Nr. 23/2014 vom 05.06.2014

Hat sich dank der WM auch etwas verbessert?

Die Sozialarbeiterin und Aktivistin Tereza Onã über die Situation in den Favelas von Rio eine Woche vor der Fussballweltmeisterschaft.

Von Philipp Lichterbeck, Rio de Janeiro (Interview und Foto)

Tereza Onã vor einem «Schön ist die Frau, die kämpft»-Graffito: «Tausende Arme wurden für WM-Infrastrukturprojekte zwangsumgesiedelt. Da handelte der alte autoritäre Staat.»

WOZ: Senhora Onã, Sie arbeiten in den unterschiedlichsten Favelas von Rio de Janeiro.
Tereza Onã: Ja, ich betreue schwangere adoleszente Mädchen im Complexo do Alemão und in der Cidade de Deus. Im Complexo da Maré leite ich das Kulturprogramm einer Nichtregierungsorganisation. Ausserdem gehe ich als Menschenrechtsvermittlerin von Amnesty International in den Favelas ein und aus. Ich wurde selbst vor 47 Jahren in einer Favela im Norden Rios geboren. Mit dreizehn Jahren lief ich von zu Hause fort, weil meine Mutter, eine Alkoholikerin, mich schlug. Ich lebte vier Jahre auf der Strasse, bettelte und schnüffelte Kleber. Aber ich habe mich herausgearbeitet. Als junge Frau habe ich in verschiedenen Armenvierteln katholische Basisgemeinden aufgebaut. Es war die Zeit der Befreiungstheologie von Leonardo Boff.

In einer Woche wird die Fussballweltmeisterschaft angepfiffen. Wie stellt sich für Sie die Situation in den Favelas dar?
Sie wissen ja, dass der Bundesstaat Rio de Janeiro 2008 begann, in den Favelas eine sogenannte Befriedungspolizei zu stationieren, die UPP. Sie sollte die Macht der Drogengangs brechen und das Vertrauen der Favelabevölkerung gewinnen, das der Staat durch jahrzehntelange Ignoranz und das brutale Vorgehen der Militärpolizei völlig verspielt hatte. Diese Einheiten gibt es bisher in rund vierzig unserer geschätzten tausend Favelas. Die meisten davon liegen in Rios reicher Südzone, wo sich die WM-Touristen, die Nationalteams, die Journalisten und Fifa-Funktionäre aufhalten werden. Der Zusammenhang mit dem Event ist also klar. Eine UPP gibt es zudem in der Cidade de Deus, die in der Nähe des künftigen Olympiageländes liegt.

Welche Auswirkungen hat diese neue Politik?
Ich glaube, dass die UPPs zunächst einmal eine Chance sind. So wie ich es erlebe, wird dort, wo es sie gibt, tatsächlich viel weniger geschossen, und ich sehe keine Waffen mehr in den Händen der Drogendealer. Ich finde das positiv. Fünfzehnjährige mit AR-15-Sturmgewehren schaffen einfach kein gutes Klima. Aber trotz der UPPs wird weitergedealt, weil es eine Nachfrage gibt – so wie auf der ganzen Welt Drogen verkauft werden.

Zuletzt erlebte die Befriedungspolitik aber herbe Rückschläge.
Natürlich, dazu wollte ich gerade kommen. Ich finde, es ist wie so oft in Brasilien. Seit feststeht, dass wir die Copa veranstalten, versucht der Staat, die strukturellen Probleme unseres Landes zu überschminken. Die UPPs sind nicht geschult, werden in die Favelas geschickt, ohne zu wissen, wie sie mit der Bevölkerung umgehen sollen. Die Menschen trauen der Polizei nicht, weil sie sie immer nur als Unterdrückerin kannten. Und sie haben Angst, dass die UPP nach den Olympischen Spielen 2016 wieder abzieht und dann die Drogengangs zurückkehren. Zuletzt gab es auch Fälle, in denen UPP-Beamte Favelabewohner umgebracht haben. Daraufhin gab es Ausschreitungen – nicht nur in der Favela Pavão-Pavãozinho an der Copacabana, über die international berichtet wurde. An vielen Orten, etwa im Complexo do Alemão, versuchen die Gangs, Terrain zurückzuerobern. Ich habe das Gefühl, es spitzt sich zurzeit etwas zu.

Hat sich dank der WM auch etwas verbessert?
Eben nicht. Trotz UPP, trotz Weltmeisterschaft, trotz all der Versprechen fehlt es weiterhin an Abwasserentsorgung, Gesundheit, Bildung, Chancen. Die adoleszenten Mütter, die ich betreue, zum Beispiel: Sie glauben immer noch, dass die einzige Perspektive für sie ein Boyfriend sei. Die Jungs nutzen das aus, wollen keine Kondome benutzen, und schon sind die Mädchen wieder schwanger, mit sechzehn, siebzehn Jahren. Die Babys werden dann an die Grossmütter abgegeben. Klar, das ist auch ein kulturelles Problem. Ein anderes Beispiel: Tausende Arme wurden für Infrastrukturprojekte zwangsumgesiedelt. Da handelte der alte autoritäre Staat.

Sie arbeiten auch im Complexo da Maré, einer der schwierigsten Favelas von Rio.
Dort leben 140 000 Menschen auf zehn Quadratkilometern Fläche. Es gibt zwei Drogengangs und eine Miliz, die sich untereinander bekriegen. Die UPP würde das nicht unter Kontrolle bekommen. Nun ist vor einigen Wochen die brasilianische Armee eingerückt, weil die Maré genau zwischen zwei strategisch wichtigen Strassen liegt, die zum internationalen Flughafen führen. Ich fand es gruselig, als ich die Panzer durch die Gassen rollen sah – ausgerechnet zum Jahrestag des Militärputsches. Die Bewohner der Maré brauchen keine Panzer, sondern wollen Rechte. Vor einem Jahr massakrierte eine Eliteeinheit der Polizei neun Menschen in Maré, ich war die ganze Nacht dort. Dafür ist bis heute niemand zur Rechenschaft gezogen worden.

Sie betonen Ihre afrikanischen Wurzeln. Wie fanden Sie die Kampagne, die entstand, nachdem der brasilianische Nationalspieler Dani Alves die Banane ass, die ein rassistischer Fan auf ihn geworfen hatte?
Das war ein Gag unter dem Motto «Wir sind alle Affen» – ein verzweifelter Versuch, kurz vor der WM ein «wir» herzustellen, das es in Brasilien nicht gibt. Besonders lächerlich waren die Weissen, die nun behaupteten, sie seien Affen.

Tereza Onã (47) arbeitet seit fast drei Jahrzehnten in mehreren Favelas von Rio de Janeiro. Sie setzt sich für Frauenrechte ein, macht Jugend- und Kulturarbeit. Ausserdem ist sie eine gefragte Sängerin, die mit ihrer Gruppe afrobrasilianische Musik und Tänze aufführt.

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