Nr. 15/2014 vom 10.04.2014

Die Panini-Bildchen im Kopf

Pedro Lenz über Fussballerfrisuren vor vierzig Jahren

Von Pedro Lenz

Sobald die Panini-Bildchen am Kiosk aufliegen, wissen kleine und grosse Fussballfans, dass die nächste Weltmeisterschaft nicht fern ist. Dass Kinder die Bildchen mögen, scheint in der Natur der kindlichen Seele angelegt. Für Kinder sind Bilder immer auch Geschichten. Ihre kleinen Köpfe sind noch aufnahmefähig für alle möglichen Verknüpfungen. Weshalb aber auch manche Erwachsene die Panini-Bildchen leidenschaftlich sammeln und tauschen, ist nicht ganz so einfach nachzuvollziehen.

Leute, die sich nie ernsthaft für Fussball interessiert haben, mögen sich die Beliebtheit der Fussballerbildchen mit dem natürlichen Sammeltrieb des Menschen erklären. Doch damit erfassen sie nur einen kleinen Teil des Phänomens. Für uns alternde Fans sind das Sammeln und das Tauschen der Bildchen vor allem eine Reise in die Vergangenheit. Alle vier Jahre befällt uns das Gefühl, wir hätten uns die Namen der Spieler vier Jahre zuvor noch viel besser merken können. Während Kinder eine Beige mit doppelten Bildern in Sekundenschnelle durchgehen und sofort wissen, ob ihnen dieses oder jenes Bildchen noch fehlt oder nicht, müssen wir alte Routiniers eine Liste mit Zahlen durchgehen, weil wir nie ganz sicher sagen können, ob uns jener Grieche oder dieser Algerier bekannt vorkommt.

Mit dem Alter nimmt also offensichtlich die Fähigkeit ab, sich Bilder schnell und zuverlässig merken zu können. Dafür freuen wir uns umso mehr, wenn wir bildchensammelnd an die Zeit zurückdenken können, als uns jedes Fussballerbild noch eine Welt eröffnete. In meinem Fall liegt die klarste Panini-Erinnerung exakt vierzig Jahre zurück. Beim Team des damaligen Jugoslawien spielte zum Beispiel einer, der hiess Ivica Surjak und hatte genau die Frisur, die ich gerne gehabt hätte, aber nicht haben durfte. Bei den Deutschen war Wolfgang Kleff Ersatztorhüter. Den Namen vergesse ich nie, weil er zwar ein bisschen dem Komiker Otto glich, aber an der WM in keinem Spiel zum Einsatz kam. Unter den Spielern der DDR ragte Jürgen Sparwasser heraus. Der spielte bei Magdeburg und schoss das Tor zum 1:0-Sieg gegen den späteren Weltmeister BRD. Haiti, Zaire und Australien galten als Exoten, sie hatten im Album nur eine Seite. Deutschland, Brasilien und Italien füllten dafür drei Seiten.

Damit trotzdem alle Spieler der Aussenseiter im Heft Platz fanden, waren auf einem Bildchen immer zwei Spieler abgebildet. Und weil damals nur sechzehn Teams an die WM fahren durften, hatte das Album von 1974 noch einen Anhang mit dem schönen Titel «Die grossen Ausgeschlossenen», in dem von Nationalmannschaften wie der Schweiz, England oder Spanien jeweils vier Bilder einzukleben waren. Bei den Schweizern gehörten Karli Odermatt und Köbi Kuhn dazu, bei den Spaniern war José Martínez Sánchez dabei, der unter dem sportlich klingenden Künstlernamen Pirri bekannt war. Und England wurde unter anderem von Bobby Moore repräsentiert, der nur acht Jahre zuvor im Wembley noch Weltmeister geworden war. Bei der Equipe aus Polen gab es einen Libero, der Jerzy Gorgon hiess und viele Jahre später in die Schweiz zum FC St. Gallen wechseln sollte, was 1974 natürlich noch niemand wissen konnte. Ausserdem trug der polnische Torwart Jan Tomaszewski einen Schuhbändel im Haar, was ihm die Aura eines verwegenen Indianers verlieh.

All dies und noch einiges mehr kann ich heute aufschreiben, ohne das Panini-Album von jener WM, von dem ich längst nicht mehr weiss, wo es liegt, zur Hand nehmen zu müssen. Vom aktuellen Album dagegen wüsste ich fast nichts zu sagen, obwohl ich ein Drittel der Bildchen schon eingeklebt habe. Das ist allerdings nicht weiter schlimm, denn längst sammle ich die Bildchen nur noch, weil sie mich an die Zeit erinnern, als beinahe jedes Bild noch eine Geschichte erzählte, die für immer in der Erinnerung eingraviert bleibt.

Pedro Lenz ist Schriftsteller und lebt in Olten. Der italienischen Druckerei der Gebrüder Panini aus Modena verdankt er eine Menge nutzloses Wissen.

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