. Für «Hanottere» – das ist emmentalisch für «Zither» – hat er ein Programm zusammengestellt, das vor allem eines will: «Ich heisse Zither und klinge noch. Hör einmal hin, und lass mich nicht untergehen. Du kannst mich sogar ganz zeitgenössisch brauchen.» Die feinen Klänge zittern durch die Luft, obschon das Zittern sprachgeschichtlich mit der Zither nichts zu tun hat.

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