Nr. 20/2014 vom 15.05.2014

Das Tabu Procol Harum

Frappante Namensähnlichkeiten

Von Ruedi Widmer

Ich habe auf Facebook Unverständnis ausgelöst mit dem Vergleich zwischen der Terroristengruppe Boko Haram und der britischen Hippieband Procol Harum. Der Vergleich kam natürlich blitzschnell und unreflektiert zustande, aber geschmacklos ist er nicht, im Gegensatz zu den blitzschnell und unreflektiert zustande gekommenen rachsüchtigen Leserkommentaren zu Boko Haram und Muslimen allgemein, die straflos auf den Newsportalen publiziert werden dürfen.

Nur fünf Buchstaben sind anders zwischen «A Whiter Shade of Pale» und den Nigerianern. Die Ähnlichkeit zwischen Putin und Göldin (sogar nur vier Buchstaben anders!), Stalin und Stahlberger oder Kim Jong Il und Kim Wilde ist ebenfalls frappant. Statt dieser Umstände werden die Überbringer, also die Satiriker, kritisiert. Das Problem ist eher, wie harmlos Satire im Vergleich zur Realität der heutigen Welt ist. Die schwedische Band Eskobar heisst fast gleich wie Drogenlord Pablo Escobar! Dazu schwingt noch das verbotene «Eskimo» (alt für «Inuit») mit, was die Geschmacklosigkeit noch vergrössert. Die englische Band Bush heisst gleich wie der amerikanische Kriegspräsident, der vor jenem Präsidenten an der Macht war, der fast wie Mubarak und Osama Bin Laden zusammen heisst. Der italienische Sänger Raf nennt sich straflos sogar ganz gleich wie eine deutsche Terrorgruppe.

Kommen wir zum geselligen Teil, zu unserer lieben Demokratie und zur «Pädophilie-Initiative». Es ist leicht, sich gegen Pädophile auszusprechen, denn Pädophilie findet niemand gut. Genauso gut könnte man ein Gesetz gegen Erdbeben fordern und die Leute, die entgegnen, das nütze nichts, als Erdbebenfreunde bezeichnen. Aber das Thema Pädophilie ist geeignet, einen Zustand der politischen Tabuisierung zu schaffen, der keinerlei Diskussionen mehr zulässt. So schaffen es viele Fragen gar nicht mehr in die Debatte. Wo ist zum Beispiel die moralische Grenze zwischen sexuellem Kindsmissbrauch und gewalttätiger Kindsmisshandlung, etwa durch Ohrfeigerei? Hilft diese Initiative wirklich den Kindern? Oder will man einfach auf Kosten von Leuten, die sich nicht wehren, politisch Stimmung machen und Medienplatz buchen? Wie ist zum Beispiel der unermüdliche Einsatz von SVP-ExponentInnen gegen sexuelle Kindsmisshandlung und die gleichzeitige Verteidigungsschlacht der gleichen Partei gegen die Aufklärung des Missbrauchs von Verdingkindern zu deuten?

Die Tabuisierung ist ein wichtiges Instrument der Schweizer Innenpolitik geworden. So ist der Fussballfan, sind der Muslim, der Bundesrat, die EU, der Asylbewerber oder die Abtreibung bereits derart tabuisiert, dass nur schon die blosse Erwähnung des Wortes bereits die Niederlage in der «Arena» bedeutet. Nicht nur die SVP, auch die Linke hat Tabuthemen geschaffen, allen voran die Themen Economiesuisse und Abzockerei, wo der Effekt umgekehrt in die bürgerliche Welt hineinwirkt. Heute muss man sagen, Thomas Minders voreilige Initiative gegen Abzocker hat nichts gebracht. Viele Linke haben blindwütig Ja gestimmt, weil sie das Wort «Abzocker» elektrisiert hat. So auch ich. Es ist zu hoffen, dass auch linke BefürworterInnen der Zuwanderungsinitiative reuig werden, die durch das Wort «Masseneinwanderung» elektrisiert wurden.

Die deutsche Sängerin Juliane Werding hat übrigens nichts mit den Verdingkindern zu tun, nur damit mir niemand diesen geschmacklosen Witz unterstellt.

Ruedi Widmer ist Cartoonist in Winterthur.

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